Filmfestival eröffnetCannes 2019: Zombies, Märtyrer und Elton John

von Ulrike Koltermann, Cannes

14.05.2019 05:59 Uhr

Die Filmfestspiele in Cannes setzen weiter auf die große Kinoleinwand statt auf Streaming. Und die Frauen haben fast die 20-Prozent-Hürde erreicht.

Es hat etwas Jenseitiges, das diesjährige Filmfestival von Cannes: Der Eröffnungsfilm "The dead don't die" erzählt von der Wiederkehr der Untoten, einer der letzten Filme trägt den hoffnungsvollen Titel "Dies muss der Himmel sein". Noch ist es nicht aus der Zeit gefallen, das Festival, das sich für das bedeutendste der Welt hält. Doch lange kann es nicht mehr dauern, meinen seine Kritiker, die schon seit Jahren den Abgesang aufs Kino singen und das Monopol des privaten Bildschirms voraussagen. 

Aber das Kino hält sich wacker, und mit ihm das Festival, das knapp zwei Wochen lang Filmemacher und Filmhändler, Schauspieler und Zur-Schau-Steller aus aller Welt an die Côte d’Azur zieht. Und es weigert sich weiterhin standhaft, Filme zu zeigen, die nur für Streaming-Dienste produziert werden und nicht auf die große Leinwand kommen. 

Festivalleiter Frémaux zur Frauenfrage in Cannes

Festivalleiter Frémaux zur Frauenfrage in Cannes

Festivalchef Thierry Frémaux nimmt die Dauerfrage nach dem geringen Frauenanteil beim Festival mit Humor. Das Filmplakat, auf dem die kürzlich verstorbene französische Filmemacherin Agnès Varda zu sehen ist, zeige, dass die Frauen manchmal auf die Männer klettern mussten, um Filme zu machen. "Aber eben auch, dass es nette Männer gab, die sie auf ihren Rücken haben klettern lassen."

Das Festival habe niemals versprochen, im Wettbewerb die gleiche Zahl männlicher und weiblicher Filmemacher zu haben - auch wenn dies das langfristige Ziel bleibe. "Alle Filme, die in Cannes im Wettbewerb gezeigt werden, haben es in unseren Augen verdient, unabhängig davon, ob Männer oder Frauen sie gemacht haben", betonte Frémaux.

Und schließlich gehe man in erster Linie ins Kino, um Emotionen zu spüren. "Das Kino ins Herz der Welt zu stellen, bedeutet auch, die Kunst ins Zentrum zu stellen. Es ist die Kunst, die  Menschen eint und Grenzen überwindet."

Schonungsloser Blick auf gesellschaftliche Missstände

Im Wettbewerb um die Goldene Palme sind viele alte Recken dabei, der Brite Ken Loach (82) ist zum 14. Mal eingeladen und hat - ebenso wie die belgischen Dardenne-Brüder Jean-Pierre (68) und Luc (65) - bereits zwei Mal die Goldene Palme gewonnen. Den dreien ist der schonungslose Blick auf gesellschaftliche Missstände gemeinsam. Ken Loach befasst sich in "Sorry we missed you" mit dem Schicksal eines scheinselbständigen Lieferwagenfahrers. Die beiden Belgier widmen sich in "Le jeune Ahmed" einem 13-Jährigen, der sich vom Islamismus faszinieren lässt.

Den größten Coup dieses Jahres landete Festivalchef Thierry Frémaux mit dem neuen Film von Quentin Tarantino "Once Upon a time in Hollywood", in dem Leonardo di Caprio den abgehalfterten Star einer TV-Westernserie spielt und Brad Pitt dessen Stuntman. Das Festival war in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten, weil es immer weniger amerikanische Stars gewinnen konnte. Für Tarantino ist es zugleich ein Jubiläum: Vor 25 Jahren hatte er hier seine erste Goldene Palme mit "Pulp Fiction" gewonnen. 

Filmszene aus dem Eröffnungsfilm der Internationalen Filmfestspiele in Cannes 2019 "The dead don't die"
Quelle: dpa

Filmbiografien über Elton John und Diego Maradona

Einen hohen Promifaktor hat auch der Eröffnungsfilm von Jim Jarmusch, der mehrere Oscar-nominierte Schauspieler für einen vermutlich skurrilen Zombiefilm zusammenbekommen hat, unter anderem Bill Murray und Adam Driver. Auf dem roten Teppich werden außerdem Stars wie der Musiker Elton John und der Fußballer Diego Maradona erwartet, denen beiden dieses Jahr ein Biopic gewidmet ist.

Neben den vielen bekannten Namen gibt es aber auch einige Neulinge, deren Filme spannend klingen. Die franko-senegalesische Filmemacherin Mati Diop beschreibt in "Atlantique" die Flucht junger Afrikaner nach Europa aus der Perspektive der zurückbleibenden Frauen in Dakar. Ladj Ly, ein Franzose mit malischen Wurzeln, erzählt in "Les misérables" vom Leben in einer Pariser Vorstadt.

Elton John
Quelle: ap

Wener Herzog liefert japanischen Film "Family Romance LLC"

Der deutscheste Film ist sicher "Ein verborgenes Leben" des Amerikaners Terrence Malick. Es ist die Geschichte des österreichischen Wehrdienstverweigerers Franz Jägerstätter, gespielt von August Diehl, der von den Nazis hingerichtet wurde und von der katholischen Kirche als Märtyrer anerkannt wurde. Außer Konkurrenz läuft der Film "Family Romance LLC", den der deutsche Altstar Werner Herzog allerdings in Japan und auf Japanisch gedreht hat.

Die Frauenfrage wird Cannes auch weiterhin beschäftigen. Dieses Jahr sind vier von 21 Filmen von Frauen gemacht, also schon mal knapp ein Fünftel. Der Tag, an dem die zweite Frau seit Jane Campion 1993 eine Goldene Palme erhält, rückt unaufhaltsam näher. Unterdessen gibt das Festival sich erstmals familienfreundlich und hat nach Protesten im vergangenen Jahr zumindest mal eine Still- und Wickelecke eingerichtet. 

Regisseur Werner Herzog (2018)
Quelle: dpa