: "Enormes Problem für die Tourismusbranche"

04.04.2019 | 11:02 Uhr
Eine neue Kampagne soll Touristen nach Schottland locken. Es gehe darum, "Schäden, die der Brexit schon jetzt verursacht hat, einzudämmen", sagt Tourismusexperte John Lennon.
Das schottische Edinburgh ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Mit einer Kampagne will die Tourismusbranche dafür sorgen, dass es auch nach dem Brexit so bleibt.Quelle: imago
heute.de: Professor Lennon, am vergangenen Freitag, dem ursprünglichen Brexit-Tag, hat VisitScotland eine neue Werbekampagne gestartet, die speziell Touristen aus EU-Mitgliedsstaaten ansprechen soll. Wie wichtig sind Besucher aus der Europäischen Union für den Tourismus in Schottland?
John Lennon: Besucher aus der EU sind - nach Touristen aus dem Rest Großbritanniens - die wichtigste Gruppe für die Tourismusbranche in Schottland und machen den größten Anteil internationaler Besucher in Schottland aus.

John Lennon ist...

Quelle: privat
...Professor an der Glasgow Caledonian University in Schottland und Direktor des Moffat Centre for Travel and Tourism Development. Als Experte für die Reise- und Tourismusbranche hat er mehrere Bücher und Fachartikel veröffentlicht. Er berät außerdem verschiedene Touristenorganisationen wie die National Tourism Organisation, VisitScotland oder Historic Scotland.
heute.de: Die Werbekampagne wurde besonders in Deutschland, Frankreich und Spanien angestoßen, mit Werbung an Flughäfen sowie in Zeitungen und Magazinen. Warum gerade diese drei Länder?
Lennon: Deutschland, Frankreich und Spanien sind die wichtigsten Märkte innerhalb der EU. Schottland scheint besonders unter Reisenden aus diesen drei Mitgliedsstaaten enorm beliebt zu sein. Dass wir diese Beliebtheit und somit den Tourismus aus diesen Ländern aufrecht erhalten, ist von großer Bedeutung.
heute.de: Im britischen Parlament wird weiterhin nach einer Lösung für den Brexit gesucht. Ist eine solche Werbekampagne mit der Botschaft "Europa, lass uns unsere Freundschaft beibehalten" auch ein politisches Statement in dieser Zeit?
Lennon: In Schottland wurde beim Brexit-Referendum 2016 überwiegend für den Verbleib in der EU gestimmt. Wir Schotten schätzen unsere Beziehung zur EU sehr. Die neue Werbekampagne spiegelt dies wider und drückt den im Referendum geäußerten "Willen der Bevölkerung" Schottlands aus: eine weiterhin enge Beziehung zu unseren europäischen Nachbarn. Die schottische Tourismusbranche will sicherstellen, dass europäische Besucher sich weiterhin in Schottland willkommen fühlen können, und dass Schottland weiterhin für eine enge Beziehung mit seinen europäischen Nachbarn offen ist.
Wir Schotten schätzen unsere Beziehung zur EU sehr.
John Lennon, Tourismusexperte
heute.de: Wie effektiv kann eine solche Werbekampagne sein?
Lennon: Es geht hier in erster Linie um den Versuch, die Schäden, die der Brexit schon jetzt verursacht hat, einzudämmen. Die aktuelle Kampagne der National Travel Organisation von Schottland will die Botschaft von Freundschaft mit Europa teilen. Wie effektiv das ist, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen.
heute.de: Welche Auswirkungen hat der bevorstehende Brexit bisher auf die Tourismusbranche in Schottland gehabt?
Lennon: Die bisher größte Auswirkung des Brexits auf den Tourismus aus der EU nach Schottland ist ein verbessertes Preis-Leistungs-Verhältnis für Besucher, da das Pfund Sterling durch den Brexit international an Wert verliert. Dadurch ist es für Touristen möglich, hochqualitative Reisen nach Schottland zu einem guten Preis zu erwerben. Eine große Hürde ist jedoch, dass unter potenziellen Besuchern aus der EU Unklarheit über ihren Status in Schottland herrscht. Die schottische Tourismusbranche muss hier anpacken und Europäern die Sorgen vor Einreiseproblemen durch den Brexit nehmen.

Die Kampagne "Scotland is Now"...

...wurde im April 2018 von der schottischen Tourismus Organisation VisitScotland ins Leben gerufen. Am 29. März, dem ursprünglichen Brexit-Tag, wurde im Rahmen dieser Kampagne Werbung mit dem Slogan "Europa, lass uns unsere Freundschaft beibehalten" in EU-Ländern wie Spanien, Frankreich und Deutschland geschaltet. Ziel der Kampagne ist es, Schottland trotz Brexit als "offen und gastfreundlich" gegenüber seinen europäischen Nachbarn darzustellen. Die Werbekampagne wurde von führenden schottischen Politikern wie Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon begrüßt.
heute.de: Ein recht großer Anteil der Arbeitnehmer in der schottischen Tourismusbranche kommt aus anderen EU-Mitgliedsstaaten. Welche Probleme bringt der Brexit in dieser Hinsicht?
Lennon: Schon jetzt ist hier durch den Brexit ein negativer Trend bemerkbar und sollte das Vereinigte Königreich durch den Brexit ein weniger attraktives Ziel für Arbeitnehmer werden, so wird dieser Trend nur weiter zunehmen. Das ist durchaus ein enormes Problem für die Tourismusbranche in Schottland.
heute.de: Erwarten Sie weitere Werbekampagnen der schottischen Tourismusbranche, die speziell die "Freundschaft" zwischen der EU und Schottland fördern sollen?
Lennon: Das kommt darauf an, wie diese erste Kampagne in der EU anschlägt. Findet sie Zustimmung, dann wird es sicherlich auch in Zukunft verstärkt ähnliche Werbekampagnen geben. Wenn nicht genügend Erfolg verzeichnet wird, dann wird man eine neue Strategie ausprobieren müssen. Das wichtigste ist, dass wir den Tourismus aus der EU nach Schottland weiterhin fördern und sicherstellen.
Das Interview führte Caroline Leicht.

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