Der Kampf gegen den KlimawandelWas kann ich tun?


Der Kampf gegen den Klimawandel

Nach dem heißen Endlos-Sommer 2018 sind viele in Sorge: Ist der Klimawandel noch aufzuhalten? Welchen Beitrag muss jetzt die Politik leisten, und was kann jeder Einzelne tun, um das Klima zu schützen?

28:34 min | 07.10.2018

100 Haushalte machen 2018 ein spannendes Experiment: Sie versuchen ein Jahr lang, den CO2-Ausstoß massiv zu reduzieren. Parallel arbeiten Forscher an der Frage, was Politik und Gesellschaft tun müssen, damit die Anstrengungen Einzelner nicht wirkungslos bleiben.

Wieder ein sogenannter Jahrhundert-Sommer: Gerade haben wir es erlebt – Hitze und Trockenheit hatten Deutschland über Monate fest im Griff. Ein Zeichen dafür, dass der Klimawandel stattfindet – und auch für uns spürbare Folgen hat. Viele fragen, was sie ganz persönlich dazu beitragen können, damit die Klimaveränderungen nicht so dramatisch ausfallen wie befürchtet. Und ob ein kleiner Beitrag überhaupt zählt – angesichts des gewaltigen CO2-Ausstoßes der Industrie.

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat hierzu 2018 ein spannendes Projekt gestartet: "Klimaneutral leben in Berlin". 100 Haushalte nehmen über ein ganzes Jahr an einem "Real-Labor" teil. Sie stellen ihr Leben um und bekommen über eine App Feedback über ihren CO2-Fußabdruck. Beraten und begleitet werden sie vom Soziologen Fritz Reusswig, der weltweit für sein Projekt wirbt. Denn letztlich lohnen sich die Anstrengungen der 100 Familien nur, wenn möglichst viele Menschen auf dieser Erde ihr Leben umstellen und ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern. Der Film begleitet zwei Haushalte bei der Herausforderung, klimaneutral zu leben: einen Single-Haushalt und eine vierköpfige Familie.

Bringt das wirklich etwas für den Klimaschutz? Oder ist der Beitrag jedes Einzelnen nur ein Alibi für Regierungen, weltweit eben nicht konsequent Klimaschutz zu betreiben?

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert ist überzeugt: Deutschland könnte wesentlich mehr tun. Kohlestrom zum Beispiel sei komplett verzichtbar. Fossile Energieträger sind in ihren Augen nicht nur umweltschädlich, sie sind letztlich auch zu kostspielig. Die Energieökonomin versucht, Entscheidungsträger weltweit von ihren Forschungsergebnissen zu überzeugen.

"planet e." begleitet Claudia Kemfert nach Kanada. Trotz grünem Image bleibt das Land einer der größten Öl- und Gasproduzenten der Erde. Claudia Kemfert ist überzeugt: Das Weltklima hat nur eine Chance, wenn die Politik endlich mitzieht und sich gleichzeitig das Bewusstsein der Menschen ändert. Für effektiven Klimaschutz braucht es nicht 100 Familien, sondern Hunderte Millionen Menschen.

Tipps der Energieberater

Wie spare ich CO2 beim Backen und Kochen?

Wie spare ich CO2 beim Backen und Kochen?

Wie sortiere ich meinen Kühlschrank klimafreundlich?

Wie sortiere ich meinen Kühlschrank klimafreundlich?

Wie spare ich CO2 beim Duschen?

Wie spare ich CO2 beim Duschen?

Warum das Standby-Licht ausschalten?

Warum das Standby-Licht ausschalten?

Wie dämme ich meine Fenster richtig?

Wie dämme ich meine Fenster richtig?

Interview mit Energieökonomin Prof. Dr. Claudia Kemfert

Aufgaben der Weltpolitik

Aufgaben der Weltpolitik

ZDF: Was muss aus Ihrer Sicht in der Weltpolitik passieren, damit die Klimaschutzziele erreicht werden?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Mit dem Abkommen von Paris, das mittlerweile drei Jahre alt ist, hat sich die Welt als Staatengemeinschaft verpflichtet, die Emissionen um 80 bis 95 Prozent zu senken. Bis zum Jahre 2050 haben wir nur wenig Zeit, um diese Ziele überhaupt noch erreichen zu können. Umso wichtiger ist es, dass wir möglichst viele Staaten an Bord bekommen, sozusagen eine „Allianz der Willigen“, die sich auch daran halten. Da gehört Deutschland ganz sicher dazu, aber auch Länder wie Kanada, die für Klimaschutz werben und das auch auf internationaler Ebene.

