: Sachsen: Zahlen, Reaktionen, Analysen

von Kevin Schubert
02.09.2019 | 00:09 Uhr
Die CDU verliert in Sachsen Stimmen, bleibt aber stärkste Kraft. Welche Koalitionen jetzt denkbar sind, warum Sachsen so gewählt hat und die wichtigsten Reaktionen - ein Überblick.

Das vorläufige amtliche Endergebnis im Überblick:

  • Die CDU bleibt stärkste Kraft. Die Partei von Ministerpräsident Michael Kretschmer kommt auf 32,1 Prozent. Das ist deutlich weniger als bei der letzten Landtagswahl 2014 (39,4 Prozent).
  • Die AfD gewinnt deutlich an Stimmen: Im Vergleich zu 2014 (9,7 Prozent) kann die Partei ihr Ergebnis fast verdreifachen. Sie kommt auf 27,5 Prozent.
  • Die Linke verliert deutlich. Nach 18,9 Prozent im Jahr 2014 kommt sie nun auf 10,4 Prozent.
  • Die SPD fährt ihr historisch schlechtestes Ergebnis im Freistaat ein. Sie kommt nur auf 7,7 Prozent - deutlich weniger als 2014 (12,4 Prozent).
  • Die Grünen legen zu, verpassen aber ein zweistelliges Ergebnis. Sie kommen auf 8,6 Prozent, bei der letzten Landtagswahl waren es 5,7 Prozent.
  • Die FDP scheitert wohl erneut an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Liberalen erhalten 4,5 Prozent der Wählerstimmen. Bereits 2014 war die FDP in Sachsen gescheitert: Damals kam sie auf 3,8 Prozent.
  • Auch für die Freien Wähler reicht es nicht. Sie kommen auf 3,4 Prozent. Das ist eine deutliche Steigerung zur vergangenen Wahl, als die Freien Wähler 1,6 Prozent holten.
  • Die Anderen - darunter die neue Partei von Ex-AfD-Chefin Frauke Petry - kommen auf 5,8 Prozent.

Die Wahlbeteiligung ist deutlich höher als bei der vergangenen Landtagswahl: Insgesamt gaben 66,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. 2014 waren es nur 49,2 Prozent. Etwa 3,3 Millionen Sachsen waren wahlberechtigt.
Gewinne und Verluste im Vergleich zur vergangenen Landtagswahl.Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Diese Koalitionen sind jetzt möglich:

  • Für eine Große Koalition, die bislang in Sachsen regiert hat, reicht es nicht mehr. CDU und SPD kämen nach der Hochrechnung nur noch auf 55 Sitze. Für die Mehrheit im Landtag sind 61 Sitze notwendig.
  • Machbar wäre - rein rechnerisch - eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Die sogenannte Kenia-Koalition käme auf 67 Sitze. Auch ein Dreierbündnis aus CDU, SPD und die Linke wäre möglich (71 Sitze). Eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei hatte die CDU aber ausgeschlossen.
  • Auch ein Bündnis aus CDU und AfD wäre möglich: Die Parteien kämen zusammen auf 84 Sitze. Allerdings hatte die CDU auch hier eine Zusammenarbeit vor der Wahl ausgeschlossen. Zudem ist noch unklar, mit wie vielen Kandidaten die AfD in den Landtag einziehen wird: Auf ihrer Landesliste wurden nur 30 Kandidaten zugelassen. Die Partei überlegt noch, deshalb zu klagen.

