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: Ministerin will "neues Kapitel aufschlagen"

12.11.2019 | 12:57 Uhr
Mit Gelöbnissen von Rekruten hat die Bundeswehr heute ihren Gründungstag begangen. Die Ministerin wolle die Truppe stärker in den Fokus rücken, sagt Historiker Neitzel.
Mit mehreren öffentlichen Gelöbnissen von Rekruten hat die Bundeswehr am Dienstag ihren 64. Gründungstag begangen. Eine der Veranstaltungen fand vor dem Berliner Reichstagsgebäude statt. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigte die Notwendigkeit einer wehrhaften Demokratie. "Die Bundeswehr verteidigt Deutschland gegen äußere Bedrohungen", sagte die CDU-Politikerin bei der Zeremonie. Sie sei zugleich ein unverzichtbarer Teil der Gesellschaft. Sie dankte den jungen Soldaten für ihren Entschluss zum Dienst in den Streitkräften.

In der Vergangenheit wurden diese Zeremonien eher im Verborgenen abgehalten, ohne große Feier und ohne viel Aufmerksamkeit. Das soll jetzt anders werden – und zwar ganz bewusst, sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel im Interview:
heute.de: Vor dem Berliner Reichstag gibt es nicht so häufig Gelöbnisse. Woran liegt das?  
Sönke Neitzel: Ja, das hängt immer ein bisschen von den Verteidigungsministern und -ministerinnen ab, wie sie diese Gelöbnisse inszenieren wollen. Es gibt seit 1961 öffentliche Gelöbnisse, das ist eigentlich eine Erfindung der Bundeswehr. Man will damit die Verbundenheit der Bundeswehr mit der Bevölkerung demonstrieren, aber es hängt letztendlich vom Minister ab, ob man dieses große öffentliche Ereignis wirklich so will oder ob man das eher im Verborgenen macht.
heute.de: Und das hat nichts mit unserer Geschichte zu tun?
Neitzel: Ich glaube, das hat jetzt ganz konkret etwas mit Annegret Kramp-Karrenbauer zu tun, dass sie die Bundeswehr stärker in der Öffentlichkeit verankern will, sie präsenter machen will, dass sie auf die Stimmen aus der Bundeswehr gehört hat, die eine stärkere Verankerung mit der Gesellschaft haben wollen. Es gab ja unter der Vorgängerin von der Leyen gewisse Unebenheiten in der Verbindung der Ministerin mit den Soldaten und Kramp-Karrenbauer möchte da ein neues Kapitel aufschlagen.

