: Wenn der Strom fehlt, versagt die Warn-App

von Peter Welchering
19.07.2021 | 21:10 Uhr
Das Wasser kam, und die Menschen wurden davon überrascht. Die Warnmeldungen kamen oft zu spät oder gar nicht. Die Katastrophenschützer wollen die Warnsysteme jetzt überprüfen.
Soll Menschen vor Katastrophen wie dem Hochwasser warnen: die Notfall-App "Katwarn" (Archivbild).Quelle: dpa
Armin Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, betont:
Wir haben 150 Warnmeldungen verschickt.
Armin Schuster, Präsident BBK
Und er hebt hervor: "Ich kenne Menschen, die durch eine Warn-App ihr Leben retten konnten." Doch die Warnungen per App in der Hochwasserkatastrophe stehen in der Kritik: Sie seien zu spät erfolgt. Die Mobilfunknetze waren zusammengebrochen. Eine Warn-App auf dem Smartphone hilft zudem nicht lange, wenn der Strom ausfällt.
ZDF Reporterin Alica Jung berichtet, dass die Menschen in Schuld weiter ohne Wasser und Strom sind. Viele Häuser seien zerstört oder voller Schlamm. Die Bundeswehr und das THW helfen, eine Behelfsstraße zu bauen, um die Menschen irgendwie zu erreichen.
Die erste Warnmeldung per App erreichte zum Beispiel in Erftstadt noch relativ viele Menschen. Über die Notfall-Informations- und Nachrichten-App (Nina) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe oder die App Katwarn, entwickelt vom Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme, erhielten die Menschen am Mittwoch vergangener Woche die Aufforderung: "Bleiben Sie möglichst zu Hause".

Ohne Mobilfunk kein Warn-Hinweis

Die Warnung vor einem Dammbruch einen Tag später erreichte dagegen schon viele Menschen nicht mehr. Denn im Katastrophengebiet funktionierte der Mobilfunk nicht mehr. Gründe hierfür waren:
  • Die Basisstationen standen teilweise unter Wasser.
  • Einige Mobilfunkstationen hatten keinen Strom mehr.
  • Bei anderen wiederum waren die Leitungen beschädigt, über die die Station am normalen Telekommunikationsnetz hängt.
In einigen Orten gab es noch Mobilfunk, aber in den Haushalten und Betrieben war der Strom abgestellt. Nach einem Tag bedeutet das für die Smartphone-Besitzer mit den Warn-Apps drauf: Der Akku war leer, kein Empfang von Warn-Hinweisen.

Probleme mit Warn-Apps haben lange Tradition

Über solche Schwierigkeiten mit den Warn-Apps wird schon lange diskutiert. Denn die erste Nina-Version ist im Jahr 2015 ausgeliefert worden. Inzwischen ist die App sieben Millionen mal heruntergeladen worden. Nina ist an das Warnsystem des Bundes angeschlossen. Die Behörde des Katastrophen- und Zivilschutzes verbreiten über Nina Warnmeldungen und Gefahrenhinweise.
Katwarn wird seit dem Jahr 2011 von unterschiedlichen Bundesländern, wie zum Beispiel Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland sowie von einigen Stadtstaaten und dem Deutschen Wetterdienst eingesetzt. Leitstellen der Kreise können mittels Katwarn Hinweise und Alarmmeldungen an die Bevölkerung geben. Bundesbehörden sind seit 2019 an Katwarn über das modulare Warnsystem des Bundes angeschlossen.
Eine Alarmübung am Warntag 2020, genauer am 10. September, war ein völliger Fehlschlag. Die Warnmeldungen gingen größtenteils nicht durch. Der damalige Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Christoph Unger, musste deshalb sein Amt aufgeben.

Sirenen und UKW-Radio sollen helfen

Auch der jetzige Bundesamts-Präsident, Armin Schuster, hat viel zu erklären. Fest steht: Nachdem die erste Flutwelle die Überschwemmungsgebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verwüstet hatte, erreichten die meisten der 150 Warnmeldungen nicht mehr alle Bürger.
Das lag natürlich auch an den zerstörten Mobilfunkstationen. Dem Katastrophenschutz fehlen die technischen Ressourcen, um Notfall-Basisstationen aufzubauen. In künftigen Katastrophenschutzplanungen soll das berücksichtigt werden.
Katastrophenschützer Schuster kündigte bereits eine Bestandsaufnahme der Warnsysteme in Deutschland an. Dazu wird auch die Warnung per Sirene gehören. Außerdem empfiehlt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe den Bürgern, sich ein batteriebetriebenes UKW-Radiogerät anzuschaffen, um im Katastrophenfall damit nachhören zu können, wo gerade welche Gefahren drohen.
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