: Wird die Corona-Warn-App vernachlässigt?

von Julia Klaus
02.03.2021 | 17:44 Uhr
Gratis-Schnelltests könnten an diesem Mittwoch beschlossen werden. Doch in der Corona-Warn-App kann man deren Ergebnisse weiterhin nicht eintragen - wird die App vernachlässigt?
Die Corona-Warn-App zeigt ein erhöhtes Risiko an - doch Schnelltests werden vorerst nicht integriert.Quelle: dpa
Die Bund-Länder-Gespräche könnten die kostenlosen Schnelltests für alle auf den Weg bringen. Im Gespräch sind wöchentlich zwei Antigen-Schnelltests, durchgeführt von Fachpersonal. Doch den Weg in die Corona-Warn-App werden die Test-Ergebnisse erst einmal nicht finden.
Ein RKI-Mitarbeiter, der mit der App beschäftigt ist, schreibt auf ZDFheute-Anfrage:
Die Diskussionen der Projektbeteiligten zu den Möglichkeiten einer Integration von Schnell- und/oder Selbsttests ist noch nicht abgeschlossen.
Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts
Das heißt: Solch ein Feature ist noch nicht einmal beauftragt. Umsetzen müssten es die App-Entwickler SAP und Telekom.
Gut 25 Millionen Deutsche nutzen die Corona-Warn-App, doch was hat sie bisher gebracht? Warum funktioniert sie nicht richtig und was bringen weitere Updates?

Bausteine einer neuen Teststrategie

Die Schnelltests gelten als ein wichtiger neuer Baustein für Test- und Öffnungskonzepte der Länder. In Kombination mit den seit Kurzem zugelassenen Laien-Selbsttests für Zuhause, die es bald im Discounter geben wird, soll öfter und auch verdachtsunabhängig getestet werden, um so mehr Infektionen zu erkennen.
Das Ergebnis eines Schnelltests liegt innerhalb von 15 bis 30 Minuten vor. Wer positiv getestet wird, soll sich isolieren und das Ergebnis mit einem PCR-Test bestätigen. Denn Schnelltests sind laut Gesundheitsministerium etwas weniger zuverlässig als PCR-Tests, die als "Goldstandard" gelten.

Falsch-positiver Schnelltest muss in App revidiert werden können

Bislang lassen sich in der App nur die PCR-Ergebnisse hinterlegen. Doch wenn Menschen künftig zweimal in der Woche professionell einen Abstrich machen lassen: Sollte man diese wertvollen Daten dann nicht digital eintragen? Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer findet:
Wenn mein Antigen-Schnelltest positiv ist, sollte ich das in der App vermerken können.
Martin Stürmer, Virologe
Doch für Stürmer ist wichtig: "Es muss bei einem falsch-positiven Schnelltest-Ergebnis aber auch eine Revision möglich sein." Heißt: Wenn der Schnelltest positiv ist, man das in der App vermerkt und die Kontakte gewarnt werden, man dann aber, wie vorgeschrieben, einen PCR-Test macht und dieser negativ ist: Dann muss man seinen Kontakten in der App Entwarnung geben können.

App kam spät, wurde dann gefeiert - und jetzt vernachlässigt?

Das wären weitere technische Anforderungen an die deutsche Warn-App. Sie kam später als in anderen Ländern in die App-Stores, wurde von Datenschützern und der Politik dann aber für ihren dezentralen Ansatz gefeiert. Zu Recht, wie IT-Experte Henning Tillmann ihr bescheinigt. Der Informatiker ist Co-Vorsitzender des Vereins "D64 - Zentrum für digitalen Fortschritt".
Doch mittlerweile ist Tillmann skeptisch - die App werde vom Bundesgesundheitsministerium nur noch "stiefmütterlich" behandelt, sagte er ZDFheute:
Man hat völlig versäumt, die App weiterzuentwickeln. Bis man Schnelltest-Ergebnisse dort eintragen könnte, ist die Pandemie vorbei.
Henning Tillmann, Informatiker
Der IT-Experte ist sicher: Theoretisch ließen sich auch Schnelltest-Ergebnisse etwa über einen QR-Code eintragen. "Der App ist es egal, ob das Ergebnis von einem PCR-Test oder einem Schnell-Test kommt." Dafür müsste man die Praxen, die die Schnelltests durchführen, für das System freischalten, sodass ihre Testergebnisse in der App eingetragen werden können.
[Was die App kann und was nicht, weil sie anders konzipiert wurde, erklärt Bundesdatenschutzbeauftragter Ulrich Kelber.]

Die Updates der App

Die Corona-Warn-App tauscht über Bluetooth Schlüssel mit anderen App-Nutzern aus, wenn man sich über einen längeren Zeitraum näher gekommen ist. Nach mehreren Updates kann man in einem Kontakttagebuch händisch auch die getroffenen Personen notieren. Auch Standardwerte der Pandemie wie die bundesweite Inzidenz oder die Neuinfektionen werden angegeben. Auch ist die Risiko-Berechnung seit Dezember genauer.

Schnelltests in die App - das lässt sich datenschutzkonform regeln

Am Datenschutz müsste das Vorhaben nicht scheitern, sagte ein Sprecher des Bundesdatenschutzbeauftragten ZDFheute. "Es wäre grundsätzlich möglich, die Schnelltest-Ergebnisse datenschutzkonform zu integrieren." Aber: "Weder das RKI noch das Gesundheitsministerium haben uns bislang ein Konzept für Schnelltests, die man in der App einträgt, vorgelegt."
Eine Anfrage von ZDFheute beim Bundesgesundheitsministerium zu den Schnelltests und der App blieb bislang unbeantwortet.

RKI wollte 68 neue IT-Stellen - genehmigt wurden vier

Wer trägt nun die Schuld daran, dass es mit der App nicht richtig voranzugehen scheint? Allein auf das RKI zu zeigen, greift zu kurz. Das Institut wollte 68 neue IT-Stellen besetzen, wie die Welt im Dezember berichtete. Genehmigt hat der Haushaltsausschuss: vier.
Dabei gibt es neben den Schnelltests noch weitere Ergänzungen und Wünsche. Derzeit geprüft wird die Cluster-Erkennung. Und IT-Experte Tillmann hat weitere Ideen:
Warum kann ich mir nicht anzeigen lassen, wie die aktuellen Regeln in meinem Bundesland aussehen? Warum fragt mich das Kontakttagebuch nicht jeden Abend, ob ich meine Kontakte notieren möchte?
Henning Tillmann, Informatiker
Welche Neuerungen mit dem nächsten Update der Warn-App kommen, bleibt abzuwarten. Tillmann hofft aber, dass sie "weniger stiefmütterlich" sind.

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