Wie die Parteien in Sachsen inhaltlich zueinander stehen, können Sie hier in unserem Koalitions-Navi nachschauen.
Die Sitzverteilung im neuen sächsischen Landtag - wobei noch unklar ist, wie viele Sitze die AfD tatsächlich bekommen wird.Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

So haben die einzelnen Wahlkreise gewählt:

Wie die Parteien in den einzelnen Wahlkreisen abgeschnitten haben, können Sie auf unserer interaktiven Karte nachverfolgen. Spannend waren vor allem zwei Entscheidungen:

Erstens: Ministerpräsident Kretschmer hat das Direktmandat im Wahlkreis "Görlitz 2" geholt. Bei der Bundestagswahl 2017 verlor Kretschmer noch gegen den AfD-Politiker Tino Chrupalla. Und bei der Oberbürgermeisterwahl im Mai gewann der CDU-Kandidat Octavian Ursu erst in der Stichwahl, nachdem die Grüne Franziska Schubert ihre Kandidatur zurückgezogen hatte. Im ersten Wahlgang hatte AfD-Kandidat Sebastian Wippel deutlich gesiegt.

Zweitens: Die frühere AfD-Chefin Frauke Petry hat mit ihrer neuen Partei im Wahlkreis "Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 3" nur 805 Stimmen oder 2 Prozent geholt. Bei der Bundestagswahl 2017 holte Petry mit der AfD noch ein Direktmandat. Gewonnen hat den Wahlkreis der AfD-Kandidat Jan-Oliver Aldo Zwerg.

Bei den Direktmandaten hat die CDU in Sachsen klar die Nase vorn. Sie gewann 41 Direktmandate. Es folgen die AfD mit 15, die Grünen mit drei und die Linke mit einem Direktmandat.
Die AfD hat in Sachsen in 15 Wahlkreisen ein Direktmandat errungen - die CDU in 41.Quelle: Statistisches Landesamt Brandenburg/heute.de

So informieren wir Sie heute über die Landtagswahlen:

  • Alle aktuellen Entwicklungen aus Sachsen und Brandenburg gibt es in unserem Liveblog.
  • Alle relevanten Grafiken gibt es in unseren Wahltools zu Sachsen und Brandenburg.
  • Wie die Wähler in den einzelnen Wahlkreisen gewählt haben, sehen Sie hier für Sachsen und Brandenburg.
  • Wie das Wählerverhalten zu interpretieren ist, lesen Sie in den Wahlanalysen zu Sachsen und Brandenburg.
  • Noch mehr Hintergründe und Analysen gibt es auf den Schwerpunkt-Seiten zu Sachsen und Brandenburg.

Warum die Sachsen so gewählt haben:

Die Analyse der Forschungsgruppe Wahlen erklärt, warum die Sachsen so gewählt haben. Die zwei wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst:
  • Die CDU profitiert von Kretschmer: Der Ministerpräsident ist in Sachsen hervorragend angesehen (+2,3 auf einer +5/-5-Skala) und hat eine sehr gute Leistungsbilanz - 78 Prozent aller Befragten im Freistaat bescheinigen ihm eine gute Arbeit.
  • Die AfD ist nicht nur Protestpartei: Zwar wird die AfD von 28 Prozent gewählt, um den anderen Parteien einen "Denkzettel" zu verpassen. 70 Prozent wählen sie aber "wegen ihrer politischen Forderungen". Klar wichtigstes Thema für die AfD-Wähler ist der Bereich Ausländer/Flüchtlinge.

Wie ZDF-Chefredakteur Peter Frey kommentiert:

So reagieren die Parteien:

Die CDU: Ministerpräsident Michael Kretschmer spricht von "einem wirklich guten Tag" für Sachsen. "Wir haben gemeinsam gekämpft, wer wird stärkste Kraft, wer wird Ministerpräsident." Die CDU habe es geschafft, die Wahl für sich zu entscheiden. "Wir haben dem Land neuen Schwung gegeben", es geschafft, "neues Vertrauen zu generieren". Jetzt gehe es darum, mit Demut an die Arbeit zu gehen - und dem Freistaat eine "stabile Regierung zu geben". Die werde es nicht mit der AfD geben. "Ich möchte eine vernünftige Regierung für dieses Land bilden - und keine Populisten und Spalter."

