Warum Corona Verschwörungstheorien befeuert

15.05.2020 | 18:00 Uhr
von Katja Belousova
In der Corona-Krise beginnen manche Bürger fragwürdigen Infos zu vertrauen, obwohl sie sonst wenig zu tun haben mit Verschwörungstheorien und Co. Dafür gibt es Gründe.
Warum glauben in der Corona-Pandemie besonders viele Menschen an falsche Verschwörungserzählungen und verbreiten sie weiter? Wir sprechen mit der Netzaktivistin Katharina Nocun.
Bei der aktuellen Berichterstattung über "Hygiene-Demos" und Gruppierungen wie „Widerstand 2020“ geht eines schnell unter: Die Mehrheit der Deutschen steht nach wie vor hinter den aktuellen Corona-Maßnahmen der Regierung. Das zeigt etwa das aktuelle ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen.
Quelle: ZDF
Diese Zahlen zeigen, dass das Grundvertrauen in die Politik noch immer stark ist. Doch dieser Zustimmung zum Trotz beobachten viele Bürger, dass sich die Diskussionen und Argumente in ihrem Umfeld verändert haben.
Menschen, die normalerweise wenig mit Verschwörungstheorien zu tun haben, teilen plötzlich fragwürdige Artikel zu Impfzwang oder Bill Gates, misstrauen offiziellen Stellen, äußern Behauptungen, denen jegliche wissenschaftliche Grundlage fehlt. Die Corona-Krise wird zum perfekten Nährboden für eine "Infodemie" - und dafür gibt es Gründe.

1. Das Gefühl der Unsicherheit

Verschwörungstheorien leben von Unsicherheit. Je mehr Menschen das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren - sei es über ihre soziale, politische, gesundheitliche oder finanzielle Lage - desto empfänglicher werden sie für Verschwörungstheorien. Das zeigt eine Vielzahl von Studien. Und gerade eine Lage wie die aktuelle sorgt bei vielen Menschen für Verunsicherung.
Unsicherheit, Angst, das Gefühl von Kontrollverlust: Sie machen uns anfälliger dafür, an Verschwörungstheorien zu glauben, erklärt Katharina Nocun.

2. Die sozialen Medien als Virenschleudern

Prof. Dr. Monika Taddicken lehrt als Kommunikationswissenschaftlerin an der TU Braunschweig.Quelle: privat
"In den sozialen Medien wird eine Menge von Inhalten generiert, die auf traditionellem Wege keinen Zugang zum öffentlichen Diskurs gehabt hätte“, erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin Monika Taddicken von der TU Braunschweig.

Darunter fallen auch Falschinformationen. Und dank Messenger-Diensten landen diese direkt auf dem privaten Mobiltelefon. Vor allem, wenn sie von Menschen aus dem engeren Umfeld herumgeschickt werden, ist die Wahrscheinlichkeit, sie zu lesen, höher, als wenn User diese Infos etwa in ihrem Facebook-Feed entdecken.

3. Eine komplexe wissenschaftliche Corona-Lage

Weil das neuartige Coronavirus relativ jung ist und es gefühlt im Minutentakt neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Sars-CoV-2 gibt, ergibt sich eine äußerst komplexe Sachlage. Diese zu überblicken, ist nicht immer leicht. Dieser Prozess führt dazu, dass Wissenschaftler ihre Einschätzungen immer wieder korrigieren und an aktuelle Studien anpassen.
Diese in der Wissenschaft gängige Praxis kann in der Allgemeinbevölkerung zu Unsicherheit führen. Gleiches gilt für den der Umgang mit Zahlen, die regelmäßig etwa vom Robert-Koch-Institut präsentiert werden.
Ich bin immer wieder positiv überrascht, dass die Kommunikation von Unsicherheiten vertrauensfördernd sein kann.
Monika Taddicken
Ein positives Beispiel sei der Virologe Christian Drosten, der bei vielen Bürgern gerade deshalb so viel Vertrauen genieße, weil er offen die vielen unsicheren Erkenntnisse in der Corona-Forschung aufzeige.

4. Corona-Fehleinschätzungen von Politikern

Nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Politik müssen Informationen und Einschätzungen aktuell immer wieder korrigiert werden. Sei es bei der anfänglichen Fehleinschätzung des Virus oder dem Tragen von Masken.
Bei Politikern werden Meinungsänderung aber besonders aufmerksam beobachtet - und nicht selten zu ihren Ungunsten ausgelegt. Ein Problem ist auch, dass selbst Spitzenpolitiker bei der sich ständig veränderten Zahlenlage nicht immer den Überblick haben - und als Folge Fehler machen, wie etwa Jens Spahn und Angela Merkel, die vor Kurzem zu hohe Infektionszahlen nannten.
[Das sind die wichtigsten Zahlen zur Corona-Pandemie - hier unsere einfache Erklärung]

5. Medienberichte über Verschwörungstheorien

Viele Medienschaffende stehen aktuell vor dem Dilemma, ob sie über Falschmeldungen und Verschwörungstheorien berichten sollen oder nicht. "Wenn so etwas in die traditionellen Medien übertragen wird, bekommt es Reichweite“, erklärt Taddicken. Dadurch steigt auch in der Allgemeinbevölkerung die Aufmerksamkeit für die Theorien.
Wichtig ist, dass man früh im Artikel ersichtlich macht, dass die Nachricht, über die hier berichtet wird, nicht stimmt. Für bestimme Menschen kann es sehr hilfreich, das früh zu sehen.
Monika Taddicken
Medienschaffende sollten sensibilisiert sein dafür, dass sie die Realität nicht verzerrt darstellen - wenn Maßnahmengegner und ihre Aktionen sehr präsent und umfangreich dargestellt werden, kann dies einen falschen Eindruck erwecken. Hier sollte eingeordnet werden anhand anhand konkreter Zahlen.
Monika Taddicken

Tipps zum Umgang mit Fakes und Verschwörungstheorien

  1. Informieren Sie sich nicht über soziale Medien zum Stand der Coronavirus-Pandemie, sondern über die offiziellen Kanäle des Robert Koch-Instituts, der WHO oder des Bundesgesundheitsministeriums.
  2. Überprüfen Sie, ob bestimmte Aussagen, Zitate oder Informationen aus dem Zusammenhang gerissen wurden - etwa ob sie sich auf den lange bekannten Stamm der Coronaviren beziehen oder auf den aktuell grassierenden Erreger Sars-CoV-2.
  3. Überprüfen Sie die Quelle der Information. Ist sie vielleicht voreingenommen oder stammt von einem Kanal, der auf die Verbreitung von Verschwörungstheorien spezialisiert ist?
  4. Viele seriöse Nachrichtenseiten haben Faktenchecks zu Mythen rund ums Coronavirus gemacht. Recherchieren Sie auch dort.
  5. Sollten Sie auf vermeintlich spektakuläre Bilder zum Coronavirus stoßen: Machen Sie eine Bilderrückwärtssuche bei Google oder Yandex. Dort kann man schnell erkennen, ob das Bild vielleicht schon länger im Internet steht und vor welchem Hintergrund es entstanden ist.
  6. Vergessen Sie nicht, auch den Faktor Zufall zu berücksichtigen. Denn die Tatsache, dass sich etwa das nationale chinesische Labor für Biosicherheit ausgerechnet in Wuhan befindet, ist kein Grund, darin die Quelle der aktuellen Pandemie zu vermuten.
Sie interessieren sich für weitere Faktenchecks zur Corona-Krise? Auf unserer Themenseite finden Sie unsere aktuellsten Berichte.

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