Vize-MeisterBVB trotzig: "Wir greifen wieder an"

von Patrick Brandenburg

19.05.2019 10:35 Uhr

Nach der verpassten Meisterschaft überwiegt bei Borussia Dortmund der Stolz auf das Erreichte. Aber ein paar Lehren für die Zukunft gilt es doch noch zu ziehen.

Spieler von Borussia Dortmund klatschen nach der Partie gegen Gladbach ihren Fans Beifall
Quelle: Ap

Es hatte sich vermutlich zu lange angedeutet, um wirklich enttäuscht oder gar sauer zu sein: Nach dem 2:0-Sieg im letzten Saisonspiel in Gladbach feierten sich Fans und Spieler von Vizemeister Borussia Dortmund in der Gästekurve gegenseitig. Dass der BVB gerade die historische Chance verpasst hatte, Bayern Münchens Titelabo in der Bundesliga zu kündigen, mochte niemanden in Schwarz-Gelb mehr auf die Palme bringen. "Wir können stolz sein", sagte Torwart Roman Bürki. "Wir werden unsere Lehren ziehen und greifen wieder voll an."

Auf den ersten Blick liest sich Dortmunds Saisonbilanz beinahe meisterlich: Rang zwei mit satten 76 Punkten, drittbestes Ergebnis der Klubgeschichte. Trainer Lucien Favre hat dem BVB in seinem Debütjahr eine spektakuläre Spielidee und wieder viel Selbstbewusstsein eingepflanzt. Dass nach der fürchterlichen Vorsaison, in der die ambitionierten Westfalen gleich zwei Trainer verschlissen, der Vizetitel heraussprang, ist ein kleines Wunder. "Wir können zufrieden sein. Die Enttäuschung wird schnell verfliegen", hofft der zuletzt in die Kritik geratene Favre nach dem engsten Liga-Finish seit zehn Jahren, das ob der Münchner Nervenstärke aber zum Phantom-Krimi verkam.

"Meistertitel nicht alles"

Der börsennotierte BVB darf nicht nur das Minimalziel Champions-League-Quali unter Aktiva verbuchen: Marco Reus etwa spielte die beste Saison seiner Karriere. Der 29-Jährige ist als BVB-Kapitän zum Leader gereift, der auch Lässigkeit ausstrahlt, obwohl ihm die Krönung verwehrt blieb: "Für mich ist der Meistertitel nicht alles." Mario Götze feierte das Comeback des Jahres. Mit viel Einsatz, tollen Pässen und insgesamt sieben Toren strafte der WM-Held von 2014 alle Kritiker Lügen. In der Wackel-Rückrunde war ausgerechnet das frühere Problemkind des BVB als Ersatzstürmer und Ballverteiler mit zehn Scorerpunkten der größte Hoffnungsschimmer.

Torwart Roman Bürki stieg im vierten Dortmund-Jahr endlich zum großen Rückhalt auf. In Jadon Sancho weiß die Borussia das strahlendste Talent der Liga in ihren Reihen, das zumindest noch ein Jahr im früheren Westfalenstadion glänzt, ehe vermutlich die Premier League lockt. Auch der auf zwei Jahre angelegte Team-Umbruch hat Fortschritte gemacht, selbst wenn die Würdigung der Neuen als Mentalitäts-Monster verfrüht war. Axel Witsel hat seinen Wert für das Mittelfeld der Borussia angedeutet. Es dürfte eine der spannendsten Fragen der neuen Spielzeit sein, wozu der Belgier mit einer kompletten Saison-Vorbereitung erst fähig ist. Die Youngster Achraf Hakimi und Dan-Axel Zagadou haben trotz mancher Schwächen das Zeug für einen Stammplatz.

Ungewohnt später Titel für die Bayern

Zudem ist der BVB nicht für den generellen Webfehler der Bundesliga verantwortlich: Die Bayern sind inzwischen selbst in einem vermeintlichen Krisen-Jahr nur noch jenseits von 78 Zählern einzufangen. Diese Hypothek wird der Wettbewerb wohl nie mehr los. "Ich glaube nicht, dass es ein Dauer-Zustand ist, bis zuletzt auf die Meisterschaft warten zu müssen", giftete Bayerns Präsident Uli Hoeneß bereits Adrenalin geschwängert via TV und drohte der "Konkurrenz" nach Serientitel Nummer sieben mit neuer Dominanz und weiterer Ligalangeweile.

Dass zwischenzeitlich dennoch die neunte Meisterschaft der BVB-Geschichte greifbar war, dürfte die Analyse der Westfalen umso schmerzhafter und umfangreicher machen - ähnlich dem Vorjahr. "Wir werden uns am Dienstag zusammensetzen", kündigte BVB-Chef Hans-Joachim Watzke nach der Gladbach-Partie an, die zum Spiegelbild dieser Achterbahn-Saison geriet: Anfangs agierten die Dortmunder antriebslos wie oft in der Rückrunde und gingen glücklich in Führung. Nach dem Wechsel reichte ein starker Zwischenspurt und ein Traumtor mit dem Gütesiegel der Überflieger-Hinrunde, um die Partie zu entscheiden.

