: "Wie können wir überleben, ohne die Natur?"

von Christoph Röckerath, Rondonia
14.04.2019 | 11:43 Uhr
Teile des Regenwalds sind als Lebensraum der indigenen Völker Brasiliens durch die Verfassung geschützt - eigentlich. Seit Bolsonaro an der Macht ist, sind ihre Refugien bedroht.
"Ihr seid langsam", sagt Aripan und blinzelt uns mit seinen listigen, wachen Augen an. Aripan ist der Stammesälteste der Karipuna, eines der 305 indigenen Völker, die im Regenwald des Amazonas leben. Mit seinen geschätzten 80 Jahren – die Karipuna zählen keine Geburtstage – hat er uns gerade im vollen Tempo vier Kilometer durch dichten Regenwald getrieben. Mein Kameramann Selim und ich sind völlig fertig.

Verfassung garantiert Schutz

Doch die kleine Gruppe von Karipuna, die uns und ein paar Mitarbeiter von Hilfsorganisationen durch den Wald zieht, hat es eilig. Sie wollen uns die zahlreichen Stellen zeigen, wo illegale Holzfäller gewütet haben. Acht Stunden dauert die Wanderung.
Die Territorien der indigen Völker sind streng geschützt, garantiert durch die brasilianische Verfassung. Oft sind es die letzten Flächen, in denen der Regenwald noch weitgehend unberührt ist.

Holzfällerbanden verbreiten Angst

Doch in den letzten Monaten hat sich der Druck illegaler Holzfäller, bezahlt von mächtigen Großgrundbesitzern, noch einmal dramatisch verstärkt. Der Einschlag nimmt zu. Oft begleitet von Gewalt. Jede Woche sterben Menschen im Kampf ums Land. Meist sind es Kleinbauern oder Indigene, immer wieder auch Umweltaktivisten, die von den Grileiros, den Banden der Holzfäller, ermordet werden.
Karipuna in ihrem DorfQuelle: ZDF
Auch auf unserer Wanderung gibt es eine Schrecksekunde. Aripan und der junge Häuptling André entdecken frische Schnitte im Unterholz. Sie kennen ihren Wald genau und wissen: Diese Schnitte stammen nicht von ihnen. Die möglicherweise bewaffneten Eindringlinge könnten noch in der Nähe sein. Zwanzig Minuten lang müssen wir still und stumm verharren. Die Karipuna schicken Späher aus, um die Umgebung zu erkunden. Sie kommunizieren mit täuschend echten Vogellauten. Für uns zwar eine willkommene Pause. Aber die Anspannung der Indianer zeigt, dass dies eine ernste Situation ist.

Häuptling: Angst vor Ende unseres Volkes

Für die Karipuna und ihre Brüder in den anderen Völkern geht es um Leben und Tod. Sie sprechen von Völkermord. "Wenn wir den Wald verlieren, haben wir keine Lebensgrundlage mehr. Es wäre das Ende unseres Volkes. Das macht uns große Angst", sagt Häuptling André.
Karte: Gebiet der Karipuna im Bundesstaat Rondonia, BrasilienQuelle: ZDF
Immer wieder treffen wir auf Lichtungen, manche neu, einige älter. Für uns sehen sie alle gleich aus. Denn es grünt sofort nach. Doch der Wald regeneriert sich nicht, wenn er einmal abgeholzt wird. Das fragile Gleichgewicht der unterschiedlichen Baumarten, die Zusammensetzung und Bewässerung des Bodens – all dies wird zerstört und ist unwiederbringlich verloren.

Angst-Geschichten ähneln sich

Die Karipuna zeigen uns, wie die Holzfäller vorgehen. In regelmäßigen Abständen treffen wir auf winzige, für uns Außenseiter kaum als solche zu erkennende Schneisen, mit den besagten feinen Schnitten im Unterholz. "So markieren sie Bereiche, die sie dann nach und nach – in jeweils einer Nacht – abholzen können", erklärt uns André.
Dass wir als ZDF und einziges Fernsehteam überhaupt dabei sein dürfen, ist der Angst der Indigenen um ihre Existenz geschuldet. Die Karipuna haben die Anführer von 13 umliegenden, das bedeutet wenige Tagesreisen entfernten, Stämmen in ihr Dorf geladen. Zwei Tage beraten sie in der Dorfschule. Die Geschichten gleichen sich. Jeder Stamm berichtet von Lichtungen, die über Nacht auftauchen. Von Einschüchterungen, von Morden. Und all dies habe zugenommen, seit Brasilien einen neuen Präsidenten hat: Jair Bolsonaro.

