Vieh-Gesundheit ist entscheidendGlückliche Kühe - bessere Milch?

von Michael Wiedemann

21.04.2019 11:44 Uhr

So viele Milchkühe gibt es sonst nirgendwo in Europa. Mehr als vier Millionen dieser Wiederkäuer sorgen hierzulande für eine Milchmenge von jährlich rund 33 Milliarden Litern.

Kühe auf einer Alm in Österreich. Archivbild
Quelle: Barbara Gindl/apa/dpa

Das gern genutzte Werbebild glücklich grasender Kühe auf sattgrünen Weiden hat wenig mit der Realität zu tun. Denn deutlich weniger als die Hälfte aller Milchkühe in Deutschland sieht in ihrem Leben überhaupt einmal eine Weide. Doch sorgt Weidehaltung tatsächlich für glücklichere Kühe? Und ist deren Milch besser als die von Tieren aus Stallhaltung?

Stall nur zum Schutz

Für Alexander Zulic von der Hottenlocher Hofgemeinschaft im Allgäu ist das nicht wirklich die entscheidende Frage. Seine fünfzig Milchkühe sollen einfach möglichst natürlich leben. Seit gut drei Jahrzehnten bedeutet das für die Schwarzbunten: Raus auf die Weide, wann immer das möglich ist. Der Stall dient nur als Unterschlupf und Schutz. Nachts, beim Melken, wenn ein Tier krank ist oder kalbt. Oder wenn der Winter allzu grimmig ist.

"Die Stallhaltung wird immer ein Kompromiss sein, für ein Lebewesen, das über Jahrtausende in der Natur gelebt hat", sagt der Landwirt. Zehntausend Jahre der Züchtung und Auslese zum Nutztier haben sein wildes Erbe nicht verschwinden lassen. "Dadurch ist dieser Drang in die Natur, wo die Urgefühle wieder zum Leben erweckt werden können, unglaublich stark verankert. Und deshalb ist es wichtig für die Kuh, rauszukommen."

Doku | planet e.

Interview Alexander Zulic, Bio-Bauer

Warum halten Sie die Kühe artgerecht?

00:49 min | 08.04.2019

Dass dieser Drang in die Natur seinen Kühen überdies auch gut tut, steht für Landwirt Zulic außer Frage: "Die Kühe müssen jeden Tag raus, jeden Tag rein. Und die sind natürlich strapazierfähiger. Die sind nicht so anfällig."

Die Stallhaltung wird immer ein Kompromiss sein, für ein Lebewesen, das über Jahrtausende in der Natur gelebt hat.

Bio-Landwirt Alexander Zulic

Weidehaltung macht Kühe fitter - und glücklicher

Zulic' Beobachtungen stehen nicht alleine, sondern decken sich mit der verbreiteten Einschätzung, dass Weidehaltung Kühen viele Vorteile bietet. So schont etwa der Grasuntergrund Gelenke und Beine der Tiere und reinigt beziehungsweise trocknet deren Klauen. Weidekühe sind insgesamt sauberer als ihre Artgenossen im Stall und die dortige Infektionsgefahr, die etwa durch dichtere Bestandshaltung entsteht, spielt auf der Weide keine Rolle. Nicht zuletzt, weil die Tiere im Freien ihrem natürlichen Liegeverhalten folgen und sich dort ablegen können, wo sie es wollen. Unabhängig von einschränkenden Stallarchitekturen.

Wie glücklich die Tiere auf der Weide sind, kann Bauer Zulic beobachten, wenn nach längerer Zwangsstallhaltung wegen schlechten Wetters seine Kühe wieder raus dürfen. Kaum öffnet Zulic das Stalltor, drängen die mehrere hundert Kilo schweren Tiere mit Macht ins Freie; rennen und springen auf der Weide umher, als seien sie leichtfüßige Antilopen.

Milchqualität abhängig von Futter und Pflege

Ob und wie sich dieses Glück auf die Milch der Tiere auswirkt, ist bislang noch wenig erforscht. Eine Studie der Universität Kassel im Auftrag von Greenpeace und eine Drei-Jahres-Analyse der Universität von Minnesota zeigen, dass Grünfutter, wie es auf der Weide zu finden ist, positive Auswirkung auf den Anteil gesundheitlich bedeutsamer Fettsäuren in der Milch hat. Aber je nach Region, Jahreszeit und Futterqualität der Weide können diese Werte erheblich schwanken.

