Europas Jugend in Aufruhr?"Jugendproteste fast schon konservativ"

19.05.2019 08:28 Uhr

Seit Wochen gehen Europas Schüler für das Klima auf die Straße. Aber ein Aufruhr? Sozialwissenschaftler Spittler winkt ab. Den Jugendlichen fehle es an Radikalität und Utopien.

Heiße Verabredung statt heißem Planeten
Quelle: reuters

heute.de: Blickt man auf die "Fridays for future"-Bewegung, hat es den Anschein, die Jugend in Europa ist regelrecht in Aufruhr. Täuscht dieser Eindruck?

Marcus Spittler: Das ist meiner Meinung nach tatsächlich zu hoch gegriffen. Die technischen Hilfsmittel, die die Jugendlichen dabei zur Mobilisierung nutzen, sind freilich sehr modern. Sie vernetzen sich über Kanäle wie Snapchat, Instagram oder WhatsApp. Die Form des Protestes ist hingegen ein lange erprobtes und gesellschaftlich anerkanntes Mittel.

Ich würde sogar weitergehen: Man muss die aktuellen Jugendproteste fast schon konservativ sehen. Sie setzen sich ein für die Bewahrung des Klimas, des freien Internets oder für den Erhalt des Status quo, was Europa betrifft. Mehr wird nicht verlangt. Um von einem Aufruhr zu sprechen, fehlt mir die Radikalität im Auftreten, fehlen mir die gesellschaftlichen und politischen Utopien, die sie entwickeln.

Man muss die aktuellen Jugendproteste fast schon konservativ sehen.

heute.de: Was sagen diese Protestaktionen über das politische Engagement junger Menschen in Europa aus?

Spittler: Ich warne davor, daraus abzuleiten, dass sich die Jugend in Europa grundsätzlich wieder stärker politisiert. Dafür sind mir die Proteste für einen besseren Umweltschutz zu punktuell. Ich denke eher, man kann davon sprechen, dass die jungen Erwachsenen wieder vermehrt eine Position beziehen und einen Standpunkt haben. Jeder fünfte junge Europäer hat in den vergangenen zwölf Monaten an einer Demonstration teilgenommen.

Gleichzeitig erleben wir aber auch den Trend, dass die Jugendlichen den Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen immer stärker den Rücken zuwenden, weil ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Heute engagieren sie sich anders: Sie finden eher Anschluss an Gruppen oder Organisationen, die sich anlassbezogen einsetzen, zum Beispiel für den Tierschutz oder für die Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer. Am politischen Prozess nehmen sie dagegen weniger teil.

Zur Person

Zur Person

Marcus Spittler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) in der Abteilung Demokratie und Demokratisierung. Sein Forschungsinteresse gilt vor allem der vergleichenden Demokratie- und Wahlverhaltensforschung, insbesondere der Bedeutung von populistischen und demokratischen Einstellungen für die Wahlentscheidung. Insbesondere untersucht er die politische Sozialisation junger Erwachsener und deren Erwartungshaltung gegenüber demokratischen Institutionen.

heute.de: Welche Erwartungshaltung wird nicht erfüllt?

Spittler: Die Jugendlichen fühlen sich schlichtweg nicht vom politischen System repräsentiert. Das ist auch kein Wunder, schließlich ist der jüngste Abgeordnete im Europaparlament 30 Jahre alt, das Durchschnittsalter der Parlamentarier liegt am Ende der Legislaturperiode bei 56 Jahren. In Griechenland oder Italien muss man 25 Jahre alt sein, um überhaupt ein politisches Mandat ausüben zu dürfen. Dieser Umstand schließt Menschen ein Viertel ihres Lebens vom politischen Prozess aus.

Doch dieser Trend, dass Jugendliche aus Parteien flüchten, stellt sie selbst auch vor ein Problem, weil wiederum der Zugang zur politischen Macht nach wie vor über die Karriere in einer Partei führt. Politische Quereinsteiger sind immer noch die Ausnahme. Die meisten haben das hinter sich, was man klassisch als Ochsentour bezeichnet, also den mühevollen, langsamen Weg von ganz unten nach oben.

Die Jugendlichen fühlen sich schlichtweg nicht vom politischen System repräsentiert.

heute.de: Wie kann der mögliche Ausweg aussehen?