Zentrale Forschungsergebnisse

Zentrale Forschungsergebnisse

ZDF: Was sind Ihre Zentralen Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Wir sehen aus der Forschung, dass wir in Deutschland sehr viel mehr tun müssen, um die Emissionsminderungsziele noch zu erreichen. Zumindest die Ziele bis 2030, jene bis 2020 werden wir kaum noch erreichen können. Wichtig ist hier, dass ein Kohleausstieg möglichst schnell beginnt und im Laufe des nächsten Jahrzehnts abgeschlossen wird. Außerdem brauchen wir eine nachhaltige Verkehrswende, denn diese gehört zur Energiewende dazu. Mehr Elektromobilität und klimaschonendere Kraftstoffe sind entscheidend – dazu müssen wir den Schienenverkehr stärken und ausbauen. Diese Komponenten sind der Dreh- und Angelpunkt, um die Klimaziele zu erreichen. Wichtig aber auch: Wir müssen mehr tun, um Energie zu einzusparen.

Verzichtbare Energieträger

Verzichtbare Energieträger

ZDF: Welche Energieträger sind aus Ihrer Sicht schon heute verzichtbar?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Wenn wir die Klimaziele von Paris erreichen wollen, müssen wir die Emissionen deutlich senken. Dabei müssen wir auf nahezu alle fossilen Energieträger verzichten. Zunächst auf die schmutzigsten und emissionsintensivsten: Das ist die Braunkohle, die in Deutschland noch immer sehr umfangreich genutzt wird, gefolgt von Steinkohle, aber letztlich auch Öl und Gas – wenngleich Gas weniger emissionsintensiv ist. Es wird eine vollständige Dekarbonisierung des Wirtschaftssystems vonnöten sein.

Rolle als Energieökonomin

Rolle als Energieökonomin

ZDF: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang Ihre Rolle als Energieökonomin?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: In meiner jetzigen Position, auch als Regierungsberaterin im Rahmen des Sachverständigenrates für Umweltfragen, erstellen wir Studien, die wir natürlich in die Öffentlichkeit tragen. Wir werden nicht müde, für unsere Ergebnisse zu werben – das ist unsere Rolle als Wissenschaftler.

Offenheit der Entscheidungsträger

Offenheit der Entscheidungsträger

ZDF: Spüren Sie da eine Offenheit bei den Entscheidungsträgern? Können Sie mit Ihren Erkenntnissen überzeugen?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Man sieht schon, dass die Politik viel versucht, um die Klimaziele zu erreichen. Das ist mittlerweile auch durch öffentliche Berichte deutlich stärker geworden als noch vor 30 Jahren. Energiewende und Klimaschutzziele haben es auf die politische Agenda geschafft, obwohl dort auch immer tagesaktuelle Themen dominieren. An der Umsetzung hapert es noch, aber wichtig ist, dass wir unseren wissenschaftlichen Sachverstand dort einbringen können.

Klimaschutz und Arbeitsplätze

Klimaschutz und Arbeitsplätze

ZDF: Es gibt die Befürchtung, dass Klimaschutzmaßnahmen auf Kosten von Arbeitsplätzen gehen und die Industrie negativ beeinflussen. Was ist da dran?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Klimaschutz sollte man nicht mit Arbeitsplätzen gegeneinander aufspielen, sie sind vielmehr zwei Seiten derselben Medaille. Klimaschutz bietet enorme wirtschaftliche Chancen, weil in zukünftige Technologien und Innovationen investiert wird und damit die Wettbewerbsfähigkeit sowohl der Wirtschaft als auch der gesamten Volkswirtschaft gestärkt wird.

