Was könnte die Katastrophe ausgelöst haben?

von Nils Metzger
09.01.2020 | 17:12 Uhr
Der Absturz einer Passagiermaschine bei Teheran hat zahlreiche Opfer gefordert. Die Absturzursache ist weiterhin unklar. Was wir wissen, was diskutiert wird - der aktuelle Stand.
Wenige Minuten nach dem Start vom internationalen Flughafen der iranischen Hauptstadt Teheran ist ein Flugzeug der ukrainischen Fluggesellschaft Ukraine International am Mittwochmorgen abgestürzt. Alle Menschen an Bord der Boeing 737 kamen dabei ums Leben. Das Flugzeug war auf dem Weg nach Kiew.
Laut ukrainischem Außenministerium waren 176 Menschen an Bord. Der ukrainische Außenminister sprach von 167 Passagieren und neun Crew-Mitgliedern. Darunter seien 82 Iraner, 63 Kanadier, elf Ukrainer, zehn Schweden, vier Afghanen, drei Deutsche und drei Briten. Das Auswärtige Amt in Berlin hat dieser Darstellung nun widersprochen:
Wir haben derzeit keine Erkenntnisse, nach denen sich deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Flugzeugabsturzes in Iran befinden.
Auswärtiges Amt, laut dpa
Unter den Opfern waren zahlreiche kanadisch-iranische Studenten. Allein 27 von ihnen sollen aus der kanadischen Stadt Edmonton kommen, wie der lokale iranische Kulturverein bestätigte.

Video zeigt Feuerball und anschließende Explosion

Der Flug hob knapp eine Stunde verspätet um kurz nach sechs Uhr Ortszeit ab. Im Internet öffentlich einsehbare Flugdaten bieten einen Einblick in die letzten Minuten des Flugs PS752. Diesen Daten zufolge befand sich das Flugzeug noch im Steigflug, als der Radarkontakt rund drei Minuten nach Abheben abriss. Das Flugzeug stürzte dann in dünn besiedeltem Gebiet bei der Ortschaft Khalaj Abad, nördlich des Khomeini-Flughafens, ab.
Die staatliche iranische Nachrichtenagentur Fars hat Videobilder veröffentlicht, die den Absturz des Flugzeugs zeigen sollen. Darauf sind ein Feuerball am Himmel und eine anschließende Explosion zu sehen. Auf anderen Bildern, die im iranischen Staatsfernsehen gesendet wurden, sind brennende Trümmerteile am Boden zu sehen.
Dieses Video soll den Absturz zeigen und wurde von der iranischen Nachrichtenagentur Fars veröffentlicht

Das Flugzeug war neu und flog die Route regelmäßig

Das Flugzeug vom Typ Boeing 737 wurde 2016 in Dienst gestellt und erst diese Woche technisch überprüft. "Das Flugzeug war einsatzfähig", betonte Airline-Präsident Jewgenyj Dychne in Kiew. "Es war eine unserer besten Maschinen." Dieses 737-Modell ist nicht identisch mit dem 737-Max-Typ, bei dem der Hersteller Boeing mit technischen Problemen und Abstürzen zu kämpfen hatte.
Die Maschine hat zuletzt regelmäßig Flugverbindungen zwischen Teheran und Kiew bedient. Die Flugroute beim Abheben in Teheran war am Mittwoch bis zum Abriss des Radarkontakts identisch zu dem Steigverhalten in den Tagen zuvor.

Der Absturz ereignete sich in genau dem Zeitfenster, in dem zahlreiche Luftfahrtbehörden nach und nach den Luftraum über Iran für den zivilen Luftverkehr sperrten. Die US-amerikanische Aussichtsbehörde FAA begründete das mit "erhöhter militärischer Aktivitäten und steigender politischer Spannungen". Diese Sperrungen gelten nur für die Flugzeuge aus dem Land der jeweiligen Luftfahrtbehörde.

Ein Feuer in einem Triebwerk soll den Absturz ausgelöst haben

Ein Sprecher des iranischen Verkehrsministeriums machte bereits wenige Stunden nach dem Ereignis ein Feuer in einem Triebwerk für den Absturz verantwortlich. Der Pilot habe dann die Kontrolle über das Flugzeug verloren. Grundsätzlich sind moderne Flugzeuge in der Lage, auch mit einem ausgefallenen Triebwerk noch eine Notlandung durchzuführen.
Ein Zusammenhang zwischen dem iranischen Raketenangriff auf irakische Militäranlagen in der gleichen Nacht ist bislang nicht belegt. Diese Raketen wurden ersten Erkenntnissen nach nicht aus der Umgebung der Hauptstadt Teheran abgeschossen. Dabei hat es sich auch um ballistische Raketen gehandelt.
Beim Abschuss von Flugzeugen, insbesondere ab einer gewissen Flughöhe, kommen typischerweise präzisionsgelenkte Geschosse zum Einsatz. In den sozialen Medien werden nun Indizien dafür diskutiert, ob es sich bei dem Absturz um einen versehentlichen Abschuss durch die iranische Luftabwehr handeln könnte. Gesicherte Belege dafür gibt es jedoch noch nicht.

Keine gesicherten Erkenntnisse über einen Abschuss

Das Zeitfenster zwischen Abbruch des Radarkontakts und dem Absturz kurz darauf in rund 15 Kilometer Entfernung wirft weitere Fragen auf: Inzwischen erklärte die zivile iranische Luftfahrtbehörde, die Maschine habe abgedreht und versucht, zurück zum Khomeini Flughafen zu fliegen. Einen Notruf hätten die Piloten vor dem Absturz aber nicht abgesetzt. Die jetzt anstehende Auswertung des Flugdatenschreibers könnte auf diese Fragen eine Antwort liefern.
Laut iranischen Medien wurde der Flugdatenschreiber bereits geborgen. Der iranischen Nachrichtenagentur Mehr zufolge wollen die iranischen Behörden die Blackboxen allerdings "nicht dem Hersteller und den USA" übergeben. Ein ukrainisches Ermittlerteam ist in den Iran gereist, um die Absturzstelle zu untersuchen, hat aber laut der Nachrichtenagentur AP bislang keinen Zugang zum Gelände erhalten. Nach Angaben von Olexij Danilow vom ukrainischen Sicherheitsrat prüft man, ob eine Rakete für den Absturz verantwortlich gewesen sein könnte.
Danilow verwies in seiner Stellungnahme auch auf im Internet kursierende Fotos von möglichen Überresten einer Flugabwehrrakete vom Typ "Tor". Hinweise auf den Einschlag einer Rakete gebe es bislang jedoch nicht, so Danilow. Dieses System wird von den iranischen Streitkräften genutzt. Bislang konnten die Fotos, insbesondere ihr Aufnahmeort und -zeitpunkt, allerdings noch nicht verifiziert werden.
Besondere Aufmerksamkeit auf Twitter bekommen auch eine Reihe von Fotos der Trümmerteile, die mögliche Schrapnellschäden zeigen sollen - markante kleine Löcher und Einschläge verteilt über den Rumpf des Flugzeugs. Eliot Higgins, Gründer des Verifikationsportals Bellingcat, rät zur Vorsicht: "Wir haben bei MH17 das gleiche sehen können – Schlamm und Steine können bei niedrig aufgelösten Fotos als Schrapnellschäden fehlgedeutet werden." Das könne Kommentatoren dazu verleiten, vorschnelle Schlüsse zu ziehen.
Eliot Higgins hat den Abschuss des MH17-Flugs über Ukraine untersucht und warnt vor schnellen Schlüssen im aktuellen Fall
Quelle: Mit Material von dpa, AFP, AP

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