Ein paar Fragen gibt es dann schon noch

"Diese Saison ist Motivation und Verpflichtung zugleich", kündigte Sportdirektor Michael Zorc an. In ihrer Aufarbeitung wird er sich mit Watzke, Berater Matthias Sammer und Kaderchef Sebastian Kehl bestimmt nicht nur darüber unterhalten, wer neben den als sicher geltenden Zugängen Nico Schulz und Thorgan Hazard die Qualität der Mannschaft weiter erhöhen soll. Sondern auch, wieso die defensive Stabilität verloren ging, warum das Team selbst souveräne Führungen nicht über die Zeit brachte, wieso Geist und Beine so unerklärlich müde wurden. Sie werden sich auch selbst fragen müssen: Warum wurde das Ziel Meisterschaft nicht früher klar deklariert? Und warum ließ sich der seit Wochen offensichtliche Negativtrend nicht mehr stoppen? Kapitän Reus bot einen Ansatz an, der aber keinem gefallen dürfte: "Es hat die Erfahrung gefehlt und auch die Gier."

Denn diese ehrliche Selbstkritik schließt auch Trainer Favre mit ein, der - Fluch der guten Tat - mit seiner großartigen Arbeit der Herbstmeister-Hinrunde die Grundlage für die spätere Fallhöhe erst schuf. Die Chefs werden auch seine Rolle hinterfragen, ehe sie wohl bald schon den nur noch ein Jahr laufenden Vertrag verlängern. In der Crunch-Time, der heißen Saisonphase, wirkte der 61-Jährige oft zögerlich und ängstlich und setzte damit den falschen Ton. Einige unglückliche Partien gehen auch auf sein Konto, und dass er kein Motivator der Marke Klopp ist, war zwar hinlänglich bekannt, ist als Makel aber nicht wegzudiskutieren. Will der Detail-Fanatiker Favre mit dem BVB einen Titel holen, wird selbst er sich noch mal weiterentwickeln müssen.

Trainerstimmen zum Spieltag

FC Bayern - Frankfurt

FC Bayern - Frankfurt

Niko Kovac (Bayern München): "Danke an unsere Mannschaft und die Fans, wir haben Großes geleistet. Wir waren im Herbst neun Punkte hinten - ich weiß nicht, ob es so eine Aufholjagd schon mal gegeben hat. Ich bin total happy, total ausgelaugt. Jetzt werden wir uns darauf vorbereiten, dass in der nächsten Woche vielleicht noch was nach geht. Wir wollen das Double, aber wir haben im letzten Jahr gesehen, dass man niemanden unterschätzen darf."

Adi Hütter (Eintracht Frankfurt): "Bayern war zwei Klassen besser, wir waren ein guter Gast. Man hat gesehen, dass wir nach 50 Spielen ausgepresst sind wie eine Zitrone, dass die Spieler auf dem Zahnfleisch gehen. Ich bin froh, dass Mainz sein Versprechen gehalten hat."

Schalke - Stuttgart

Schalke - Stuttgart

Huub Stevens (Schalke 04): "Ich bin nicht zufrieden mit dem Spiel. Wir können es besser. Das ist enttäuschend für unsere Fans, die sich aber super bei uns bedankt haben. Dafür danke ich ihnen. Nicht nur den Fans, sondern auch dem Trainerteam und den Leuten, die nicht im Vordergrund stehen, möchte ich Dankeschön sagen."

Nico Willig (VfB Stuttgart): "Für uns geht eine schwierige Saison jetzt in die Verlängerung. Wir haben es in den vergangenen vier Spielen geschafft, dreimal zu null zu spielen und sieben Punkte zu holen. Wir glauben total an uns. Wir wollen an unsere Leistungsgrenze kommen und abliefern."

Gladbach - Dortmund

Gladbach - Dortmund

Dieter Hecking (Borussia Mönchengladbach): "Wir haben 20 bis 25 Minuten sehr gut gespielt. Nach dem aus unserer Sicht strittigen 1:0 waren wir zu passiv, sodass der Dortmunder Sieg völlig in Ordnung geht. Mit Platz vier ist es eine sehr gute Sekunde, mit der Champions League Qualifikation wäre es eine herausragende geworden. Ich bin dankbar, dass ich zweieinhalb Jahre in so einem tollen Verein arbeiten durfte."

Lucien Favre (Borussia Dortmund): "Gladbach hat sehr gut angefangen, aber wir haben es nach und nach besser gemacht und schießen dann zu einem guten Zeitpunkt das 1:0. In der zweiten Halbzeit waren wir sehr dominant und haben verdient gewonnen. Die Enttäuschung ist natürlich da, vor allem nach dem 1:1 von Frankfurt haben wir wieder gehofft. Glückwunsch an Bayern München und seinen Trainer Niko Kovac!"

