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Zielt hier die Polizei auf ein Kind?

von Stefan Hertrampf und Oliver Klein
04.06.2020 | 15:06 Uhr
Ein Foto aus den USA sorgt für Aufregung: Bei einer Demonstration scheint ein Polizist eine Waffe auf ein Kind zu richten. ZDFheute hat recherchiert, was wirklich passiert ist.
Quelle: Richard GrantEin Foto, das für Aufregung sorgt: Am Rande einer Demonstration in den USA zielt ein Polizist in Richtung eines Kindes.
Der amerikanische Fotograf Richard Grant beschreibt sein Bild als das "eindrucksvollste Foto, das ich je gemacht habe". Es zeigt eine Szene am Rande einer Demonstration gegen Polizeigewalt und Rassismus in Long Beach bei Los Angeles.
Ein Mann mit einem kleinen Mädchen auf der Schulter steht mehreren bewaffneten Polizisten gegenüber. Sie tragen Helme und Gummigeschosswaffen. Einer der Polizisten scheint mit seiner Waffe direkt auf das Kind zu zielen - den Finger am Abzug. Das Foto wurde allein bei Twitter fast 150.000 mal weitergeleitet, es hat über 300.000 "gefällt mir"-Angaben. Gleichzeitig mehren sich Vorwürfe, das Foto sei ein Fake. ZDFheute hat es geprüft.

Die Aufnahme ist authentisch

Aufgenommen wurde das Foto offenbar am 31. Mai im Stadtzentrum von Long Beach, in der Pine Avenue, Ecke E Broadway. Die spiegelnde Marmorsäule und die mosaikähnliche Verzierung auf dem Gebäude sind sowohl auf dem Foto als auch bei Google Streetview gut zu erkennen. Der Fotograf ist Richard Grant, nach eigenen Angaben Armee-Veteran und angehender Fotojournalist.
Die Szene aus einer anderen Perspektive
Grant hat auf seinem Instagram-Account und bei Twitter zahlreiche weitere Fotos der Demonstration hochgeladen. Eines davon zeigt die Szene mit dem Polizisten und dem Kind aus einem anderen Winkel, was für die Echtheit des Fotos spricht.

Augenzeugin bestätigt das Geschehen

ZDFheute hat außerdem Augenzeugen gefunden, die das Geschehen bestätigen. Cheantay Jensen arbeitet als Reporterin bei der "Long Beach Post". Via Mail berichtet sie ZDFheute:
Ich sah, wie der Mann mit dem Kind auf der Schulter für etwa zwei Minuten immer näher an die Polizei herantrat.
Cheantay Jensen, Reporterin der "Long Beach Post"
Auch Thomas Cordova, Redakteur der "Long Beach Post", war vor Ort und bestätigt uns via Mail: "Andere Demonstranten haben dem Vater gesagt, er soll weggehen mit seinem Kind, bevor die Situation eskaliert. Ich weiß nicht, ob er noch da war, aber ich habe ihn nicht mehr gesehen, als die Polizei zu schießen begann."
Trotz nächtlicher Ausgangssperren ebbt die Protestwelle gegen Rassismus und Polizeigewalt nicht ab. Präsident Trump droht, die Unruhen notfalls mit Militärgewalt zu beenden.

Zielte der Polizist auf das Kind?

Bleibt die Frage, ob die Polizei absichtlich auf den Mann mit dem Kind gezielt oder sogar geschossen hat. Der Fotograf Richard Grant teilte ZDFheute via Mail mit, er habe beobachtet, wie der Mann sich mit seinem Kind der Polizei näherte, die habe aber nicht mal auf ihn reagiert.
Bei Twitter schreibt Grant, die Polizei habe "niemals auf ihn geschossen, jedoch manchmal die Gummigeschosswaffe in seine Richtung gehalten." Was plausibel klingt, da die Demonstranten, die der Polizist anvisierte, hinter dem Mann standen. Auch auf dem zweiten Foto der Szene macht es den Eindruck, dass der Polizist nicht direkt auf den Mann und das Kind zielt, sondern an den beiden vorbei. Das bestätigt auch Cheantay Jensen:
Ich habe nie beobachet, dass sich die Polizei feindselig dem Mann oder dem Kind gegenüber verhalten hat. Aber offen gesagt, war ich verärgert, dass der Mann sein Kind überhaupt so nah dort hin gebracht hat.
Cheantay Jensen, Reporterin der "Long Beach Post"
Der Long Beach Post sagte Grant, er habe inzwischen mit dem Vater gesprochen. Der habe ihm gesagt, dass der Polizist seine Waffe "für einen Moment" auch auf sein Gesicht gerichtet habe. Auch eine Gummigeschosswaffe kann aus dieser kurzen Distanz schwere Verletzungen verursachen, schlimmstenfalls tödlich wirken. Da der Polizist den Finger am Abzug hatte, hätte eine kleine, auch unbeabsichtigte Bewegung in der angespannten Situation schlimmste Konsequenzen haben können.*
Mittlerweile untersucht auch die örtliche Polizei den Vorfall.
Fazit: Es spricht alles dafür, dass das Foto authentisch ist. Nach Augenzeugenberichten hat der Polizist nicht absichtlich mit seiner Waffe auf das Kind gezielt. Der Vater des Kindes sagt jedoch nach Medienberichten, der Polizist habe für einen Moment in dem ganzen Geschehen auch die Waffe auf sein Gesicht gerichtet.
*Hinweis der Redaktion: Dieser Absatz wurde in einem Update um die Aussagen des Fotografen in der "Long Beach Post" ergänzt.

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