Das extreme Weltbild des Schützen von Halle

von Julia Klaus und Nils Metzger
10.10.2019 | 18:47 Uhr
Antisemitismus ist nur ein Aspekt der Hasskultur des mutmaßlichen Täters. Seine Ideologie speist sich aus dem ganzen Spektrum globaler rechter Internetkultur.
Quelle: ReutersDer mutmaßliche Attentäter von Halle (Saale) am 09.10.2019

Das Wichtigste in Kürze

  • Vorgehen von Stephan B. Teil eines neuen internationalen Rechtsterrorismus
  • Livestream und Manifest auf Englisch deuten globales Zielpublikum an
  • Viele Anspielungen auf Internet-Kultur
  • Inszenierung seiner Tat mit Neonazi-Rap
Einen Tag nach dem Attentat von Halle laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Der 27-jährige B. erschoss gestern zwei Menschen und streamte seine Tat live im Internet, bevor er von der Polizei gefasst werden konnte. Der mutmaßliche Attentäter wollte am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, eine Synagoge in Halle stürmen. Die Sicherheitsvorkehrungen der Tür verhinderten sein Eindringen. B. erschoss daraufhin eine Passantin und einen Mann in einem Dönerimbiss.
Der mutmaßliche Attentäter filmte seinen Amoklauf mit einer Kamera und übertrug dies live auf der bei Videospielern beliebten Streaming-Plattform Twitch. Außerdem kursiert im Internet ein Manifest von ihm, in dem er auf Englisch Fotos und Beschreibungen von Waffen sowie einen Plan und Ziele beschreibt. Beides - das Video und das Manifest - halten Sicherheitsbehörden für authentisch, wie das ZDF erfuhr.
Der Anschlag in Halle wirft viele Fragen auf, etwa: Warum war die Synagoge ausgerechnet an Jom Kippur nicht bewacht? Warum hatte der Täter so viel Zeit? Und: Wo war die Polizei?

"Rechtsterrorismus aus der Chan-Kultur"

In dem Video äußert B. antisemitische Verschwörungstheorien und sich auch frauenfeindlich. In seinem Manifest listet er Ziele auf, darunter: einen Muslimen, einen Christen und einen Kommunisten zu töten. Die Rechtsextremismusexpertin Kira Ayyadi glaubt daher, dass der mutmaßliche Täter ein extrem rechtes Weltbild hat. Sie sieht darin auch eine Gamifizierung des Hasses: "Die Aufgaben am Ende des Pamphlets lesen sich wie Aufgaben in einem Computerspiel, für die man Punkte bekommt."

"Die Tat steht für eine neue Form des internationalen Rechtsterrorismus, der aus der Chan-Kultur kommt", sagt Ayyadi. Die Chan-Plattformen existieren seit den frühen 2000er-Jahren. Lustige Katzenbilder stehen hier neben Pornografie, Propaganda und Hass-Inhalten. Eine Moderation der Inhalte lehnen die Betreiber weitgehend ab. "Foren wie 4chan, 8chan und Endchan gelten als Orte, an denen User ihrem Hass anonym freien Lauf lassen können. Hier wird Terror verherrlicht, getrollt und mit dem Bösen kokettiert. Hier wird in der Sprache einer extrem rechten und antifeministischen Netzgemeinde gesprochen", sagt Ayyadi. Dort wie in der Ideologie des mutmaßlichen Täters ist der Übergang von Antisemitismus zum Hass auf Frauen, Linke, Migranten oder Homosexuelle fließend.

Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft

Mehrere rechte Attentäter waren aktive Mitglieder bei verschiedenen Chan-Ablegern. In den letzten 24 Stunden haben Nutzer dieser Plattformen weltweit jede Entwicklung des Attentats von Halle genau verfolgt. Die Gewalt in Halle war darum wohl auch an diese Internet-Communities gerichtet.
Die Sprache, die der mutmaßliche Attentäter in seinem Video verwendet, ist nur schwer zu durchdringen. Sie ähnelt der des Attentäters von Christchurch. Viele Sätze sind gespickt mit Verweisen auf globale Internetkultur – Anspielungen auf Memes und Computerspiele. So ist sein Manifest mit "Techno-Barbarism" überschrieben, ein Begriff aus dem Fantasy-Spiel Warhammer. Er bezeichnet sich selbst als "Weeb", eine Bezeichnung für Fans von japanischen Anime-Filmen. All das wirkt unzusammenhängend, kennzeichnet ihn aber als Mitglied diverser Fankulturen. Durch diese spezifische Sprache grenzt er sich von der Mehrheitsgesellschaft ab.
Terror-Experte Peter Neumann: Publikum 8Chan

Musik zur Inszenierung genutzt

Seine Tat inszeniert der Schütze auch musikalisch - bevor er sich mit dem Auto der Synagoge näherte, spielte er Musik des neonazistischen Rappers Mr. Bond laut ab. Dieser Musiker veröffentlicht seit Jahren anonym rechtsradikale Musik auf verschiedenen Internetportalen. Große Plattformen wie Youtube haben sein Konto gelöscht. Das Lied, das B. hörte, hatte dort vor der Löschung hunderttausende Aufrufe. Kopien findet man bis heute auf Youtube-Alternativen.
Die von Mr. Bond veröffentlichte Musik kopiert etwa bekannte Pop-Songs und unterlegt sie mit rassistischen Texten. Ein Albumcover zeigt eine an den Film "Kevin allein zuhaus" angelegte Montage, in der der US-amerikanische Amokschütze Dylann Roof sein Haus gegen Juden, Schwarze und Muslime mit Waffengewalt verteidigt. Liedtexte besingen das "Dritte Reich", beleidigen Juden, Migranten und Schwarze.

Der mutmaßliche Täter von Halle speiste seine Ideologie aus dem Netz. Für die meisten Nutzer sind Memes und Livestreams unpolitischer Zeitvertreib. Sie können aber auch radikale Ideen transportieren und verstärken.

Die Waffen des Attentäters

Das Manifest beinhaltet eine Auflistung und Beschreibung der verwendeten Waffen. Interessant ist, dass die Mehrzahl der Waffen offenbar selbst gebaut wurden - ob vom Attentäter selbst, ist noch unklar. Zwei dieser Schusswaffen sind vom Typ Luty 9mm. Digitale Baupläne dieser Waffen kursieren seit Jahren im Internet. Waffenexperte Nic Jenzen-Jones, Direktor des Forschungsinstitutes Armament Research Services, betont, dass von Hand hergestellte Waffen eine untypische Wahl für Attentäter seien. "Sie werden nur genutzt, wenn konventionelle Schusswaffen nicht einfach zur Verfügung stehen."

Die Produktion solcher Waffen sei sehr komplex, insbesondere bei einem selbstladenden Modell, wie es der Attentäter genutzt hatte. Tödlich seien sie dennoch. "Detaillierte Pläne zur Produktion gibt es online leicht zu finden", so Jenzen-Jones. Einzelteile für eine Waffe von B. wurden auch mit Hilfe eines 3D-Druckers hergestellt, andere krude aus Metall gefertigt. Fehlfunktionen der Waffen retteten mehreren Menschen das Leben. Der Experte führt diese auf Qualitätsmängel der selbstgebauten Waffen zurück. Im Tatvideo sagt B. in Anspielung darauf: "Alle Waffen haben versagt."

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