Hertha - Leverkusen

Hertha - Leverkusen

Pal Dardai (Hertha BSC): "Die Spiel hat ein bisschen die gesamte Saison widergespiegelt. Leverkusen war besser und der verdiente Gewinner. Der Abschied ist für mich nichts Besonderes, ich bin so oft in dieses Stadion gegangen. Ich spüre nichts. Das Leben geht hier weiter, im Fußball zählt immer nur der nächste Pass."

Peter Bosz (Bayer Leverkusen): "Ich bin stolz auf die Mannschaft, wir haben etwas Besonderes erreicht. Ein großes Kompliment an die Spieler. Für Bayer 04 Leverkusen ist es ganz wichtig, in der Champions League zu spielen."

Bremen - Leipzig

Bremen - Leipzig

Florian Kohfeldt (Werder Bremen): "Natürlich ist da ein Hauch von Enttäuschung. Aber mit 53 Punkten und dem Pokalhalbfinale können wir zufrieden sein. Nun ist es unser Ziel, im nächsten Jahr noch ein paar Punkte mehr zu holen."

Ralf Rangnick (RB Leipzig): "Wir hatten diese Partie 60 bis 70 Minuten im Griff, so gesehen haben wir uns selbst um den verdienten Lohn gebracht. Aber insgesamt geht angesichts unserer Tabellensituation davon die Welt nicht unter. Ich wollte einigen Spielern vor dem Pokalfinale eine Pause geben und habe daher viele Spieler ausgetauscht. Für mich aber war das keine B-Elf."

Freiburg - Nürnberg

Freiburg - Nürnberg

Christian Streich (SC Freiburg): "Wir hatten unsere Durststrecke in den vergangenen Spielen. Es war total wichtig, dass wir eine Reaktion zeigen. Ich bin schon sehr, sehr erleichtert. Es war schon Druck da, weil wir nicht mit einer weiteren Niederlage aus der Saison gehen wollten."

Boris Schommers (1. FC Nürnberg): "Ich muss mich bei unseren Fans entschuldigen. Wir wollten für unsere einzigartigem Anhänger noch ein gutes Spiel machen. Das ist uns von der ersten bis zur letzten Minute nicht gelungen."

Mainz - Hoffenheim

Mainz - Hoffenheim

Sandro Schwarz (Mainz 05): "Die Gelb-Rote Karte kam für uns letztlich zu einem guten Zeitpunkt. Wir haben in den letzten Heimspielen immer mindestens drei Tore geschossen. Das ist gut, das klingt nach Spektakel. Letzte Woche haben wir Frankfurt geärgert, diese Woche haben wir ihnen geholfen."

Julian Nagelsmann (TSG Hoffenheim): "Es ist ein Spiegelbild der gesamten Saison. Wir haben uns die Butter vom Brot nehmen lassen, obwohl wir auswärts 2:0 führen. Wir haben in den letzten Wochen viel verspielt. Aber wir hätten die Punkte, die uns jetzt fehlen, auch an anderer Stelle bereits holen können."

Wolfsburg - Augsburg

Wolfsburg - Augsburg

Bruno Labbadia (VfL Wolfsburg): "Man kann sich gar nicht erträumen, dass man so ein Finale hinlegt. Es ist einfach klasse zu sehen, was zusammengewachsen ist. Ich freue mich riesig, die Mannschaft in der kommenden Saison vielleicht am Fernseher oder auch live anzusehen, je nachdem, wo ich sein werde. Es ist eine Riesensache, dass der Verein nach zwei Jahren fast in der Depression wieder europäisch spielt. Das ist ein krönender Abschluss für eine wirklich intensive Zeit."

Martin Schmidt (FC Augsburg): "Wir waren mit dem letzten Aufgebot hier, klar, waren wir jung auf dem Platz und hatten Spieler, die seit Längerem nicht mehr Bundesliga gespielt hatten. Und trotzdem darf nicht passieren, was heute passiert ist. Es war auch noch eine historisch hohe Niederlage. Ich muss mich auch vor der Liga entschuldigen, das war heute nicht konkurrenzfähig. Das war heute nicht Augsburg, wir werden in der nächsten Saison ganz anders zurückkommen."

Düsseldorf - Hannover

Düsseldorf - Hannover

Friedhelm Funkel (Fortuna Düsseldorf): "In der ersten Halbzeit hat Hannover uns das Leben sehr, sehr schwer gemacht. Wir haben in der Halbzeit die ein oder andere Korrektur vorgenommen und es in der zweiten Hälfte dann wesentlich besser gemacht."

Thomas Doll (Hannover 96): "Die Jungens haben sich heute noch einmal viel vorgenommen, wir haben die ersten 25, 30 Minuten vernünftig gekickt. Aber wir haben uns nicht belohnt. Das war ein Spiegelbild der gesamten Saison. Ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen. Am Ende konnten wir froh sein, dass wir nicht mehr Gegentore kassiert haben."

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