Der Windkraft-Don-Quijote von Freimersheim

von Marcel Burkhardt
01.12.2019 | 16:13 Uhr
Martin Klenner und seine Mitstreiter wollen nicht "umzingelt" werden von neuen Windkraftanlagen und setzen sich gegen einen ungezügelten Ausbau zur Wehr.
Windräder bei FreimersheimQuelle: ZDF/Marcel Burkhardt
Martin Klenner aus Freimersheim, einem Dorf auf halbem Weg zwischen Kaiserslautern und Mainz, ist alles andere als der Archetyp des Wutbürgers. Der selbstständige Architekt ist auch kein "klagewütiger Windkraftgegner", wie Menschen bisweilen beschrieben werden, die sich mit juristischen Mitteln gegen den geplanten Bau von Windrädern in unmittelbarer Nähe ihres Wohnorts wehren. Klenner wirkt besonnen und sagt: "Ich bin nicht generell gegen Windkraft, aber was zu viel ist, ist zu viel."

Streit um sechs neue, mehr als 200 Meter hohe Windräder

Dieses "zu viel" könnte in absehbarer Zeit hinter Klenners Garten in den Himmel wachsen: Sechs über 200 Meter hohe Windkraftanlagen sollen dort auf einer Anhöhe zwischen Landstraße und Autobahn errichtet werden. Knapp anderthalb Kilometer entfernt von Klenners Haus am Dorfrand. Wer über das weite, hügelige Land blickt, sieht ringsum Windräder arbeiten. Etwa 70 sind es inzwischen. Da komme es auf sechs mehr auch nicht an, meinen Befürworter der geplanten weiteren Anlagen.
Klenner sieht es anders und hat gemeinsam mit einer Handvoll Mitstreitern eine Bürgerinitiative gegründet, die sich gegen den Bau weiterer Windkraftanlagen in der Gegend ausspricht. Es ist eine Initiative von inzwischen mehr als 1.000 in Deutschland. "Wir sind eine Gruppe von Leuten, denen Umwelt- und Naturschutz am Herzen liegt", sagt Klenner. "Wir engagieren uns gegen einen weiteren Ausbau von Windkraft in einer Verbandsgemeinde, die den dreifachen Anteil der von der Landesregierung geforderten Fläche für Windkraft ausgewiesen und größtenteils bereits bestückt hat."

"Wir sind umringt von Windrädern"

Auf dem Esstisch im Wohnzimmer breitet der Architekt eine Landkarte der Umgebung aus, auf der so genannte "Konzentrationszonen Windenergie" verzeichnet sind. Also: Gelände, auf denen Windräder entweder schon in Betrieb sind oder noch gebaut werden sollen. Klenner fährt mit dem Zeigefinger einmal im großen Bogen über Dörfer und Felder und sagt: "Wir sind umringt von Windrädern – und jetzt sollen auch noch auf die letzte Ecke welche gebaut werden, das ist doch unsinnig."
Martin Klenner will nicht von Windrädern "umzingelt" werden. Quelle: ZDF/Marcel Burkhardt
Dörfer wie Freimersheim, Weinheim und Mauchenheim sieht Klenner indes schon heute "großräumig umstellt". Mit den geplanten sechs weiteren Anlagen würden "die jeweils letzten Lücken unverbauter Landschaft geschlossen, sodass die Menschen in jeder Himmelsrichtung Blinklichter, Masten, Pfeiler und Windräder sehen müssen", so Klenner, der nicht "umzingelt" werden möchte und es merkwürdig findet, dass die Verwaltungsgemeinschaft "mit Hochglanzfotos vom schönen Alzeyer Hügelland" um Touristen werbe und dabei "nicht ein einziges Windrad" zeige.

Bürger fordern Einhalten der Abstandsregeln

Die Bürgerinitiative setzt nicht auf spektakuläre Maßnahmen, sondern fordert nüchtern, "dass bislang gültige Abstandsregeln zwischen Konzentrationszonen ausnahmslos eingehalten werden". Demnach müssen die Windkraftanlagen mindestens vier Kilometer auseinander liegen. Mit dem Bau der neuen Anlagen sei das "bei Weitem nicht einzuhalten". Der Standpunkt der Initiative: "Jeder Bürger muss sich beim Bauen an Maßgaben des Verordnungsgebers halten; wir halten es für selbstverständlich, dass dies auch für Windkraft-Betreibergesellschaften gilt."
Nicht nur im Alzeyer Land, sondern in ganz Deutschland ist längst eine heftige Diskussion um Windkraft entbrannt. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat sie jüngst zusätzlich befeuert mit seinem Plan, dass Windräder künftig nur noch einen Kilometer entfernt von Siedlungen gebaut werden dürfen. Was dem Anliegen vieler Bürgerinitiativen entgegenkommt, die dagegen kämpfen, dass ihnen Windräder zu nahe auf den Leib rücken, die zehnmal höher sind als der Kirchturm des Dorfes, bringt Planer und Betreiber von Windkraftanlagen in Bedrängnis.

Windkraft-Branche steckt in der Krise

Vom rheinhessischen Wörrstadt aus plant das Unternehmen Juwi den Bau von Windkraftanlagen. Altmaiers Abstandspläne hält man dort für wenig hilfreich. Einer Studie des Umweltbundesamts zufolge würde der pauschale Mindestabstand die Planungs- und Bauflächen um 50 Prozent verringern. Juwi-Sprecher Felix Wächter sagt dagegen: "Wir brauchen mehr Flächen für Windenergie, nicht weniger!"
Windkraft gilt als wichtigste Energiewende-Technologie in Deutschland. Doch inzwischen ist die Branche in der Krise; es fehlt an Aufträgen und Baugenehmigungen, Zehntausende Arbeitsplätze sind in den vergangenen Jahren bereits verloren gegangen. Juwi-Sprecher Wächter hofft auf eine Trendumkehr und sagt: "Deutschland steigt aus der Kernkraft und der Kohle aus, wir müssen auch irgendwo einsteigen – und ohne Windenergie wird die Energiewende nicht gelingen."

"Ich fühle mich manchmal wie Don Quijote"

Martin Klenner im nahen Freimersheim sieht das ganz ähnlich. Er spricht sich für einen "vernünftigen Einsatz von Windenergie" aus. Während andere Dorfbewohner aber sagen, es sei ein "sinnloser Kampf, eh alles schon gelaufen" und sich auf "Geld für die leere Dorfkasse" freuen, gibt Klenner seinen Standpunkt nicht auf.

Zum Abschied sagt er mit einem Lächeln: "Ich fühle mich manchmal wie Don Quijote im Kampf gegen Windmühlen." Seit drei Jahren wehrt sich Klenner gegen die geplanten Windräder – und hat nicht vor, aufzugeben.

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