: Warum SPD und Linke verlieren und die AfD zulegt

01.09.2019 | 19:45 Uhr
Bei der Landtagswahl in Brandenburg bleibt die SPD zwar stärkste Kraft, verliert aber deutlich. AfD und Grüne sind im Plus, CDU und Linke müssen Verluste hinnehmen. Eine Analyse.
Stimmabgabe in Calau im Süden Brandenburgs.Quelle: dpa
In Brandenburg ist es zu großen Bewegungen in der Parteienlandschaft gekommen: Die SPD kann ihre Position als stärkste Partei zwar behaupten, CDU und Linke haben jedoch deutliche Verluste und rutschen hinter die AfD, die bei starken Zugewinnen zweitstärkste Partei wird. Die Grünen können ihr Ergebnis von 2014 nur leicht verbessern. Ob der BVB/FW den Einzug ins Brandenburger Parlament schafft, ist zur Stunde noch unklar, die FDP dürfte eher an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Bescheidene Zufriedenheit mit der bisherigen Regierungsarbeit

Mit diesem Ergebnis hat die amtierende Koalition aus SPD und Linke keine Mehrheit mehr. Ihre bisherige Arbeit wird auf der +5/-5-Skala mit mäßigen 0,6 bewertet, im Einzelnen die SPD mit 0,6 und die Linke mit minus 0,1. Vor fünf Jahren bekam die SPD in der Regierung noch 1,7 und die Linke 0,6.
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen
Zwar erfährt der amtierende Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) mit Ausnahme der AfD-Anhänger lagerübergreifende Wertschätzung. 64 Prozent aller Befragten bescheinigen ihm eine gute Arbeit als Ministerpräsident (2014: 70 Prozent). Das ist aber im Vergleich zu anderen amtierenden Landeschefs ein eher mittelmäßiger Wert. Mit 1,6 wird er insgesamt klar positiv, jedoch schlechter als vor fünf Jahren bewertet (2014: 2,4). Sein sächsischer Amtskollege Michael Kretschmer (CDU) wird in Sachsen mit 2,4 eingestuft.

Wer als Ministerpräsident gewünscht wird

Trotz dieser gesunkenen Popularitätswerte wird Woidke deutlich positiver bewertet als alle anderen bekannten Spitzenpolitiker im Land: Ingo Senftleben von der CDU kommt nur auf 0,7 und Andreas Kalbitz von der AfD auf minus 1,4. Auch die Frage nach dem gewünschten Ministerpräsidenten entscheidet der aktuelle Regierungschef für sich. Stünden Woidke und Senftleben zu Wahl, würden sich 47 Prozent für Woidke und 23 für Senfleben entscheiden. Im Duell Woidke gegen Kalbitz würden sich 52 für Woidke und zwölf Prozent für den AfD-Kandidaten entscheiden (Rest jeweils „keinen“, „kenne ich nicht“ oder „keine Angabe“).
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen
In Brandenburg werden auch die aktuell schwierigen Rahmenbedingungen für die SPD deutlich: Die Zufriedenheit der Brandenburger mit der Bundes-SPD liegt bei mageren 0,6 im Vergleich zur Landes-SPD mit 1,3, die allerdings 2014 noch mit 2,2 bewertet worden war. Bei der CDU ist es umgekehrt. Hier erhält die Landes-CDU mit 0,7 einen etwas schlechteren Wert als die Bundes-CDU (0,9).

Wem die Brandenburger Lösungskompetenzen zuschreiben

Eine Mehrheit der Brandenburger findet ihr Land ganz allgemein unzureichend auf die Zukunft vorbereitet (47 Prozent), nur 42 Prozent sind da optimistisch (weiß nicht elf Prozent). Bei den in Brandenburg wichtigsten Themen Infrastruktur und Bildung wird der SPD die größte Kompetenz zugeschrieben, wie auch in den Bereichen Wirtschaft und Soziale Gerechtigkeit. Die CDU kann nur beim Thema Arbeitsplätze punkten. In die Grünen wird wie gewohnt beim Klimaschutz das größte Vertrauen gesetzt, die Linke ist bei den Themen Soziale Gerechtigkeit und Sorgen der Ostdeutschen stark. Der AfD wird bei der Ausländerpolitik die größte Kompetenz zugeschrieben. Allgemein verspricht sich die Mehrheit in Brandenburg nicht viel Inhaltliches von der AfD: 57 Prozent meinen, die Politik in Brandenburg wäre schlechter, wenn die AfD an der Landesregierung beteiligt wäre, nur 23 Prozent erwarten in diesem Fall eine bessere Politik (kein Unterschied: 13 Prozent, weiß nicht: sieben Prozent).
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen
Die Mehrheit der AfD-Wähler in Brandenburg (53 Prozent) gab als Motiv für ihre Wahlentscheidung an, den anderen Parteien einen Denkzettel verpassen zu wollen und 43 Prozent die Partei wegen ihrer Inhalte zu wählen (in Sachsen sagen dies 70 Prozent). Dabei meinen besonders viele AfD-Wähler(46 Prozent), sie haben im Leben weniger, als ihnen gerechterweise zustehe, im Vergleich zu 29 Prozent unter allen Brandenburgern.
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Was bei den Parteien besonders auffällt

Die AfD hat ihr höchstes Stimmenplus bei Wählern zwischen 30 und 59 Jahren (15 Prozentpunkte) und wird innerhalb dieser Altersgruppen stärkste Kraft. Sie erzielt bei Männern 30 Prozent der Stimmen, bei Frauen 19 Prozent. Bei männlichen Wählern unter 60 Jahren wird die AfD mit Abstand erfolgreichste Partei (34 Prozent) und wie bei vielen Wahlen zuvor, bleibt sie bei über 60-Jährigen vergleichsweise etwas schwächer (18 Prozent). Umgekehrt ist die SPD in dieser Altersgruppe stark und kommt auf 37 Prozent bei leichten Verlusten (minus zwei). Bei allen Wählern unter 60 Jahren verliert die SPD überdurchschnittlich an Zustimmung. Gleiches gilt für die CDU, die bei den unter 45-Jährigen nahezu einbricht und bei den unter 30-Jährigen nur noch neun Prozent erzielt. Die Linke hat bei der Generation 60 plus zweitstellige Verluste. Die Grünen sind bei den unter 30-Jährigen mit einem Plus von 13 Punkten auf ähnlichem Niveau wie die AfD.

Auf welchen Zahlen die Analyse basiert

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.059 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Brandenburg in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 16.001 Wählern am Wahltag.

Was die Forschungsgruppe Wahlen macht

Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen e.V. (FGW) ist für die wissenschaftliche Betreuung und Beratung der Wahlsendungen im ZDF verantwortlich. Sie erstellt an Wahlabenden die Prognose und die Hochrechnungen für das ZDF und eine Analyse des Wählerverhaltens. Außerdem führt die FGW die Meinungsumfragen für die Politbarometer-Sendungen durch.

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