Spittler: Junge Erwachsene wollen Zukunftsvisionen aufgezeigt bekommen, die über das "Weiter so" hinausgehen. Parteien, die einen solchen Wandel versprechen, sind für die Jugend attraktiv. Das hat man in Frankreich gesehen, wo Emmanuel Macron im Präsidentschaftswahlkampf gerade auch bei den jungen Wählern mit seinen frischen Ideen gepunktet hat. Wenn Parteien also etwas besser machen können, dann ist es, Zukunftsvisionen zu entwerfen, die greifbar sind für junge Erwachsene. Nur so lässt sich deren Engagement, das sich aus den Parteien herausverlagert hat, wieder einfangen.

Gleichzeitig muss auch den Jugendlichen bewusst sein, dass sie den Weg zurück in die Parteien finden müssen, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen. Denn Proteste, wie die "Fridays for future"-Bewegung, lassen sich nicht ewig aufrechterhalten.

heute.de: Welche Auswirkungen erwarten Sie von den Protesten für die Europawahl?

Spittler: Die Frage wird sein, ob die jungen Menschen in Europa ihre Macht nun von der Straße an die Wahlurne bringen. Denn eigentlich ist die Wahlbeteiligung junger Erwachsener immer unterdurchschnittlich. Daran wird sich festmachen lassen, ob Jugendliche tatsächlich wieder stärker an Politik interessiert sind, als in der Vergangenheit.

Ich bin da zurückhaltend optimistisch. Auf der einen Seite steht die große Hoffnung, dass sie sich beteiligen, denn Dreiviertel sind der Demokratie gegenüber positiv eingestellt. Auf der anderen Seite steht aber auch, dass sich diese Mehrheit im Europäischen Parlament nicht ausreichend repräsentiert fühlt. Hinzu kommt, dass die Zahl derer wächst, die deutliche Kritik an der Demokratie üben. Und: Etwas mehr als zehn Prozent der jungen Europäer wissen nicht, ob sie bei der Europawahl überhaupt wahlberechtigt sind. Diese Zahlen haben wir für die Studie "Junges Europa" der Tui-Stiftung noch im Februar erhoben, also in der Zeit, in der die Mobilisierung von Greta Thunberg bereits in vollem Gange war.

Das Interview führte Michael Kniess.

Enttäuscht von Europa: Jugendstudie der Tui-Stiftung

Enttäuscht von Europa: Jugendstudie der Tui-Stiftung

Kurz vor der Europawahl hat die Tui-Stiftung Anfang Mai ihre europäische Jugendstudie "Junges Europa" vorgestellt. Die Ergebnisse: Junge Europäer sehen sich im Europäischen Parlament nicht ausreichend repräsentiert, betrachten die Europawahl als Wahl zweiter Klasse - und trotzdem fühlen sie sich Europa sehr verbunden.

Weitere interessante Ergebnisse: Jeder fünfte junge Europäer hat in den vergangenen zwölf Monaten an einer Demonstration teilgenommen. Klimaschutz und Umweltpolitik sehen die jungen Menschen in der EU mehrheitlich (55 Prozent) eher als Chance denn als Bedrohung für ihr persönliches Leben. Die Europawahlen sind für junge Menschen "Wahlen zweiter Klasse": Nur 50 Prozent von ihnen finden die Wahl des Europa-Parlaments "wichtig".

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat die Studie wissenschaftlich begleitet. Die Tui-Stiftung führt die Studie "Junges Europa" seit dem Jahr 2017 durch, um die Lebenswelt, Identität und politischen Einstellungen junger Menschen in Europa besser verstehen zu können. Die Tui-Stiftung fördert und realisiert Projekte rund um das Thema "Junges Europa". Ihr Ziel ist es, nach eigner Aussage, den Europagedanken zu stärken.

Das WZB: Gesellschaftliche Entwicklung im Blick

Das WZB: Gesellschaftliche Entwicklung im Blick

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in Berlin ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften. Das 1969 auf Initiative von Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU und der SPD gegründete Institut untersucht grundlegende gesellschaftliche Fragen. Erforscht werden Entwicklungstendenzen, Anpassungsprobleme und Innovationschancen moderner Gesellschaften.

Die Forschung ist theoriegeleitet, praxisbezogen, oft langfristig angelegt und meist international vergleichend. Am WZB arbeiten mehr als 200 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen zusammen, vor allem aus der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Ökonomie, der Rechtswissenschaft und der Psychologie. Die Ergebnisse der WZB-Forschung richten sich an eine wissenschaftliche Öffentlichkeit, darüber hinaus an Experten und interessierte Praktiker in Politik, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft.

Zusammengestellt von Michael Kniess.