Dadurch entstehen neue Arbeitsplätze, was heute bereits im Bereich der erneuerbaren Energien zu beobachten ist. Gleiches gilt etwa für die Bereiche Digitalisierung und Elektromobilität. Das ist sicherlich ein Strukturwandel, den man klug begleiten muss und bei dem es nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer geben wird. Allerdings gibt es am Ende mehr Gewinner, gerade wenn es darum geht, dauerhaft wettbewerbsfähig und zukunftsfähig zu sein. Wer Umwelt- und Klimaschäden vermeidet, stärkt es die Volkswirtschaft nachhaltig.

Grünes Image von Kanada

Grünes Image von Kanada

ZDF: Sie waren jüngst in Kanada unterwegs, einer großen Industrienation, die trotzdem ein grünes Image hat. Ist dieses Bild gerechtfertigt?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Kanada macht sehr viel für den Klimaschutz, sie haben auch große Vorteile, weil sie viel Wasserkraft nutzen können und damit bereits 80 Prozent ihrer Energieversorgung sicherstellen können. Das ist schon deutlich umweltschonender als zum Beispiel Deutschland, wo noch sehr viel Kohlestrom genutzt wird. Umwelt- und Klimaschutz sind in Kanada weit verbreitet und auch der Wunsch, diesen entsprechende Maßnahmen wirklich umzusetzen. Allerdings: Auch Kanada nutzt sehr emissionsintensive und klimaschädliche Energieträger wie Ölsande. Da ist der Abbau umweltschädlich und es wird viel Wasser verbraucht. Außerdem werden Pipelines in Naturschutzgebieten gebaut, wo es zumindest fragwürdig erscheint. Dies wiederspricht den Klima- und Umweltzielen, die man eigentlich hat.

Vergleichbarkeit von Kanada und Deutschland

Vergleichbarkeit von Kanada und Deutschland

ZDF: Ist das vergleichbar mit Deutschland? Hohe Ziele, aber schwierig in der Umsetzung?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Ja, es herrscht eine ähnliche Diskussion wie in Deutschland: Einerseits ist es sehr grün, vor allem auch in Vancouver, wo wir zu Besuch waren. Es gibt dort sehr viel Radverkehr und sehr viel Positives – auf der anderen Seite aber eine fossile Industrie, die noch immer vorherrscht und gegen die es sehr schwer ist, sich durchzusetzen.

Weitere Infos und Links

Zahlen zum CO2-Verbrauch

Zahlen zum CO2-Verbrauch

  • Laut Umweltbundesamt wurden in Deutschland 2017 rund 905 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen.
  • Etwa 50 Prozent dieser Emissionen verursacht die Energiewirtschaft. Danach folgen der Verkehr mit 20 Prozent und die Industrie mit 15 Prozent. Die privaten Haushalte machen zehn Prozent aus, der Gewerbe-, Handels- und Dienstleistungssektor fünf Prozent.
  • 330 Millionen Tonnen Treibhausgase produzierte die deutsche Energiewirtschaft 2016 - zwei Drittel davon wurden durch Kohle verursacht.
  • Der Anteil Deutschlands an den weltweiten CO2-Emissionen beträgt zwei Prozent.
  • Im Schnitt produziert jeder Deutsche pro Jahr 11,6 Tonnen Treibhausgase.
  • Wollte man den globalen Temperatur-Anstieg auf weniger als zwei Grad beschränken, dürften pro Person jährlich nicht mehr als 2,5 Tonnen CO2 anfallen. In Deutschland wäre somit im Durchschnitt eine Reduktion von rund 80 Prozent nötig.

Quellen: Umweltbundesamt; Institute für Agriculture and Trade Policy; Product Carbon Footprinting

Persönliche CO2-Bilanz

Persönliche CO2-Bilanz

Wieviel CO2-Ausstoß man selbst verursacht, kann man mit dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes berechnen. Außerdem kann man prüfen, wieviel Einsparungen verschiedene Maßnahmen bringen.

Energieberatung

Energieberatung

Die Verbraucherzentralen bieten verschiedene Möglichkeiten der Energieberatung an. Kostenlos gibt es eine Online-Beratung sowie einfache telefonische Beratungen. Die kostenlose Hotline der Energieberatung der Verbraucherzentrale erreichen Sie unter: 0800–809802400. Intensivere Beratungen vor Ort oder in den Verbraucherzentralen werden gefördert, der Verbraucher muss aber einen Beitrag dafür zahlen.

