Claudia Roth über Flüchtlinge"Alle, Herr Dobrindt!" - Geschichte einer Fake News

von Florian Neuhann, Berlin

04.07.2018 19:25 Uhr

Am Anfang war es ein ironischer Ausruf, am Ende vermeintliche Tatsache: Wollen die Grünen 70 Millionen Flüchtlinge aufnehmen? Das behauptet Alexander Dobrindt im Bundestag.

Claudia Roth
Quelle: dpa

Die Geschichte beginnt mit einem ironischen Ausruf, mitten in einer lebendigen Bundestagsdebatte, am 28. Juni dieses Jahres. Alexander Dobrindt, CSU-Landesgruppenchef, wirft den Grünen vor, sie hätten bis heute nicht erklärt, was sie eigentlich in punkto Flüchtlinge wollten. Und fragt dann, wie viele von den "70 Millionen" Flüchtlingen die Partei denn aufnehmen wolle.

Die Grünen-Politikern Claudia Roth ist selten um einen Spruch verlegen, und so ruft sie in diesem Moment dazwischen: "Alle, Herr Dobrindt!" Der Ausruf ist – in dem Moment eigentlich erkennbar für alle Anwesenden – ironisch gemeint. Die Grünen haben eine andere Haltung zur Flüchtlingsfrage als die CSU. Selbstverständlich aber will die Partei nicht "alle Flüchtlinge" oder "70 Millionen" aufnehmen. Das bestätigt Claudia Roth heute auch erneut gegenüber heute.de. Ihr Zwischenruf habe sich ironisch auf die Kampagne der neuen Rechten gegen die Grünen bezogen. Auch aus der Grünen-Spitze hieß es, das sei natürlich ironisch gemeint gewesen.

Der Scherz wird aufgegriffen

Ein polemischer Wortwechsel im Bundestag, wie er in dieser Legislaturperiode häufiger vorkommt. Sarkastisch, mit einem vielleicht misslungenen Scherz reagiert Roth auf die überspitzte Frage Dobrindts: Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein. Doch für Claudia Roth geht die Geschichte jetzt erst richtig los.

Der Leiter des Parlamentsbüros der "Bild"-Zeitung twittert den Screenshot des Parlamentsprotokolls – ohne Hinweis, dass es sich hier um Ironie handeln könnte. Der Tweet wird hundertfach geteilt.

Bald entdecken rechte Blogs das Bundestagsprotokoll. Am 30. Juni schreibt das Portal "Jouwatch", eines der wichtigsten Sprachrohre der neuen Rechten; "70 Millionen mehr – Hat Claudia Roth jetzt endgültig den Verstand verloren". Der Artikel nimmt Bezug auf ein "im Netz kursierendes Protokoll der Bundestagsdebatte".

Hassmails nehmen Bezug auf den Scherz

Das Protokoll ist echt – das, was "Jouwatch" daraus macht, angesichts der Vorgeschichte relativ absurd. So heißt es in dem Text: "Frau Roth möchte also, dass knapp 70 Millionen Menschen zusätzlich in Deutschland untergebracht und finanziert werden. Doch wer die unersättliche Gier dieser Dame kennt, weiß, dass ihr das noch nicht ausreicht."

Der Blog-Artikel wird kommentiert und geteilt, verbreitet sich schnell in rechten Kreisen. Viele Leser fühlen sich offenbar bestätigt. Claudia Roth, ohnehin schon Hassobjekt vieler, erhält Hassmails, die sich nun auch auf diese Passage des Bundestagsprotokoll beziehen.

Der Ausruf landet wieder im Parlament – als "Tatsache"

Und schließlich landet der ironische Ausruf wieder im Parlament – diesmal allerdings als vermeintliche Tatsache, vorgetragen von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt in der Generaldebatte am heutigen Mittwoch. Dobrindt referiert in seiner Rede erneut seine Frage vom 28. Juni, wie viele von den 70 Millionen Flüchtlingen die Grünen aufnehmen wollten. Und sagt dann: "Claudia Roth hat darauf eine Antwort gegeben, die auch im Protokoll nachzulesen ist: alle!" Die Passage gipfelt in der an die Grünen gerichteten Feststellung: "Sie wollen alle Flüchtlinge aufnehmen, die auf der Welt unterwegs sind!"

Roth: erschüttert – Dobrindt: keine Reaktion

Gegenüber heute.de zeigt sich die Grünen-Politikerin Roth erschüttert: "Dobrindt weiß natürlich, dass das nicht nur völliger Blödsinn, sondern eine gezielte Kampagne der völkischen Rechten ist", so Claudia Roth. "Wenn er nun sogar bereit ist, einer solchen Verhetzung per Rede in den Bundestag zu verhelfen, ist das respektlos und brandgefährlich."

Und Dobrindt? Eine Bitte um Stellungnahme von heute.de ließen der CSU-Politiker und sein Büro am Mittwoch trotz mehrfacher Nachfrage unbeantwortet. Die Fake News hat unterdessen an Fahrt gewonnen.

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