ZDFcheck19Masern-Impfpflicht: Ein Europa-Vergleich

von Tina Jakob und Michaela Waldow

07.05.2019 12:02 Uhr

Bundesgesundheitsminister Spahn will die Masern in Deutschland mittels Impfpflicht ausrotten. Andere EU-Staaten haben die Pflicht schon. Doch was bringt so ein Gesetz wirklich?

Eine Frau erhält eine Impfung gegen Masern.
Quelle: dpa

Das Masern-Virus ist äußerst ansteckend. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Krankheit nun mithilfe einer Impfpflicht ausrotten. Trotz aller Aufklärungskampagnen seien die Impfquoten in den vergangenen Jahren nicht entscheidend gestiegen, so der CDU-Politiker. "Deshalb muss die Masern-Impfung in Kindergärten und Schule verpflichtend werden." Eltern, die dieser Pflicht nicht nachkommen, drohen Geldstrafen von bis zu 2.500 Euro. In der Kita würden Kinder ohne Impfschutz ausgeschlossen. Die aktuellen Zahlen:

  • 12.340 Fälle waren es insgesamt in der Europäischen Union. Etwa einer von 1.000 Erkrankten stirbt nach Aussage des Robert-Koch-Instituts an den Folgen der Krankheit.

Impfquoten bei Schulkindern zu gering

Durch ein Virus ausgelöst, treten Maserninfektionen vor allem bei Kindern auf. Neben dem typischen roten Hautausschlag und hohem Fieber kommt es in manchen Fällen aber auch zu Komplikationen, die lebensbedrohlich werden können. Zwar lag die Quote der ersten Masernimpfung bei Schulkindern 2017 in Deutschland bei 97,1 Prozent – für einen wirksamen Schutz gegen das hochansteckende Virus bedarf es jedoch einer zweiten Impfung. Die Quote hierbei: nur 92,8 Prozent. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist das zu wenig. Mindestens 95 Prozent der Bevölkerung müssen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zwei Masern-Impfungen aufweisen. Nur dann kann die Krankheit realistisch ausgerottet werden.

Doch auch wenn Impfungen das Potenzial haben, tödliche Krankheitserreger auszulöschen, misstrauen Teile der Bevölkerung der Vorsorgemaßnahme. Vor allem beim Mehrfach-Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln – MMR – gibt es schwere Vorwürfe. Welchen Erfolg kann da eine gesetzliche Impfpflicht bringen? Um dieser Frage nachzugehen, wurden Entwicklungen verschiedener europäischer Länder ausgewertet, die bereits eine verpflichtende Masern-Impfung eingeführt haben.

In zehn EU-Ländern ist Masern-Impfen Pflicht

Während hierzulande noch über die Möglichkeit einer verpflichtenden Impfung diskutiert wird, haben viele EU-Länder bereits gehandelt. Zehn von 28 Mitgliedsstaaten verpflichten Eltern schon jetzt, ihre Kinder gegen Masern zu immunisieren. In Teilen Osteuropas greift die Pflicht schon länger – darunter in Lettland, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Kroatien und Bulgarien. In Polen und Ungarn sogar schon seit den 60er Jahren. Italien legte 2017 nach, Frankreich 2018.

Ein Vergleich mit den Krankheitsfällen zeigt jedoch: Die Masern-Impfpflicht ist nicht zwingend ein Erfolgsrezept. So haben beispielsweise Dänemark und die Niederlande die Krankheit ohne Impfpflicht eliminiert, während andere trotz Impfpflicht noch gegen Masern kämpfen.

Kein Erfolg trotz Impfpflicht

Ausschlaggebend für den Schutz innerhalb der Gesellschaft ist die Impfquote. Je nach Größe dieses Faktors fällt auch der sogenannte "Herdenschutz" innerhalb der Gesellschaft stärker oder schwächer aus. Gerade Säuglinge, die noch nicht geimpft werden können, sind auf einen hohen Schutz angewiesen. Dass das selbstgesteckte Quotenziel von 95 Prozent dabei selbst mittels gesetzlicher Impfpflicht nicht zwingend erreicht werden kann, zeigen die aktuellen Zahlen der EU-Länder. Gerade mal drei der zehn Länder mit Masern-Impfpflicht – nämlich Slowakei, Ungarn und Kroatien – erreichen beziehungsweise überschreiten die Hürde bei der entscheidenden zweiten Masernimpfung.

So wird deutlich: Ist die Bevölkerung nicht gleichzeitig impffreudig eingestellt, bringt also auch die Einführung einer Impfpflicht nicht zwingend den erwünschten flächendeckenden Schutz gegen Masern.

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