: Die Erde in der Zange

von Rolf Markert
08.08.2019 | 08:35 Uhr
Die Menschheit wächst. Und mit ihr der Wunsch nach mehr Lebensstandard. Damit steigt fast immer auch der Verbrauch von Flächen. Einer Ressource, die kaum vermehrbar ist.
Etwa 37 Prozent der weltweiten Landfläche, ca. fünf Milliarden Hektar, sind Agrarflächen.Quelle: dpa
Die Landoberfläche der Erde beträgt rund 13,4 Milliarden Hektar. Dazu zählen auch Wüsten, Ödland, Eisschilde und Hochgebirgsregionen, die kaum für den Menschen nutzbar sind. Was nutzbar ist, gerät unter immer stärkeren Druck. Denn eine wachsende Weltbevölkerung benötigt mehr Raum, Nahrung und Energie.
Als wichtigste Faktoren des Flächenverbrauchs gelten Land- und Forstwirtschaft, Siedlungsbau und Infrastrukturentwicklung, Energieproduktion und Bergbau.

Landwirtschaft

Etwa 37 Prozent der weltweiten Landfläche, ca. fünf Milliarden Hektar, sind Agrarflächen. Damit nimmt die Landwirtschaft den größten Teil der Landfläche ein. Analog zum Bevölkerungswachstum wächst auch diese Fläche. Vor allem durch Großbetriebe zur Produktion von Fleisch, Sojabohnen (vor allem als Futtermittel) und Palmöl.
So haben die Ackerflächen zwischen 1985 und 2005 weltweit um 154 Millionen Hektar zugenommen - das entspricht 4,3 mal der Fläche Deutschlands. Dies insbesondere in den Tropen, wo die Umwandlung von Wald in Felder den wichtigsten Teil des Flächenverbrauchs darstellt. Damit verbunden ist ein dramatischer Verlust an Biodiversität und Ökosystemleistungen wie etwa die Speicherung von Wasser oder Kohlendioxid (CO2). Zudem steht der landwirtschaftliche Flächenbedarf in unmittelbarem Nutzungskonflikt zum Flächenbedarf des Siedlungsbaus.

Forstwirtschaft

Etwa 29 Prozent der weltweiten Landfläche, ca. 3,9 Milliarden Hektar, sind Waldfläche. Das meiste davon Wälder, die wirtschaftlich genutzt werden. Nur rund 36 Prozent sind ursprüngliche Primärwälder. Bei der Waldfläche ist der Trend entgegengesetzt zur Entwicklung in der Landwirtschaft. Zwar stehen der Umwandlung von Wald in Agrarflächen in tropischen Gefilden Aufforstungen in Europa, Nordamerika und China gegenüber. Dennoch ist zwischen 1990 und 2010 ein weltweiter Waldverlust von 135,2 Millionen Hektar zu verzeichnen.

Neben dem Verlust an Biodiversität und Ökosystemleistungen ergeben sich weitere Probleme. Denn ohne Waldbedeckung ist der Boden schutzlos der Erosion ausgesetzt. Was nicht an Fruchtbarkeit durch einseitigen Anbau von Feldfrüchten verloren geht, wird  durch Wind ausgeweht oder durch Wasser weggeschwemmt.

Siedlungsbau

Etwa zwei bis drei Prozent der Landfläche sind besiedelt. Das Bevölkerungswachstum auf der Erde wird auch zu einem Anwachsen des Siedlungsbaus führen. Bis 2050 erhöht sich der Anteil der Siedlungsfläche an der Landoberfläche auf vier bis fünf Prozent.
Wachsen werden vor allem die Ballungsräume. Bevölkerungswissenschaftler schätzen, dass im Jahr 2050 rund 2,5 Milliarden Menschen in Städten leben. Was nicht allein durch Konzentration aufgefangen werden kann, sondern vor allem im Umland zu wachsendem Flächenverbrauch führen wird. Auf Kosten des Ackerlandes. Nach Schätzungen des Global Land Outlook Report 2017 der UNCCD gehen vom Jahr 2000 bis 2030 jährlich zwischen 1,6 und 3,3 Millionen Hektar wertvolles Ackerland durch städtischen Flächenverbrauch verloren. Auszugleichen ist dieser Verlust nur durch weiteres Abholzen von Wäldern.

Unsichere Datenlage

Die Schätzungen, wie viel Fläche auf der Erde degradiert, also versiegelt, übernutzt oder verödet ist, gehen weit auseinander. Laut Global Land Outlook Report 2017 der UNCCD sind weltweit zwischen einer Milliarde und sechs Milliarden Hektar Boden bzw. Fläche degradiert. Der World Atlas of Desertification 2018 des Joint Research Centre der Europäischen Kommission stellt die Lage dramatischer dar. Demnach sind inzwischen bereits 75 Prozent der weltweiten Landfläche durch Erosion, Versalzung, Übernutzung oder Austrocknung degradiert. Pro Jahr komme eine Fläche von der halben EU-Größe hinzu berichten die Forscher. Bis 2050 könnten sogar 90 Prozent der Landfläche degradiert sein. Tatsächlich ist eine genaue Abschätzung kaum möglich. Zumal nicht jede genutzte Fläche gleich übernutzt oder zerstört, also degradiert ist. Ein weiteres Problem: Das Phänomen von Flächenverbrauch und Landdegradation ist zwar global, die Ursachen aber und das Ausmaß, und damit auch die passenden Gegenmaßnahmen, sind lokal sehr unterschiedlich.

