Karl MarxRevolutionäre Produktivkraft wird 200

von Mischa Ehrhardt

05.05.2018 05:30 Uhr

Vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. Ein schonungsloser Analyst kapitalistischer Verhältnisse. Was bleibt, ist das kritische Hinterfragen bestehender Verhältnisse.

Karl-Marx-Gedenkmünze
Quelle: dpa

"Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus". So beginnt das berühmte Manifest der Kommunistischen Partei. Die Schrift war ursprünglich eine programmatische Auftragsarbeit in eigener Sache: Marx und Engels hatten einen internationalen Zusammenschluss von Arbeitern organisiert; das Ziel war eine proletarische Partei. Sie traten zunächst dem sozialistischen Bund der Gerechten bei. 1847 setzte Marx die Umbenennung zum Bund der Kommunisten durch. Es folgte der Auftrag, ein Manifest für den Zusammenschluss zu schreiben. Das Kommunistische Manifest erschien schließlich im Revolutionsjahr 1848 – und es barg Sprengkraft. Wer es zur Hand nimmt, findet darin viele, auch für die heutige Zeit spannende Themen.

Gezwungen, seine Arbeitskraft zu verkaufen

"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen", lautet der erste Satz des eigentlichen Manifestes nach ein paar einleitenden Worten. Vereinfacht gesagt bedeutet das: In bisher jeder Gesellschaft besitzt die eine Seite das Eigentum an den materiellen Produktionsmitteln; also Land, Fabriken, Maschinen und Werkzeuge. Die andere Seite, das Proletariat, war dagegen in doppelter Hinsicht frei: persönlich unabhängig, aber auch "frei" von allen Produktionsmitteln. Ohne die aber ist die arbeitende Klasse, um überleben zu können, gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen – etwas anderes besitzt sie nämlich nicht.

Das führt zu einem Gegensatz zweier Klassen, der Arbeiter und der Kapitalisten, und zu Klassenkämpfen. Alles Weitere ist für Marx einfach gesagt Beiwerk: Politik, Recht, Kunst, Philosophie und Religion sind der gesellschaftliche und ideologische Bau über diesem zu Grunde liegenden ökonomischen Konflikt. So ist ein anderer entscheidender Satz in Marx' Werk zu verstehen: "Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt."

Mit Enteignung gegen Ungleichheit

Ein wesentliches Moment unseres gesellschaftlichen Daseins wiederum besteht aus Arbeit. Die analysiert Marx besonders genau – und stellt eine mehrfache Entfremdung der Menschen in ihren Arbeitsprozessen fest: Weil das Produkt ihrer Arbeit nicht ihnen, sondern dem Besitzer der Firma und Produktionsmittel gehört, sind die Menschen den Produkten ihrer Arbeit entfremdet. Weil arbeitende Menschen – modern gesprochen – weisungsgebunden sind, fühlen sich die Arbeiter auch fremd oder fremdbestimmt in ihrer Tätigkeit. Und weil die Menschen ihre Schöpfungen in dieser Konstellation nicht begreifen können als ihr tätiges Gestalten von Welt und Wirklichkeit, entfremden sie sich – einfach gesprochen – von ihrer Umwelt und von ihrem Gattungswesen: dem Menschsein.

Diesem Zustand ein Ende zu bereiten, war das Ziel des politisch agierenden und theoretisch arbeitenden Karl Marx (und dessen lebenslangen Freundes Friedrich Engels). Und nach ihrer Auffassung würde die Geschichte auf die Überwindung dieser Widersprüche hinsteuern: Die Arbeiterschaft würde – wohlgemerkt nur in den fortgeschrittensten kapitalistischen Industriegesellschaften – das Regiment übernehmen können und müssen. Der Weg dorthin führe erstens zur Enteignung des Grundeigentums als der Quelle von Ungleichheit und Entfremdung der Menschen. Und dann zur Einführung weiterer Regeln, von denen einige eigentümlich aktuell klingen, wie: "Starke Progressivsteuer" und "Abschaffung des Erbrechts".