Auch viele Kommunen bieten Enerbieberatung an.

Tipps zum CO2-Sparen im Alltag

Tipps zum CO2-Sparen im Alltag

  • Mobilität: Pro Kilometer produziert ein Motorrad etwa 120 Gramm Treibhausgase. Mit dem Auto sind es sogar 140 Gramm. Wer im Nahverkehr auf Bus (75g) oder Bahn (63g) umsteigt, spart etwa die Hälfte der Emissionen ein. Der wahre Klimafeind ist das Flugzeug mit 214 Gramm Treibhausgasen pro Passagier und Kilometer.
  • Kühlschrank: Die Temperatur kann auf acht Grad eingestellt werden. Jedes Grad spart etwa sechs Prozent Energie.
  • Essen: Wer weniger Fleisch isst, schont das Klima. Generell entstehen bei der Produktion von tierischen Produkten viele Kohlendioxid-Äquivalente.
  • Einkauf: Am besten saisonal und regional
  • Wasch- und Spülmaschine: Kurzprogramme sind oft energieintensiv- sie können bis zu vierzig Prozent mehr Energie verbrauchen. Meist sind Programme, die etwa eineinhalb Stunden dauern, sparsamer. Möglichst nur waschen, wenn die Maschinen voll sind. Geräte möglichst außerhalb der Hauptverbrauchszeiten nutzen.
  • Kleidung: Gebrauchte Kleidung kaufen. Kleidung lange tragen.
  • Büro: Recyclingpapier nutzen
  • Strom: Zu Ökostrom wechseln.
  • Elektro- und Elektronikgeräte: Beim Kauf auf Stromverbrauch achten. Geräte mit Standby-Funktion meiden. Wer Geräte mit Standby-Funktion besitzt, sollte sie komplett vom Netz nehmen, wenn sie nicht gebraucht werden. Abschaltbare Steckerleisten und Zeitschaltuhren sind nützliche Helfer dafür. Geräte lange nutzen und reparieren.
  • Licht: Ausschalten, wenn es nicht benötigt wird. Alte Glühbirnen durch LED-Lampen austauschen, da diese inklusive Herstellung weniger Strom verbrauchen als der weitere Betrieb der alten Glühlampe.
  • Heizen: In genutzten Räumen wird eine Zimmertemperatur von 20 Grad empfohlen, in ungenutzten Räumen sowie nachts etwa 15 Grad.
  • Lüften: Besser kurz die Fenster weit öffnen als längere Zeit in Kippstellung lüften.
  • Eigenheim: Heizung und Dämmung prüfen. Für viele Modernisierungsmaßnahmen gibt es Fördergelder.

(Quelle: CO2Online, PIK Potsdam, Verbraucherzentrale)

Terra X: Klima macht Geschichte (1/2)

Terra X: Klima macht Geschichte (1/2)

Terra X: Klima macht Geschichte (2/2)

Terra X: Klima macht Geschichte (2/2)

Links

Links

CO2-Rechner (Umweltbundesamt)
CO2-Bilanz einzelner Lebensmittel
CO2online gemeinnützige Beratungsgesellschaft mbH
Kampagne Klima sucht Schutz
KfW Förderbank
Klimaschutz beim Essen und Einkaufen (Verbraucherzentrale)
Nationale Klimaschutzinitiative (BMU)
Plattform Klimaverträglicher Konsum
Product Carbon Footprinting - Ergebnisbericht
Projekt "Klimaneutral leben in Berlin (KliB)
Presseerklärung zum Projekt KliB (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung)
Prof. Claudia Kemfert, DIW
Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, Dr. Fritz A. Reusswig
Stamm der T'Souke Indianer, Kanada
Umweltmobilcheck der Deutschen Bahn
Verkehrsclub Deutschland e.V.

Team

Der Kampf gegen den Klimawandel

Der Kampf gegen den Klimawandel

Ein Film von Ioanna Engel und Bernd Reufels
Kamera: Ralf Gemmecke / Tiemo Fenner
Schnitt: Carolyn Haag / Patrick Sell
Redaktion: Martin Ordolff
Leitung der Sendung: Volker Angres