Wattestäbchen, Strohhalme & Co.EU gibt grünes Licht für Einweg-Plastik-Verbot

27.03.2019 17:39 Uhr

Das EU-Parlament hat einem Verbot von Einweg-Plastikprodukten zugestimmt. Es gilt für Produkte, für die es umweltfreundlichere Alternativen gibt und soll ab 2021 greifen.

Bunte Plastikstrohhalme
Quelle: dpa

Die Abstimmung ist einer der letzten Schritte in einem Verfahren, für das sich die Politik schon ausgiebig gefeiert hat. Nach dem Votum in Straßburg müssen formell noch die Mitgliedstaaten grünes Licht geben. 2021 soll das Verbot greifen, dann verschwinden viele Produkte aus den Supermarktregalen - beispielsweise Wattestäbchen, Einwegbesteck oder Trinkhalme. Die EU hofft, so den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2030 um insgesamt 3,4 Millionen Tonnen zu verringern. Bis dahin sollen auch Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden.

EU-Verbot zielt auf Plastik an Stränden und in den Meeren

Alternativen gibt es längst, ob aus Pappe, Holz, Glas oder Bambus. Die sind in der Herstellung nicht immer ökologisch besser als Plastikprodukte, vor allem wenn sie nicht mehrmals verwendet werden. Aber das EU-Verbot ist gemünzt auf das Plastik an den Stränden und in den Meeren. Dort ist es lebensgefährlich für Tiere und landet als Mikroplastik über die Nahrungskette auch auf den Tellern der Menschen. Experten warnen eindrücklich: 2050 könnte mehr Plastik in den Ozeanen schwimmen als Fische.

Plastikflasche am Strand
Quelle: dpa

Um das zu verhindern, reicht es nicht, in der EU auf kleine Rührstäbchen im Kaffee, auf Wattestäbchen und Luftballon-Halter aus Kunststoff zu verzichten. Bei der UN-Umweltkonferenz in Nairobi wollte unter anderem die Bundesregierung in Verhandlungen über eine UN-Konvention zum Schutz der Meere vor Vermüllung einsteigen - das hat nicht funktioniert. Enger zusammenarbeiten wollen die Staaten aber. Allen sei klar, dass etwas passieren müsse, hieß es in Nairobi - in vielen Ländern wird Müll kaum gesammelt, geschweige denn recycelt.

In der Tat ist Plastikvermüllung ein globales Problem, der allergrößte Anteil des Abfalls gelangt Forschern zufolge aus zehn großen Flüssen ins Meer. Aber Industriestaaten wie Deutschland, so sagt es etwa Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), haben eine Vorbildfunktion und können zeigen, wie Wohlstand und Konsum nachhaltig funktionieren.

Nachholbedarf in Deutschland

Und da hat Deutschland noch einiges nachzuholen: 2017 fielen hier knapp 6,15 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an. Nicht einmal die Hälfte davon wurde werkstofflich recycelt, also in irgendeiner Weise wiederverwertet, gut die Hälfte wurde zur Energiegewinnung verbrannt. Kampagnen für mehr Mehrweg-Flaschen gehen bisher ins Leere, im vergangenen Herbst meldete das Umweltbundesamt einen neuen Tiefstand von 44 Prozent an Mehrweg- und ökologisch vorteilhaften Einwegpackungen wie Getränkekartons und -beuteln.

Das Thema Plastikmüll treibt die Menschen um. Die Umweltministerin zeigt sich deswegen aktiv. Sie hat einen Fünf-Punkte-Plan präsentiert und sich mit Herstellern und Handel zusammengesetzt, damit diese - freiwillig - auf fragwürdige Verpackungen wie eine Plastikhülle um Gurken verzichten. Die Zahl der verbrauchten Plastiktüten geht stark zurück, seit der Handel dafür - freiwillig - Geld nimmt.

Das nach viel Gezerre verabschiedete Verpackungsgesetz, das seit Januar in Kraft ist, schraubt Recyclingquoten nach oben und soll dafür sorgen, dass Hersteller auf leichter wiederverwertbare Materialien setzen.

Svenja Schulze soll das neue Klimakabinett leiten. Archivbild.
Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Umweltschützern geht all das nicht weit genug. Sie fordern etwa Mehrweg-Quoten für Getränke, Abgaben auf Einwegflaschen, Steuern auf Plastik, einen Preis auch für dünne Plastiktüten für Obst oder Gemüse, verbindliche Ziele zur Müllvermeidung und schärfere Regeln für den Müllexport, damit deutscher Plastikabfall nicht anderswo in der Landschaft landet.

Die Entscheidungen im Überblick

Verbote

Verbote

Einwegprodukte, für die es umweltfreundlichere Alternativen gibt, werden voraussichtlich Anfang 2021 vom Markt genommen. Dazu gehören Wattestäbchen, Einweggeschirr, Trinkhalme und Luftballonstäbe. Die Mitgliedstaaten müssen dies durchsetzen. Außerdem gibt es weitere Auflagen für Plastikflaschen: Ab voraussichtlich 2026 dürfen Getränkebehälter aus Kunststoff nur vertrieben werden, wenn die Verschlüsse und Deckel am Behälter befestigt sind.