Der rechtsextreme Politiker hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er von der traditionellen Lebensweise der Indigenen nicht viel hält. Ihre Schutzgebiete sind ihm ein Dorn im Auge. "Bolsonaro baut auf den Vorurteilen auf, die es gegen uns schon seit der Kolonialzeit gibt", sagt Eva Canoe, Gesandte ihres Stammes, der zugleich, wie bei allen hier, der Nachname ist. "Er sagt, wir stünden dem Fortschritt im Wege. Dabei sind wir es doch, die den Regenwald bewahren."

Stimmen von Großgrundbesitzern wahlentscheidend

Tatsächlich machen die Indigenen weniger als ein Prozent der Bevölkerung Brasiliens aus, während ihre Schutzgebiete etwa dreizehn Prozent der Fläche belegen, gut zwanzig Prozent des Amazonas Regenwalds. Ein wesentlicher Beitrag zum Schutz des Waldes, aber wirtschaftlich spielen diese Zahlen keine Rolle. Das riesige Land hat nicht nur schier unendlich viel Fläche, die ungenutzt brach liegt. Es hat auch viel dringlichere wirtschaftliche Baustellen. Doch dem Lehrbuch des Populismus folgend, hat Bolsonoaro die Indigenen-Karte im Wahlkampf geschickt gespielt.
Die Bergbau- und Agrarlobby, allen voran die Rinderzüchter und die Soja-Großbauern sind in den strukturschwachen Gebieten des Amazonas mächtige Arbeitgeber und daher wahlentscheidend. Frisch abgeholzter Regenwald ist die billigste Möglichkeit, für ein paar Jahre Nutzfläche zu gewinnen, bevor der Boden ausgelaugt ist und die Bulldozer-Karawane weiterzieht. Eine Alternative wäre eine nachhaltige Weidewirtschaft, wie sie in anderen Ländern auch möglich ist. Doch in Brasilien geht es viel zu oft um den kurzfristigen und kurzsichtigen Profit: Regenwald abzuholzen ist günstiger.

Karipuna hoffen auf die Weltgemeinschaft

Zwar kann Bolsonaro aufgrund der Verfassung nicht einfach die indigenen Gebiete auflösen. Doch als Geschenk an seine Unterstützer hat Bolsonaro per Dekret die Zuständigkeit für deren Festlegung vom relativ unabhängigen Justizministerium zum Agrarministerium verlagert. Dieses wird von einer ehemaligen Lobbyistin der Agrarindustrie geführt. Zugleich droht er damit, die staatliche Gesundheitsversorgung für die Indigenen zu kappen, was verheerende Folgen haben könnte. "Der Präsident will uns umbringen", sagen uns die Indigenen am Rande des Treffens immer wieder.
Die Karipuna wurden schon einmal fast ausgerottet. Der Stammesälteste Aripan erzählt uns, wie er vor gut 40 Jahren im Wald auf einmal vor weißen Männern stand. Diese sprachen nicht, sondern drückten ihm einen Rosenkranz in die Hand. Und mit ihm, ohne es zu wollen, in der Folgezeit zahllose Krankheitserreger, auf die das Immunsystem der Karipuna keine Antwort hatte. Alle starben, bis auf acht. Aripan ist einer von denen, die überlebt haben und nun wieder das Ende seines Volkes nahen sieht.
"Sie wollen uns die Bäume nehmen, um ihre Tiere grasen zu lassen. Aber wie können wir überleben, ohne die Natur?" Wenn sie schon in unserer Hauptstadt nicht auf uns hören, erzählt es wenigstens bei Euch, sagen sie uns zum Abschied. Der Regenwald ginge schließlich die ganze Welt etwas an.

Die Grüne Lunge der Welt

Quelle: mev
Tropische Regenwälder umspannen die Erde in einem breiten Gürtel entlang des Äquators. Dort herrscht ganzjährig ein feuchtes Klima, und intensive Regenzeiten sorgen für 2000 bis 10.000 Millimeter Niederschläge pro Jahr. Die Temperaturen sind das ganze Jahr über tropisch warm, ausgeprägte Jahreszeiten gibt es nicht.