Entscheidender für die Milchqualität, so Korinna Huber, Professorin an der Universität Hohenheim, ist wohl der allgemeine Gesundheitszustand der Kühe. Und der hängt wesentlich von einem guten Haltungsmanagement ab. Unabhängig davon, ob die Tiere hauptsächlich auf der Weide oder im Stall stehen, so Wissenschaftler des Grünlandzentrums Niedersachsen und des Thünen-Instituts.

Michael Wiedemann ist Mitglied der ZDF-Redaktion Umwelt.

Die Milchwirtschaft in Zahlen

Die Milchwirtschaft in Zahlen

Milchkuhbestand in Deutschland:
2018: 4,150 Millionen
2017: 4,199 Millionen
2016: 4,268 Millionen
Durchschnittlicher Milchertrag je Kuh:
2018: 7.950 kg/Jahr
2013: 7.343 kg/Jahr
Erzeugerpreise ab Hof (ohne Mehrwertsteuer, ohne Bio-Milch):
2018: 34,50 Euro pro 100 kg
2013: 37,89 Euro pro 100 kg

Abnahme der Milchkuh-Betriebe von rund 80.000 im Jahr 2013 auf rund 64.000 im Jahr 2018.

Quelle: Milchindustrieverband

Die größten Molkereien der Welt

Die größten Molkereien der Welt

1) Nestlé, Schweiz:
Milchumsatz 2017: 21,4 Milliarden Euro
2) Groupe Lactalis, Frankreich:
Milchumsatz 2017: 17,7 Milliarden Euro
3) Danone Groupe Lactalis, Frankreich:
Milchumsatz 2017: 15,5 Milliarden Euro
4) Dairy Farmers of America, USA:
Milchumsatz 2017: 13,0 Milliarden Euro
5) Fonterra, Neuseeland:
Milchumsatz 2017: 12,1 Milliarden Euro

Größte deutsche Molkerei: DMK, Deutschland/Niederlande auf Platz 13 mit einem Milchumsatz von 5,8 Milliarden Euro im Jahr 2017

Quelle: Rabobank 2018 / Milchindustrieverband

Milchquote

Milchquote

Im Jahr 1984 führte die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) als Vorgängerin der heutigen EU eine Quotenregelung ein, um die Milchproduktion in den Mitgliedstaaten zu beschränken und eine Überproduktion zu vermeiden. Grundlage für die Zuteilung der Milchreferenzmenge, auch Milchquote oder Milchkontingent genannt, war die Milchanlieferungsmenge des Milchwirtschaftsjahres 1983 (1. April 1983 bis 31. März 1984).

Im Rahmen der Garantiemengenregelung wurde jedem Mitgliedstaat eine feste Produktionsquote für Milch zugewiesen. In Deutschland wurde diese Quote auf die einzelnen milcherzeugenden Betriebe verteilt. Andere Mitgliedstaaten wie zum Beispiel Frankreich verwalteten die Quoten als Molkereikontingente.

Lieferte ein Produzent mehr Milch als ihm nach den Quoten zustand, wurde er sanktioniert, und zwar über die Zahlung einer sogenannten Superabgabe. Diese war so hoch festgelegt, dass die Milchproduktion ökonomisch unrentabel werden sollte. Zum 1. April 2015 lief die Garantiemengenregelung aus und Milcherzeuger können unabhängig von einer Quote Milch erzeugen und anliefern.

Quellen: Wikipedia; BMEL

Laktation

Laktation

Wie bei allen Säugetieren ist die Milch auch bei Rindern die Grundlage für die Ernährung der Jungtiere. Das bedeutet: Ohne ein Kalb wird eine Kuh keine Milch geben. Die Zeit, in der eine Kuh Milch gibt, nennt man Laktation. Die Laktation fängt mit der Geburt des ersten Kalbes einer Kuh an. Zum ersten Mal kalbt eine Kuh im Alter von ungefähr 24 Monaten.

