Kommissionschef im ZDFJuncker: Dauerhafte Sommerzeit wird kommen

31.08.2018 15:32 Uhr

Das Votum war eindeutig: Die Mehrheit in einer EU-Umfrage wünscht sich die Sommerzeit dauerhaft. "So wird das auch kommen", sagt Kommissionschef Juncker im ZDF.

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Juncker: Dauerhafte Sommerzeit wird kommen

Jean-Claude Juncker sagt zur Zeitumstellung: "Millionen haben geantwortet und sind dafür, dass die Sommerzeit für alle Zeit gelten soll“.

01:06 min | 31.08.2018

Eine EU-Umfrage ergab: Die überwiegende Mehrheit der 4,6 Millionen Teilnehmer ist gegen die Zeitumstellung und will die Sommerzeit dauerhaft. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ist überzeugt: "So wird das auch kommen." Er werde zuerst in der Kommission dafür werben und "das werden wir heute beschließen", sagte er dem ZDF morgenmagazin. Dann seien die Mitgliedsstaaten und das EU-Parlament am Zug. Es mache keinen Sinn, Menschen zu fragen, was sie denken, und das dann zu ignorieren. "Die Menschen wollen das, wir machen das."

Wenn Europaparlament und EU-Staaten dem zustimmten, könnte die Entscheidung schon im kommenden Jahr fallen - und die Zeitumstellung 2020 oder 2021 passé sein, sagte EU-Kommissarin Violeta Bulc. Anschließend könnten die einzelnen Länder selbst entscheiden, ob sie dauerhaft die Winter- oder die Sommerzeit einführen wollen.

Die Umfrage ist kein Referendum und entsprechend nicht bindend. Aber sowohl Juncker als auch Vertreter fast aller im Europaparlament vertretenen deutschen Parteien plädieren dafür, das nicht zu übergehen. "Ein so eindeutiges Ergebnis dürfen die EU-Institutionen nicht ignorieren", sagte CDU-Politiker Peter Liese. Martin Häusling von den Grünen erklärte: "Wenn die Kommission auf diese 80 Prozent nicht reagiert, dann machen wir uns komplett lächerlich." Der SPD-Politiker Ismail Ertug forderte, die EU-Kommission müsse möglichst schnell einen Gesetzesvorschlag vorlegen.

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EU-Kommission: Sommerpause zu Ende

Nach der Sommerpause lassen Lösungen für die EU-Baustellen weiterhin auf sich warten. Einig scheint man sich aber bei der Abschaffung der Zeitumstellung zu sein.

von Ina D'hondt

"Keine Mehrheit gegen eine Abschaffung"

In der EU-Umfrage konnten Teilnehmer angeben, ob sie die Zeitumstellung weiter wünschen oder für eine Abschaffung plädieren. Das soll EU-weit einheitlich geregelt bleiben. Die Zeitumstellung ist per EU-Richtlinie vorgegeben. Weiterhin konnten sie angeben, ob im Fall der Fälle lieber dauerhaft die Sommer- oder die Winterzeit gelten soll - diese Frage wiederum liegt im Ermessen der Mitgliedsstaaten.

Gegen eine Änderung der Zeitumstellung könne aber lediglich sprechen, dass eventuell nicht alle EU-Staaten dauerhaft die Sommerzeit einführen wollten, sagte der Chef der EU-Unionsparlamentarier, Daniel Caspary. Dies könnte dann zu der ungünstigen Situation führen, dass es zwischen mehr EU-Ländern Zeitunterschiede gebe als derzeit. So hielte er es beispielsweise für nicht gut, wenn Belgien künftig eine andere Zeit hätte als Deutschland, sagte der CDU-Politiker. Sein Fraktionskollege Peter Liese setzt auf eine Entscheidung noch vor der Europawahl im Mai. Der Rückhalt im Parlament sei klar, sagte Liese. Im Rat der Mitgliedstaaten sei die Lage dagegen nicht ganz so eindeutig, aber: "Ich sehe auch da keine Mehrheit gegen die Abschaffung."

Energiespar-Effekt zweifelhaft

Einige EU-Länder haben sich bereits positioniert. Litauen, Estland und Lettland sprachen sich ebenso für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus wie Finnland. Auch Kanzlerin Angela Merkel befürwortet eine Abschaffung. "Ich persönlich hätte jedenfalls dafür eine sehr hohe Priorität", sagte die CDU-Chefin. Wenn es ein solches Umfrageergebnis gebe, "sollte vielleicht auch etwas daraus folgen. Ich freue mich, wenn die Kommission dieses Votum ernst nimmt."

Ich persönlich hätte jedenfalls dafür eine sehr hohe Priorität.

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Das Europaparlament hatte die EU-Kommission im Frühjahr beauftragt zu prüfen, wie es mit der im EU-Recht geregelten Zeitumstellung weitergehen soll. Die Mitte August beendete Online-Umfrage sollte Hinweise dazu geben. Dazu kamen mehr als drei Millionen Antworten allein aus Deutschland. Bis auf Deutschland, Österreich und Luxemburg beteiligten sich in keinem EU-Land mehr als ein Prozent der Einwohner an der Erhebung.