Der Unions-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Ralph Brinkhaus, beglückwünscht Kretschmer zu einem "unglaublichen Kampf". Kretschmer habe in letzten Wochen aufgeholt und - wie schon in der Vergangenheit - bewiesen, dass er mit schwierigen Situationen umgehen könne.
Die AfD: Spitzenkandidat Jörg Urban spricht von einem "historischen Tag" für die AfD. Er sieht seine Partei als Wahlsieger des Abends. Trotzdem strebt er wegen des Streits um die Landesliste eine Neuwahl an. "Wir haben ja schon vor der Wahl gesagt, wir werden in jedem Fall den Rechtsweg gehen, was die Listenstreichung betrifft." Das gelte unabhängig von der Frage, "ob wir alle Plätze besetzt kommen oder nicht", sagt Urban im MDR.

Bundessprecher Jörg Meuthen zeigt sich "hochzufrieden". In Sachsen habe man das Ergebnis mehr als verdoppelt, "mehr geht nicht". Die Alternative habe "die Menschen verstanden".

CDU Sachsen

AfD Sachsen

SPD Sachsen

Grüne Sachsen

Die Linken: Die Bundesvorsitzende Katja Kipping gesteht: "Die Ergebnisse schmerzen echt." Bislang hätten die Linken für den Protest gestanden, voller "Achtung vor Menschen und der Demokratie". Einige Wähler hätten sich entschieden, nun auf eine andere Art des Protestes zu setzen - "voller Verachtung für den Menschen und Verachtung der Demokratie".
Die Grünen: Der Bundesvorsitzende Robert Habeck freut sich über "ein fantastisches Ergebnis, das beste, das wir je hatten". Zwar seien die Umfragen besser gewesen. Allerdings seien auch Wähler zur CDU gegangen, um zu verhindern, dass die AfD stärkste Kraft werde. "Das ist ein wahltaktisches Verhalten, das total nachvollziehbar ist." Er erwarte nun, dass die CDU den sehr konservativen Kurs, den sie gefahren habe, ändern werde.
Die SPD: Die kommissarische Parteivorsitzende Manuela Schwesig beobachtet ein Wahlergebnis, das von der Polarisierung in der Bevölkerung geprägt sei. Sehr viele Menschen hätten AfD gewählt, um ihren Protest auszudrücken. Auch Schwesigs Kollege Thorsten Schäfer-Gümbel sagt, aufgrund der Polarisierung zwischen CDU und AfD sei kein besseres Ergebnis möglich gewesen.

Vizekanzler Olaf Scholz lobt Spitzenkandidat Martin Dulig, der sich sehr eingesetzt und "tapfer" gekämpft habe. Die Ergebnisse der AfD seien bedrückend. Es gehe darum, die Fragen und Probleme zu klären, die die Bürger beschäftigten.
Die FDP: Parteichef Christian Lindner sagt, seine Partei habe eine tolle Kampagne gehabt. Deshalb bedauere er es sehr, dass es wohl nicht für den Landtag reiche.

CDU

Der Vorsitzende der Union-Bundestagsfraktion, Ralph Brinkhaus, sieht seine Partei gefordert: "Wir müssen jetzt unser eigenes Ding machen und unsere eigene Politik machen".

SPD

Es lohne sich, den Rücken gerade zu machen und zu kämpfen, ist SPD-Finanzminister Olaf Scholz sicher. Wahlergebnisse und Parteivorsitz solle jetzt nicht vermischt werden.

SPD

AfD

Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, wehrt sich gegen Vorwürfe, dass einzelne Mitglieder seiner Partei rechtsextrem seien.

AfD

Grüne

Linke

FDP

"Tolle Kampagnen" habe die FDP in Sachsen und Brandenburg gefahren, aber leider den Sprung in die Landtage nicht geschafft, bedauert Bundesvorsitzender Christian Lindner.

Alles zur Landtagswahl in Brandenburg hier:

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