Der Ausblick ist düster

Solange die Menschheit weiter wächst, sind Flächenverbrauch und Druck auf die Natur kaum vermeidbar. Unberührte Flächen mit gesunden Böden werden rar. Mit Folgen für den Klimawandel. Denn neben dem Verlust an kohlenstoffspeichernder Biomasse ist auch das CO2-Speicherpotential unberührter Böden nicht zu unterschätzen
Verglichen mit dem Boden der Vorindustriellenzeit wurde der organische Kohlenstoffgehalt des Bodens bereits um 176 Giga-Tonnen reduziert. Geht es weiter wie bisher, werden zwischen 2010 und 2050 weitere 80 Giga-Tonnen Kohlenstoff aus Böden und Vegetation freigesetzt. Eine Menge so hoch, wie zurzeit weltweit in acht Jahren durch fossile Energieträger emittiert werden.
Rolf Markert ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

Was ist der IPCC?

Der Intergovernmental Panel on Climate Change wurde 1988 von der UN-Umweltorganisation (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Politik neutral über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimaveränderung und zu möglichen Gegenmaßnahmen zu informieren. Dem IPCC gehören 195 Staaten an, die jeweils Experten entsenden, welche eigenständig Berichte erstellen und das letzte Wort darüber haben.

Wie ist der IPCC organisiert?

Das Gremium mit Sitz in Genf wird seit 2015 von dem Südkoreaner Hoesung Lee geleitet, einem Experten für die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Die IPCC-Berichte werden von tausenden Wissenschaftlern zusammengestellt, darunter neben Klima- und Meeresforschern auch Statistiker, Ökonomen und Gesundheitsexperten. Der IPCC betreibt keine eigene Forschung zum Klimawandel, sondern wertet tausende Studien aus und fasst die zentralen Erkenntnisse daraus zusammen. Die verwendeten Studien haben im Regelfall das sogenannte Peer-Review-Verfahren durchlaufen - sind also von anderen Wissenschaftlern begutachtet worden. Ausnahmen sind nur in begründeten Fällen zulässig, etwa bei regionalen Studien ohne externe Begutachtung oder speziellen amtlichen Statistiken. Zudem gibt es mehrere tausend beim IPCC registrierte wissenschaftliche Gutachter, die zu allen Aussagen in den Berichten Kommentare oder Kritik einreichen können.

Welche Berichte veröffentlicht der IPCC?

Alle fünf bis sechs Jahre veröffentlicht der IPCC umfassende Überblicke über den aktuellen Stand der Klimaforschung, die in der Regel etwa 1.500 Seiten stark sind. Der erste IPCC-Bericht wurde 1990 veröffentlicht, der jüngste, ein Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel Anfang Oktober 2018. Die regulären Berichte werden von je drei Arbeitsgruppen zusammengestellt: Eine legt die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel dar, die zweite beleuchtet die Folgen der Erderwärmung und die dritte zeigt Handlungsoptionen auf. Abgesehen von seinen regulären Veröffentlichungen fertigt der Weltklimarat auch Sonderberichte zu bestimmten Aspekten des Klimawandels an. So soll bereits im September 2019 ein Sonderbericht zu den Veränderungen der Weltmeere und der Permafrostgebiete vorgelegt werden. Zu jedem Bericht fertigt der IPCC eine Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger an. Diese wird jeweils in mehreren Runden redigiert - erst von Wissenschaftlern, dann von Regierungsvertretern. Der abschließende Entwurf der Berichtszusammenfassung wird dem IPCC-Plenum vorgelegt, das den Text Zeile für Zeile durchgeht und ihn schließlich im Konsens verabschiedet. Regierungen können Änderungen an der Zusammenfassung erwirken - allerdings nur, wenn die neuen Formulierungen durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bericht gedeckt sind.

Wie wird die Arbeit des IPCC bewertet?

Der IPCC wird dafür gelobt, dass er Entscheidungsträgern mit seiner eingehenden Untersuchung des Klimawandels wichtige und zuverlässige Informationen bereitstellt. 2007 wurde das Gremium zusammen mit dem früheren US-Vizepräsidenten und Klimaschutz-Vorkämpfer Al Gore mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Mit kleineren Fehlern in seinen Berichten lieferte der IPCC allerdings immer wieder Skeptikern Munition, die die Kompetenz des Gremiums anzweifeln und ihm Befangenheit vorwerfen. Einige Wissenschaftler werfen dem IPCC vor, bei der Bewertung von Risiken zu konservativ zu sein und damit zu einer Unterschätzung der Gefahren durch den Klimawandel beizutragen. (Quelle: Marlowe Hood, AFP)

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