Eingeführt worden war die Umstellung zur Sommerzeit nach der Ölkrise in den 70er Jahren in der Hoffnung auf Energieersparnis. In Deutschland gibt es sie in der heutigen Form seit 1980. Seit 1996 stellen die Menschen in allen EU-Ländern die Uhren einheitlich am letzten Sonntag im März eine Stunde vor - und am letzten Oktober-Sonntag wieder eine Stunde zurück. Ob der Zweck je erreicht wurde, ist indes umstritten. So knipsen die Deutschen laut Umweltbundesamt zwar wegen der Zeitumstellung an länger hellen Sommerabenden tatsächlich seltener das Licht an - im Frühjahr und Herbst wird jedoch morgens mehr geheizt.

Viele haben Probleme mit der Umstellung

Viele haben Probleme mit der Umstellung

Für viele Menschen ist die Zeitumstellung eine leidige Sache. Rund jeder Vierte kämpft einer Umfrage der Krankenkasse DAK zufolge nach der Umstellung mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen. Drei Viertel der Deutschen halten die Zeitumstellung demnach ohnehin für überflüssig. Die Bundesregierung hat sich zu dem Thema bislang nicht eindeutig positioniert.

Tatsächlich kann die Zeitumstellung bei sensiblen Menschen die "innere Uhr" durcheinander bringen - mit Folgen wie Müdigkeit, Schlafstörungen, Abgeschlagenheit und Verstimmungen. Vor allem in der Woche nach der Zeitumstellung sind die Menschen insgesamt erst einmal deutlich unzufriedener, wie Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg herausfanden. Betroffen sind vor allem Menschen mit starken zeitlichen Beschränkungen wie berufstätige Eltern mit Kindern. Ihre Lebenszufriedenheit erreicht nach der vor drei Jahren erhobenen Studie in der Regel erst in der zweiten Woche nach der Umstellung das Ausgangsniveau. Nicht erwerbstätige Erwachsene ohne Kinder können dagegen weitaus flexibler reagieren - meist ist für sie noch in der Woche nach der Zeitumstellung alles wieder beim Alten.

Nach Angaben von Biologen macht dem Körper insbesondere die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit zu schaffen. Sie wirkt ähnlich wie bei einem Flug nach Osten - beides ist weitaus schwerer als die Umstellung auf die Winterzeit oder ein Flug nach Westen. Es sei sehr viel einfacher, die innere Uhr zu verzögern, als sie zu beschleunigen. Die EU-Kommission betont indes, es lägen noch keine eindeutigen Erkenntnisse "über die Gesamtwirkung auf die Gesundheit" vor.

Technische Umsetzung

Technische Umsetzung

Die technische Umstellung verläuft einfacher: Die Zeitumstellung bei Funkuhren läuft automatisch ab. Taktgeber dabei ist in Deutschland die Atomuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Für die Deutsche Bahn ist die Zeitumstellung der rund 120.000 Uhren in Bahnhöfen, Diensträumen und Automaten ebenfalls schon Routine. Bei den Nachtreisezügen werden die nächtlichen Aufenthalte wegen der fehlenden Stunde entsprechend gekürzt - oder sie kommen am Sonntag etwas verspätet ans Ziel. Güterzüge werden möglichst schon vor der planmäßigen Abfahrtszeit auf die Reise geschickt.

Der Grund der Zeitumstellung

Der Grund der Zeitumstellung

Die Sommerzeit wurde in Deutschland 1980 eingeführt - und zwar aus Gründen der Energieeinsparung. Dahinter steckte die Überlegung, dass weniger Beleuchtung und damit weniger Strom verbraucht wird, wenn der Tag den Lichtverhältnissen der Jahreszeit angepasst wird. Nach Ansicht von Kritikern sind allerdings dadurch entstehende Energiespareffekte kaum nachweisbar. So wird laut Umweltbundesamt abends zwar weniger häufig das Licht angeknipst, dafür wird aber im Frühjahr und Herbst in den Morgenstunden mehr geheizt, so dass sich der Effekt aufhebt. "Die Zeitumstellung spart im Saldo daher keine Energie", erklärt die Behörde.

Kommission will Umstellung kippen

Kommission will Umstellung kippen

Die Zeitumstellung ist schon lange umstritten. Grundlage ist eine EU-weite Regelung, wonach die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) in allen Mitgliedstaaten jeweils am letzten Sonntag im März beginnt und am letzten Sonntag im Oktober endet. Auf Betreiben des Europaparlaments wurde die umstrittene Umstellung aber auf den Prüfstand gestellt. Im Februar beschloss das Straßburger Parlament, dass die EU-Kommission eine "gründliche Bewertung" der entsprechenden Richtlinie vornehmen und gegebenenfalls Änderungsvorschläge vorlegen solle. Litauen, Estland und Lettland sprachen sich ebenso für eine Abschaffung aus wie Finnland.

Die EU-Kommission startete daher im Juli eine Online-Umfrage zur Zeitumstellung. Das Ergebnis: Die große Mehrheit sprach sich dafür aus, die Umstellung abzuschaffen. Die EU-Kommission will nun einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorlegen. "Die Menschen wollen das, wir machen das", sagte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im ZDF. Einen Termin nannte die Kommission zwar nicht. Wenn das Europaparlament und die EU-Staaten aber zustimmten, könnte die Entscheidung schon im kommenden Jahr fallen - und die Zeitumstellung 2020 oder 2021 passé sein, erklärte EU-Kommissarin Violeta Bulc. Anschließend könnten die einzelnen Länder selbst entscheiden, ob sie dauerhaft die Winter- oder die Sommerzeit einführen wollen. In der EU-Umfrage gab es eine deutliche Mehrheit für eine dauerhafte Sommerzeit.

Quelle: dpa, afp, reuters

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