Nach der Geburt des Kalbes steigt die Milchmenge der Kuh bis zur sechsten Woche stetig an, danach fällt sie langsam wieder ab. In der heutigen Milchwirtschaft wird das Kalb allerdings sofort von seiner Mutter getrennt und mit einer Ersatzmilch gefüttert. Die eigentlich für das Kalb bestimmte Milch der Mutter kommt in die Molkerei.

Moderne Hochleistungskühe geben bis etwa 305 Tage nach der Geburt Milch - im Durchschnitt 7.400 Kilogramm im Jahr, das sind rund 20 Kilogramm pro Tag. Einige Wochen vor der Geburt des neuen Kalbes wird die Kuh dann "trockengestellt", das heißt, sie wird nicht mehr gemolken, um sie vor der neu anstehenden Kalbung zu schonen. Mit der Geburt des Kalbes beginnt dann eine neue Milchperiode - die nächste Laktation. Die höchste Milchleistung erreicht eine Kuh bei der vierten bis sechsten Laktation.

Im Durchschnitt bekommt eine Kuh in Deutschland etwa jedes Jahr ein Kalb. Problematisch ist allerdings die Verwendung der vielen Kälber, die dadurch geboren werden. Denn die männlichen Kälber können später nicht zur Milcherzeugung genutzt werden, taugen aber als Milchrasse im Gegensatz zu Fleischrassen auch nicht optimal zur Fleischerzeugung.

Quellen: topagrar.com; landwirtschaft.de

Anbindehaltung

Anbindehaltung

Die Anbindehaltung gilt als die am wenigsten tierfreundliche und artgerechte Haltung von Rindern und anderen Tieren. Die Tiere sind dabei über Halsrahmen, Gurte oder Ketten um den Hals fixiert und stehen im sogenannten Anbindestand. Der Bewegungsspielraum der Tiere ist dadurch sehr stark eingeschränkt. Prinzipbedingt fallen Fress- und Liegeplatz räumlich zusammen, was dem natürlichem Verhalten von Rindern zuwiderläuft. Häufig fallen auch Exkremente der Tiere in diesen Bereich, so dass sich beim Liegen das Euter ständig in den Exkrementen befindet. Schmerzhafte Eutererkrankungen bleiben nicht aus.

Die Anbindehaltung wird nicht nur von Tierschützern strikt abgelehnt, sondern ist auch in der Milchwirtschaft umstritten. Nach der Landwirtschaftszählung des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2010 noch 27,4 Prozent der Milchkühe in Anbindeställen gehalten. In Laufställen lebten 71,9 Prozent der Milchkühe. Auf andere Haltungsverfahren entfielen 0,7 Prozent. Laut einer Erhebung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter hat sich in Deutschland die Anzahl der Milchbetriebe mit Anbindehaltung von 80.896 im Jahr 1995 auf 18.301 im Jahr 2013 reduziert.

Quellen: Albert Schweitzer Stiftung; Wikipedia; Bundesverband Rind und Schwein, BRS; Statistisches Bundesamt

Laufstallhaltung

Laufstallhaltung

Die gängige Haltung von Milchkühen ist in Deutschland die Lauftstallhaltung. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes lebten im Jahr 2010 rund 72 Prozent aller Milchkühe in solchen Ställen. Heute dürften es noch mehr sein. Laufställe sind in Fress-, Liege- und Melkbereiche unterteilt. Dazwischen gibt es Laufgänge. Sie erlauben mehr Bewegung und vermeiden Aggressionen, weil sich Tiere aus dem Weg gehen können. Auslaufflächen im Freien, die den Tieren zumindest stundenweise zur Verfügung stehen, sind allerdings nicht immer vorhanden.

Quellen: Albert Schweizer Stiftung; Statistisches Bundesamt

Mehr zu Milchbauern und ihren Tieren

Nachrichten | drehscheibe

Auf dem Prüfstand: die Hochleistungskuh

02:27 min | 18.04.2019

Doku | planet e.

Kühe mit der Wärmebildkamera aufgenommen

01:43 min | 09.04.2019