Gedanken zu Karl Marx:

Marx über Marx

Marx über Marx

Sein Namensvetter, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, sagte kürzlich: "Er ist ein scharfsinniger Analytiker des Kapitalismus".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

"Ein großer Visionär - das war Karl Marx zweifelsohne", sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. "Letzte Wahrheiten", mahnt der Bundespräsident weiter, dürfe man von Marx im Jahr 2018 nicht erwarten. "Allerdings gibt es Sätze von Marx, die sich zeitlos als Denkanstöße eignen", so Steinmeier. Er zitiert: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern."

Marx-Forscherin Beatrix Bouvier

Marx-Forscherin Beatrix Bouvier

Für die Historikerin und Marx-Forscherin Beatrix Bouvier ist "die Bedeutung des aus Trier stammenden Philosophen, Politökonomen, Journalisten, Politikers und Revolutionärs - global gesehen - unbestritten".

Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte

Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte

Für Hubertus Knabe hingegen, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, ist klar: "Man kann die kommunistischen Massenverbrechen nicht von dem loslösen, was Marx geschrieben hat." Denn "die Diktatoren, die für Unterdrückung und Massenmord verantwortlich waren, haben nur das ausgeführt, was er vorgedacht hat."

Marx' Kommunismus ist keine Diktatur

Diese und andere Regeln führten nach Marx dann in eine klassenlose Gesellschaft, in der die Individuen und die Menschheit frei sein würden. "An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist". Interessant ist hier: Der von Marx gedachte Kommunismus ist alles andere als eine Diktatur: Die Freiheit eines jeden ist das Ziel – und die Bedingung für die Freiheit aller.

Ein zweiter Satz des Manifestes hat einige Berühmtheit erlangt – und er ist bei näherer Betrachtung ziemlich aktuell: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Natürlich würde heute kaum mehr jemand ernsthaft davon sprechen, dass es ein globales Proletariat gebe, das sich anschickt, eine Revolution anzuzetteln um die Freiheit aller zu erreichen. In dem Satz steckt aber bei genauerem Hinsehen weit mehr: Er spricht alle Menschen auf der Welt an, zumindest die überwältigende Mehrheit, die keine Produktionsmittel besitzt: unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, ideeller Orientierung oder Religion, kurz: Marx kennt in diesem Sinne keinerlei Ausgrenzung, keinen Rassismus.

Bis heute gültige Analysen

Marx käme auch nicht auf die Idee, irgendwelche arbeitenden Landsleute gegen andere auszuspielen. Nationalismus, Chauvinismus, Protektionismus – all das ist mit Marx, im Gegensatz zu vielen Politikern heute, nicht zu machen. Marx spricht im Grunde alle Menschen an, wenn er schreibt: "Die Proletarier haben nichts in ihr (der kommunistischen Revolution) zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen."

So gesehen ist die Hinterlassenschaft von Marx bemerkenswert, seine Schriften enthalten Analysen, die bis heute nicht übertroffen sind – unter anderem die Analyse des Mehrwertes einer Ware, der kurz gesagt geronnene Arbeitszeit ist, oder auch seine Krisentheorien. Dass aus seinen Schriften grausame Despoten und Diktatoren ihre Ideologien genährt haben, ist zum Teil Passagen geschuldet, in denen Marx beschreibt, wie übergangsweise das Proletariat die Herrschaft übernimmt – oder gar Diktatur des Proletariats gründet. So schreibt Marx etwa, dass "die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt" nötig sei.

"Alles was ich weiß ist, dass ich kein Marxist bin"

Weite Teile seines Werkes allerdings dürften die real existierenden Diktatoren ignoriert oder schlicht nicht verstanden haben. "Alles was ich weiß ist, dass ich kein Marxist bin", soll Marx einmal gesagt haben als er darauf angesprochen wurde, dass einige Menschen und Gruppen sich als solche bezeichneten. Damit wollte er wohl einfach nur sagen: Keine Schrift darf zum dogmatischen Glaubenssatz erhoben werden. Den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und Dinge kritisch zu hinterfragen – das ist eine Hinterlassenschaft des Trierers Karl Marx an seinem 200. Geburtstag.

