: Warum Digitalisierung in Schulen scheitert

von Artur Lebedew
19.12.2020 | 22:26 Uhr
Seit Jahren tüftelt der Bund an einer Online-Schulplattform. Dabei haben viele Länder längst eigene Lösungen. Ein Beispiel für die Grenzen des Bildungsföderalismus.
Deutschlands Schulen haben noch immer Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung.Quelle: dpa/Daniel Reinhardt
Lehrer und Schüler in Zeiten des Homeschoolings brauchen eines sicher: starke Nerven, wenn sie über das Internet lernen. Viele kämpfen mit komplizierten Programmen, abstürzenden Videostreams. Die Bundesregierung wollte ihnen im Frühjahr zu Hilfe eilen und ermöglichte die Nutzung der sogenannten "HPI Schul-Cloud".
Das IT-System wird seit knapp vier Jahren vom gemeinnützigen Hasso-Plattner-Institut in Potsdam entwickelt und wurde bis zum Pandemieausbruch an ausgewählten Schulen getestet. In der Krise sollten alle Schulen etwas vom knapp 20-Millionen-teuren Projekt haben.
Der Digitalpakt soll die Digitalisierung an Schulen in Deutschland vorantreiben. In der Theorie klingt das gut - doch in der Praxis hat sich bisher wenig getan.

Ziel: Eine digitale Infrastruktur für alle Schulen

Das System ist eine Art Appstore für Schulen: Lehrer und Schüler melden sich online an und erhalten einen geschützten Zugang zu Videokonferenzsystemen, Klassen-Chats oder Mathe-Software. Die meisten Anwendungen davon sind Open Source, also für jedermann kostenlos nutzbar.
So heißt das Schreibprogramm nicht Microsoft Word, sondern Libre Office. Wenig schick, eher praktisch. "Wir brauchen sowohl eine sichere Infrastruktur als auch passende Lerninhalte für die Schüler. Die HPI-Schul-Cloud bietet beides ", sagt Institutsdirektor Christoph Meinel.

Nur wenige Bundesländer nutzen die HPI-Schul-Cloud

Zwar sind seit Pandemiebeginn vereinzelte Pannen bei der Schul-Cloud bekannt geworden. Trotzdem macht das System aus Gründen des Datenschutzes und der Anwendbarkeit noch die beste Figur aller Anwendungen, finden Experten:
In den Bundesländern, die die Plattform nutzen, gibt es erheblich weniger Klagen über Homeschooling als woanders.
Heinz-Peter Meindinger, Vorsitzender des Lehrerverbandes in Deutschland
Knapp 3.300 Schulen greifen auf die HPI-Schul-Cloud seit Corona zu. Vor allem Schulen aus diesen drei Bundesländer haben sich von der Idee überzeugen lassen: Brandenburg, Thüringen und Niedersachsen. Darüber hinaus sind eher wenige hinzu gekommen. Das könnte so bleiben und ist nur ein Beispiel für die Wirren des Bildungsföderalismus:
In Deutschland herrscht ein Flickenteppich. Fast jedes Bundesland verfügt mindestens über eine eigene Online-Lernplattform.
Melanie Stilz, Wissenschaftlerin von der Technischen Universität Berlin
Mancherorts sind es sogar mehrere mit unterschiedlichen Anwendungen, erzählt Stilz weiter. So lernen in Nordrhein-Westfalen die Schüler über "Logineo", in Bayern über "Mebis", in Berlin über "Lernraum".

Hohe Investitionen in ländereigene Plattformen

Die Unterschiede zwischen den Systemen liegen in ihren Inhalten und den Anwendungen, die jedes Land auf seine Bedürfnisse zuschneiden ließ. Das hat die Bundesländer fast über zwei Jahrzehnte einiges gekostet. Alleine in die Entwicklung von Logineo floßen knapp sechs Millionen Euro.

Funktioniert Homeschooling seit der ersten Welle besser?

Der erste Lockdown hat einen echten Durchbruch bei der Nutzung digitaler Lösungen gebracht: Bei den 12- bis 19-Jährigen hatten wir im Frühjahr den größten Zuwachs einer digitalen Anwendung bei den Schul-Clouds zu verzeichnen, binnen drei Monaten stieg die Nutzung um 150 Prozent an - stärker als Tiktok.

Im ersten Quartal des Jahres 2020 haben an den Schulen 59 Prozent der 10- bis 15-Jährigen Zugriff auf Lernportale gehabt, das ist mehr als sieben Mal so hoch wie im Vorjahr.

Wird der zweite Lockdown also einfacher?

Paradoxerweise nein: Im Frühjahr haben viele Schulen einfach gemacht. Manche Landesdatenschutzbeauftragte tun sich nun damit hervor zu sagen, was alles NICHT geht. Bis es funktionierende staatlich anerkannte Lösungen gibt, müssen Schulen für den Übergang auch private Anbieter nutzen dürfen, die vielleicht nicht in allem unseren idealen Vorstellungen entsprechen.

Warum brauchen wir eine bundesweite Plattform?

Wir haben hier einfach einen Mix. Manche Länder haben im Rahmen ihrer Kultushoheit eine ganz genaue Vorstellung, wie ihre eigene Cloud aussehen soll. Jeder, der voranschreitet, ist mir lieb. Es ist vor allem wichtig, dass etwas passiert.

Die Fragen stellte Artur Lebedew.

Die Plattformen zugunsten eines einzigen Systems abzuschalten, brächte so manche Kultuspolitiker möglicherweise in Erklärungsnot. War das viele Geld umsonst? Was passiert mit den ländereigenen Lerninhalten?

Gemeinsame Cloud-Struktur für unterschiedliche Inhalte

Für HPI-Direktor Meinel und das Staatsministerium für Digitalisierung sind das die falschen Fragen. Aus ihrer Sicht liefert die Schul-Cloud lediglich eine Infrastruktur, ein gemeinsames Fundament, auf dem Länder ihre unterschiedlichen Inhalte anbieten könnten. Als solches wurde es von Anfang an konzipiert und soll im nächsten Sommer an die Kultusminister übergeben werden.
Eine gemeinsame Infrastruktur ist weitaus kosteneffizienter und sicherer zu betreiben; 16 verschiedene werden keine Überlebenschance haben.
Christoph Meinel, Direktor Hasso Plattner Institut
Auch der Lehrerverband fordert von den Ländern beim Thema Digitalisierung mehr Zusammenarbeit: "Wettbewerb sollte nicht dazu führen, dass jeder sein Ding macht", sagt Lehrer-Vorsitzende Meindinger.
Die Antwort der Bundesländer, die die Schul-Cloud nicht nutzen, klingt seit Langem gleich. Aus Baden-Württemberg heißt es etwa: "Unsere Angebote decken die bestehenden Anforderungen bereits ab."

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