Die ganzjährige Vegetationsphase sorgt für ein üppiges Wachstum verschiedenster Pflanzen, die wiederum unzähligen Tieren Nahrung und Unterschlupf bieten. Neben den Korallenriffen zählen die Regenwälder zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde.

Der tropische Regenwald macht über 30 Prozent aller Waldgebiete der Erde aus. Doch die Zerstörung dieses einzigartigen Lebensraums schreitet rasant voran.

Tiere & Pflanzen

Quelle: dpa
Die Regenwälder gehören zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde: Schätzungen zufolge leben 40 bis 60 Prozent aller Arten in tropischen Wäldern.

Der Regenwald ist in Stockwerke gegliedert: Bis zu 60 Meter hohe Baumriesen ragen über alles hinaus. Es folgt ein dichtes Kronendach, in dem die meisten Tiere leben. Darunter wachsen Bäume und Sträucher, die mit wenig Licht auskommen.

Viele wertvolle Baumarten wie Mahagoni sind durch den Raubbau vom Aussterben bedroht. Da die Bäume einer Art im Regenwald sehr zerstreut wachsen, muss für jeden gefällten Baum eine breite Transportschneise geschlagen werden.

Die Tiere des Regenwalds bestechen durch eine unglaubliche Vielfalt von Farben und Formen. Auch unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, leben dort. Orang Utans, Bonobos, Gorillas, Schimpansen - wenn die Zerstörung des Waldes weiter voranschreitet, werden sie nur noch wenige Jahrzehnte in freier Wildbahn überleben.

Gefährdung

Quelle: imago
Liegestühle, Fensterrahmen, Bodenbeläge: Das Holz der Urwaldriesen wird in den Industrieländern verarbeitet - oft nicht einmal zu hochwertigen Produkten. Besonders problematisch ist der illegale Holzeinschlag, der z.B. in Indonesien Schätzungen zufolge rund 50 Prozent ausmacht. Er entzieht sich sämtlichen Regeln, und nur wenige profitieren davon.

Coltan, Gold, Diamanten: Auf der Suche nach Bodenschätzen dringen die Menschen immer tiefer in den Wald ein. Beim Abbau wird abgeholzt, und giftige Stoffe gelangen in die Böden. Dörfer und Straßen werden gebaut, und Jäger gelangen so tief in den Dschungel. Sie holen "Buschfleisch" - Tiere des Waldes, darunter Gorillas, Schimpansen und Waldelefanten.

Sojafelder, Palmölplantagen, Rinderweiden: Dafür wird großflächig gerodet, sei es mit der Motorsäge oder durch Brände. In der indonesischen Provinz Kalimantan auf der Insel Borneo gibt es etwa 500.000 Hektar Palmölplantagen. Das Geschäft boomt und bedroht die letzten Orang Utans.

Schutz

Quelle: ap
Die Industrienationen, die wichtigsten Käufer von Holzprodukten, müssen umdenken. Nach jahrelangem Ringen sind in Europa erste Erfolge vorzuweisen: Um den Raubbau zu stoppen, gilt seit dem 3. März 2013 in der EU eine neue Holzhandelsverordnung, die den Import von geschütztem und illegal geschlagenem Holz unter Strafe stellt.

Beim Kauf von Gartenmöbeln und anderen Holzprodukten kann jeder Einzelne darauf achten, Produkte aus heimischen Hölzern zu kaufen. Das Gütesiegel FSC (Forest Stewardship Council) kennzeichnet Produkte, die aus nachhaltiger Waldwirtschaft stammen. Allerdings steht auch dieses Siegel immer wieder einmal in der Kritik. In Deutschland sind laut Schätzungen des Thünen-Instituts zwei bis fünf Prozent des eingeführten Holzes illegal. Aus einzelnen Ländern, insbesondere in den Tropen, kann dieser Anteil jedoch wesentlich höher als der Durchschnittswert sein. Schätzungen von Interpol zufolge stammen, 15 bis 30 Prozent des weltweit gehandelten Holzes aus illegaler Abholzung.

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