Weniger Verbrauch

Weniger Verbrauch

Der Verbrauch von Einwegprodukten, für die es bislang keine nachhaltigere Alternative gibt, soll spürbar reduziert werden. Das gilt etwa für Trinkbecher und Behältnisse für Lebensmittel. Die Mitgliedstaaten müssen entsprechende Maßnahmen erlassen.

Kennzeichnungspflichten

Kennzeichnungspflichten

Bestimmte Einwegprodukte mit einem gewissen Kunststoffgehalt müssen gekennzeichnet werden. So soll auf die negativen Umweltauswirkungen etwa von Hygieneeinlagen und Feuchttüchern hingewiesen werden.

Erweiterte Herstellerverantwortung

Erweiterte Herstellerverantwortung

Hersteller aller Produkte, die von der Richtlinie betroffen sind, sollen an den Kosten für die Sammlung und das Verwerten ihrer Produkte beteiligt werden. So soll die Tabakindustrie künftig die Kosten für öffentliche Sammelsysteme für Zigarettenstummel übernehmen.

Mehr Recycling

Mehr Recycling

Die Richtlinie schreibt verbindliche Ziele für die Verbesserung der Mülltrennungsquote vor. Bis 2025 sollen so mindestens 77 Prozent aller Einwegplastikflaschen im korrekten Müllcontainer landen, bis 2029 mindestens 90 Prozent. Zudem sollen neue PET-Plastikflaschen 2025 zu mindestens 25 Prozent aus recyceltem Plastik bestehen. Bis 2030 soll diese verbindliche Vorgabe auf 30 Prozent angehoben werden.

Welche Maßnahmen sind bereits in Kraft?

Welche Maßnahmen sind bereits in Kraft?

Die EU-Kommission hatte 2015 einen Strategieplan zum Ausbau der Kreislaufwirtschaft vorgestellt. Darauf folgte beispielsweise die Plastiktüten-Richtlinie von November 2016: Bis 2019 soll die Nutzung von Einweg-Plastiktaschen im Vergleich zu 2010 um 80 Prozent verringert werden. In Deutschland verpflichtete sich der Handel daraufhin, die kostenlose Abgabe von Plastiktüten einzuschränken. Wie viel Plastikmüll wird momentan produziert, wie viel davon recycelt?

Zahlen der EU-Kommission zufolge fallen in Europa jährlich 26 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Mit 37,4 Kilo pro Einwohner produziert Deutschland davon deutlich mehr als der EU-Durchschnitt (31,1 Kilo pro Einwohner). EU-weit wird weniger als ein Drittel des entsorgten Plastiks derzeit recycelt.

Was passiert mit dem restlichen Plastikmüll?

Was passiert mit dem restlichen Plastikmüll?

Der übrige Plastikmüll wird verbrannt oder eingelagert. Bislang exportieren die Mitgliedstaaten rund die Hälfte des eingesammelten und sortierten Plastikmülls ins Ausland, 85 Prozent davon nach China. Die Volksrepublik hat den Import von Plastikmüll mittlerweile jedoch fast vollständig eingestellt. Die EU bleibt auf einem Großteil ihres Abfalls sitzen.

Nicht ordnungsgemäß entsorgter Plastikmüll landet zum Großteil im Meer. Einer Studie des US-Wissenschaftsmagazins "Science" zufolge sind das jährlich rund acht Millionen Tonnen. Laut EU-Kommission bestehen 85 Prozent des Mülls in den Meeren aus Plastik. Die Hälfte davon sind demnach Einwegprodukte, ein Viertel stammt von Fischern. Experten befürchten, dass es 2050 mehr Plastik als Fisch in den Weltmeeren geben könnte.

Wie wirkt sich Plastik auf die Umwelt auf?

Wie wirkt sich Plastik auf die Umwelt auf?

Für zahlreiche Tiere und Pflanzen stellen die Plastikpartikel eine Bedrohung dar. Wale, Delfine, Robben und andere Meeresbewohner verfangen sich in alten Fischernetzen, Seevögel verwechseln den Müll mit Nahrung. Über die Nahrungskette gelangt der Müll auch zurück zum Menschen. Welchen Einfluss Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit hat, ist laut Kommission nicht bekannt. Auch die Entsorgung, insbesondere die Verbrennung von Plastikmüll, ist eine Belastung für die Umwelt. So würde laut EU-Kommission das Recyceln von einer Million Tonnen Plastik so viel CO2 einsparen wie eine Million Autos weniger auf den Straßen.

Quelle: AFP

Nachrichten | heute journal

Weltweiter Kampf gegen Plastikmüll

von Christine Elsner / Manfred Kessler
Quelle: Teresa Dapp und Violetta Heise, dpa