: Im Tunnel der Verschwörer

von Julia Klaus
30.01.2021 | 11:54 Uhr
Auf Telegram finden Verschwörungsideologen und Rechtsextreme eine neue Heimat. Die neuen Zahlen zeigen: Die Pandemie hat das befeuert.
Telegram ist aufgrund seines laxen Umgangs mit extremistischen Inhalten umstritten.Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com
Sie fabulieren von geheimen Mächten, verbreiten Falschinformationen über das Coronavirus oder rufen zu Gewalt auf - der Messenger Telegram wird bei Verschwörungsideologen und Rechtsextremen immer beliebter. Das bestätigen neue Daten, die ZDFheute vorliegen.

Experte: Shutdown und Querdenken-Demos spülen viele auf Telegram

Der Politikwissenschaftler Josef Holnburger beobachtet seit einem Jahr zwischen 1.600 und 2.000 Kanäle und Gruppen auf Telegram. Jeden Tag speichert er die Zahl der Nachrichten, die dort verschickt werden. Die Kurve geht insgesamt nach oben - es wird immer mehr geschrieben. Zwar liegt das auch an der Pandemie und dem Rückzug ins Digitale - doch ein bestimmtes Milieu scheint Telegram für sich entdeckt zu haben.
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Tage mit besonders vielen Nachrichten haben oft einen Corona-Bezug, so der Forscher:
Die Lockdown-Maßnahmen spielten vor allem am Anfang des Jahres eine große Rolle. Auch die Tage mit "Querdenken"-Demos zogen extrem viele Menschen auf Telegram.
Josef Holnburger
Neben Ereignissen in Deutschland - am 29. August etwa den "Sturm auf den Reichstag" oder am 18. November die rechten Störer im Bundestag, die gegen das Infektionsschutzgesetz protestierten und Abgeordnete belästigten - sind auch US-amerikanische Themen ein Magnet: Während der US-Wahl am 4. November und dem Sturm aufs Kapitol am 6. Januar schossen die Nachrichtenzahlen in die Höhe.

Fundgrube für Verschwörungsmythen wie von QAnon

Ein Grund dafür könnte die Verschwörungsideologie QAnon sein, nach der Ex-US-Präsident Donald Trump eine Art Erlöser ist. Die US-Wahl und besonders der Angriff auf das Kapitol fand in diesen Kreisen wohl deshalb besonders viel Aufmerksamkeit.
Dass Telegram bei Rechtsaußen und Verschwörungsanhänger*innen beliebt ist, zeigt auch der Blick auf die größten Kanäle - bis auf das Bundesgesundheitsministerium sind es laut den Daten von Holnburger alles Influencer*innen aus diesem Bereich.
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Die drei Regeln von Telegram

Telegram stellt drei Bedingungen für seine Nutzung: Keinen Spam, keine Aufrufe zu Gewalt und kein illegales kinderpornografisches Material zu verbreiten. Doch ein kurzer Blick in öffentliche Gruppen und Kanäle zeigt: Der Messenger setzt das nicht konsequent um.
Da ist der Aufruf: "Holt die Seile!" Oder "Jetzt geht es nur noch mit Kriegsrecht und Militärtribunalen. Wenn dafür keine Leute hängen, kommen die Ratten immer wieder."
Diese Gewaltaufforderungen schrieb Oliver Janich, einer der größten rechtspopulistischen Influencer, im Kontext des Sturms aufs Kapitol. Holnburger meldete es Telegram, doch es passierte: nichts. Die Sätze stehen noch immer öffentlich in Janichs Kanal.
Auch das Bundeskriminalamt kann Löschungen beantragen. Die Behörde sagte auf Anfrage: "Erfahrungsgemäß ist Telegram nicht kooperativ, Inhalte werden nicht gelöscht."

Meinungsfreiheit versus Gesetzesbruch - die zwei Seiten von Telegram

Telegram wurde von dem russischen Aktivisten Pavel Durov gegründet, er lebt mittlerweile im Exil. Der Hauptsitz von Telegram ist offiziell Dubai. Auf Presseanfragen von ZDFheute reagiert das Unternehmen nicht. Insgesamt schweigt man sich lieber aus - gibt sich aber als libertäre Plattform, die für Meinungsfreiheit eintrete.
Telegram-Gründer Pavel DurovQuelle: AP
Es ist kein neues Phänomen: Private Tech-Firmen legen selbst die Regeln für die Kommunikation auf ihren Diensten fest. Dass das kein Staat macht, kann für Regimekritiker durchaus wichtig sein. Die Proteste in Belarus etwa organisieren sich auch über Telegram.
Doch wenn im Messenger NS-Propaganda und Lügen Tausendfach geteilt werden, kann das zu Radikalisierungen in einer geschlossenen Filterblase führen. Das deutsche NetzDG, das Anbieter verpflichtet, Hass und Hetze auf ihren Plattformen zu löschen, findet bei Telegram keine Anwendung.

Keine Lösch-Aktionen im deutschsprachigen Raum

Telegram hatte in der Vergangenheit zwar Inhalte des Islamischen Staats gelöscht, zuletzt auch nach dem "Sturm aufs Kapitol" mehrere US-amerikanische Gruppen, in denen zur Gewalt aufgerufen wurde; im deutschsprachigen Raum sind solche Löschaktionen bislang aber nicht bekannt.
Doch eine neue Ankündigung könnte das ändern. Telegram will Werbung schalten. "Da sich Anzeigen für Adidas-Schuhe neben Mordaufrufen nicht sehr gut machen würden, kann man vermuten, dass Telegram zukünftig möglicherweise eher handelt und Inhalte stärker reguliert", glaubt Holnburger.

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