Trier: Geburts- und Pilgerstätte

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Am 5. Mai 1818 wurde der Philosoph und Ökonom Karl Marx in Trier geboren. Jedes Jahr pilgern Tausende Touristen aus dem offiziell noch immer kommunistisch regierten China zu seinem Geburtshaus. China hat Trier zum Jubiläum eine rund fünfeinhalb Meter hohe und nicht minder umstrittene Bronzestatue von Marx geschenkt.

Umzug, Studium, Religionskritik

Umzug, Studium, Religionskritik

Der junge Marx beginnt nach dem Abitur 1835 Jura in Bonn zu studieren. Schon 1836 wechselt er nach Berlin, wo er zusätzlich Philosophie studiert und immer mehr mit religionskritischen Denkern des Linkshegelianismus in Kontakt kommt. Auch Marx, der am 19. Juni 1843 seine Verlobte Jenny von Westphalen sowohl zivil als auch kirchlich heiratet, wird zum Religionskritiker; viel zitiert ist sein Urteil über Religion als "Opium des Volks".

Paris, Engels, Kommunistisches Manifest

Paris, Engels, Kommunistisches Manifest

1842 wird Marx Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln, die jedoch bereits ein Jahr später verboten wird. Er zieht nach Paris und kommt dort in Kontakt zu seinem Freund und Mitstreiter Friedrich Engels. 1845 wird der zunehmend bekannte kommunistische Kritiker auch aus Paris ausgewiesen. Marx übersiedelt nach Brüssel, wo das im Februar 1848 veröffentlichte "Manifest der Kommunistischen Partei" entsteht. Die Revolution von 1848 begleitet Marx als kritischer Journalist, er wird Chefredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung" in Köln. Nach dem Scheitern der Revolution wird er 1849 aus Preußen ausgewiesen. "So war er gezwungen, die verbleibenden 35 Jahre bis zu seinem Tod 1883 im Londoner Exil zu verbringen", sagt die die Historikerin und Marx-Forscherin Beatrix Bouvier.

Der erste Band von "Das Kapital" entsteht

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In London verdingt sich Marx weiter als politischer Journalist und bringt sich in der internationalen Arbeiterbewegung ein, um die ersehnte proletarische Revolution zu beflügeln. Vor allem aber treibt er seine ökonomischen, historischen und philosophischen Studien weiter. "Weder Krankheit, Armut, Ehekrisen noch Familientragödien halten ihn davon ab, beharrlich an seinem Werk zu arbeiten", so sein Biograf Jürgen Neffe. 1867 erscheint der erste Band von Marx' bedeutendstem Werk "Das Kapital".

Marx - Prophet der Globalisierung

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"Das Kapital" wird zu einem der einflussreichsten Bücher der Neuzeit - und beschreibt schonungslos die miserable Lage der Arbeiter: "Zu Tod arbeiten ist die Tagesordnung", heißt es in einer Situationsbeschreibung der Produktionsbedingungen des späten 19. Jahrhunderts. Mit seiner Analyse eines entfesselten Wirtschaftssystems habe Marx die globalisierte Welt der Gegenwart bis hin zur Finanzkrise vorausgesagt, urteilt Marx-Biograf Neffe: "Karl Marx hat unsere Welt besser verstanden als viele andere - er trifft den Nerv unserer Zeit."

"Zeitlose Denkanstöße" als Vermächtnis

"Zeitlose Denkanstöße" als Vermächtnis

Zwei Jahre nach seiner Frau Jenny stirbt Karl am 14. März 1883 und wird auf dem Londoner Friedhof Highgate begraben. Was bleibt 135 Jahre nach seinem Tod vom Erbe des Philosophen, dessen Grabmal die berühmte Inschrift "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" ziert? "Letzte Wahrheiten", mahnt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dürfe man von Marx im Jahr 2018 nicht erwarten. "Allerdings gibt es Sätze von Marx, die sich zeitlos als Denkanstöße eignen", so Steinmeier. Er zitiert: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern."

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