heute.de: Aber es muss ja Gründe gegeben haben, warum man das eher verdeckt gemacht hat und jetzt an die Öffentlichkeit geht. Hat die Bevölkerung mehrheitlich eher ein Problem mit öffentlichen Gelöbnissen?
Neitzel: Nein, die Bevölkerung hat nicht ein Problem mit öffentlichen Gelöbnissen und auch die Zustimmungsraten zu der Bundeswehr sind auf einem historischen Hoch – das war in den achtziger Jahren, siebziger Jahren oder auch als die Bundeswehr aufgestellt wurde in den fünfziger Jahren, viel schlechter. Aber es gab immer kleine Gruppen aus dem linken Spektrum, die lautstark dagegen protestiert haben, die also auch diese Bühne genutzt haben, um auf sich aufmerksam zu machen. Also diese öffentliche Zurschaustellung der Bundeswehr, dieses Inszenieren dieses Gelöbnisses, ist immer auch auf Kritik gestoßen, was aber eben nicht heißt, dass die Masse dagegen gewesen sei.
heute.de: Was genau wird denn da gelobt, und worauf schwören die Soldaten und Soldatinnen?
Neitzel: Die Soldaten und Soldatinnen schwören oder geloben, je nachdem, ob sie Berufssoldaten oder freiwillige Wehrdienstleistende sind, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Das ist die Eidesformel, die man 1955, 1956 im Verteidigungsausschuss gefunden hat zwischen SPD und CDU.
heute.de:  Ein Großteil der deutschen Gesellschaft ist ja eher pazifistisch und steht dem Militär skeptisch gegenüber. Worauf fußt dieses schwierige Verhältnis zwischen den Deutschen und dem Militär?
Neitzel: Der Umgang der Deutschen mit dem Militär ist geprägt von zwei Weltkriegen, die verloren wurden. Es gibt keine Meistererzählung heldenhafter Siege, wie das in Großbritannien oder Frankreich der Fall ist. Neben den Niederlagen sind es auch ganz stark die Verbrechen, die nachwirken. Aber wir müssen da differenzieren: Es ist nicht so, dass eine Mehrheit der Deutschen gegen die Institution Bundeswehr ist, sondern es sind andere Narrative, die weiche Seite des Militärs – es sind Blauhelmeinsätze und dergleichen, also keine Kampfeinsätze, die man im Vordergrund haben will. Alle Studien zeigen: Es ist nicht so, dass die Deutschen per se gegen Militär sind, sondern sie verstehen oft nicht die Begründung dahinter. Das ist ja in einer Demokratie ein valides Argument: Wenn man die Soldaten in einen Einsatz schickt, muss man das auch gut begründen und nur die Bündnistreue reicht eben oft als Argument nicht aus.
heute.de: Wie ist denn das Ansehen der Soldaten in der Öffentlichkeit heute?
Neitzel: Wie misst man das Ansehen der Bundeswehr in der Bevölkerung? Man macht Umfragen und diese Umfragen zeigen sehr hohe Zustimmungswerte. Auf der anderen Seite, wenn man nach Soldaten fragt, dann hört man nach wie vor Klagen und es gibt Fälle, in denen Soldaten beschimpft werden und dergleichen. Wir haben insgesamt sicherlich ein angespannteres, verkrampfteres Verhältnis zum eigenen Militär im Vergleich zu einem Land wie Dänemark oder den Niederlanden. Wir haben als Gesellschaft und Politik nach wie vor die Frage nicht beantwortet: Wozu haben wir eigentlich Streitkräfte, wofür geben wir jedes Jahr 45 Milliarden Euro aus? Wenn wir Kriegsschiffe, Flugzeuge, Panzer kaufen: Wollen wir die wirklich einsetzen? Oder sollen die im Mittelmeer herumfahren? Die neue Verteidigungsministerin geht stärker in Richtung Beantwortung dieser Fragen.
Das Interview führte Heike Slansky, Reporterin im ZDF-Hauptstadt-Studio Berlin.
Ein Rückblick auf die besonderen Umstände zu der Entstehung der Bundeswehr mit dem Militärhistoriker Sönke Neitzel:

Wie wurde die Bundeswehr gegründet?

Neitzel: Die Gründung der Bundeswehr 1955, zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, war eine große Überraschung und die Deutschen haben das eigentlich, ja ich möchte es mal etwas salopp sagen, den Nordkoreanern zu verdanken, weil die Nordkoreaner haben bekanntermaßen seit 1950 Südkorea angegriffen. Und der Koreakrieg war ein Schock für den Westen. Man wusste, die Nordkoreaner wurden von den Chinesen, von den Sowjets unterstützt und man glaubte, jetzt ist Westeuropa dran.

Was geschah dann?

Neitzel: Man hatte zu wenig Truppen, schaute sich um: Wer könnte denn noch Truppen stellen? Ach, da ist ja die Bundesrepublik. Also hat man, vor allem die Amerikaner, gesagt: Dann sollen doch die Deutschen, die haben doch mal gegen die Russen gekämpft, ihren Beitrag leisten – und diese Chance hat Adenauer genutzt.

Wie hat Adenauer reagiert?

Neitzel: Adenauer hat den Amerikanern salopp gesagt eine Mohrrübe vor die Nase gehalten und auf dieser Mohrrübe standen zwölf deutsche Divisionen drauf. Die geben wir euch, wenn wir dafür die Souveränität bekommen. Und diesen Deal sind die Amerikaner eingegangen: Die Deutschen bekamen 1955 die Souveränität oder Teilsouveränität - die Deutschlandverträge - und haben sich dafür verpflichtet, innerhalb kurzer Zeit zwölf Divisionen aufzustellen. Das war der außenpolitische Deal.

Welche innenpolitischen Reaktionen gab es?

Neitzel: Innenpolitisch gab es natürlich auch aus einer Reihe von Gründen Widerstand, aber es war nie eine Mehrheit der Bevölkerung dagegen. Es waren immer 40 Prozent, 45 Prozent und dergleichen und es gab auch immer ganz unterschiedliche Gründe, warum man gegen das Militär war. Das war die historische Situation 1955, in der die Bundeswehr entstanden ist.

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