"Fridays for Future"-Demos"Politikerverdrossenheit bei vielen Jugendlichen"

03.05.2019 11:45 Uhr

"Die Politiker kümmern sich nicht um das, was ich denke" - im heute.de-Interview analysiert Politologin Simone Abendschön das Weltbild der "Fridays for Future"-Jugend.

Heiße Verabredung statt heißem Planeten
Quelle: reuters

heute.de: Kritiker sehen in Schülern, die sich an "Fridays for Future"-Demos beteiligen, in erster Linie "Schulschwänzer". Wie ist Ihr persönlicher Blick auf die jungen Demonstranten?

Simone Abendschön: Die Diskussion ums "Schuleschwänzen" muss man führen, das ganze Phänomen aber auf diesen Punkt zu reduzieren, geht komplett am Thema vorbei. Ich denke, dass die Kinder und Jugendlichen ihre politischen Interessen seit Monaten auf der Straße zum Ausdruck bringen. Sie machen auf den "Fridays for Future"-Kundgebungen auf existenzielle Probleme aufmerksam, für die sie Lösungen fordern.

Simone Abendschön

Simone Abendschön

… ist Professorin für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und erforscht unter anderem die politische Sozialisierung von Kindern. Zu ihren weiteren Arbeitsschwerpunkten zählen die Demokratieforschung und die vergleichende politische Einstellungs- und Verhaltensforschung, insbesondere auch unter dem Blickwinkel von sozialer Ungleichheit.

heute.de: Es gab Politiker, die meinten, die Schüler sollten das Thema bitteschön Profis überlassen. Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, wie stark möglicherweise ein Misstrauen der Heranwachsenden gegenüber Politik und Wirtschaft den Protest antreibt?

Abendschön: In Bezug auf die "Fridays for Future"-Bewegung gibt es momentan noch keine belastbaren Studien, aber was uns Jugendstudien seit Jahren zeigen, ist eine Politiker- und Parteienverdrossenheit – was übrigens nicht zu verwechseln ist mit genereller Politik- oder gar Demokratieverdrossenheit. Es herrscht bei vielen Jugendlichen das Grundgefühl: Die Politiker kümmern sich nicht um das, was ich denke und setzen sich nicht genügend für unsere Interessen ein. Da ist also eine große Skepsis vorhanden, die sich jetzt öffentlich Bahn bricht.

heute.de: Nach dem Motto "Die Alten versagen – wir müssen es selbst richten"?

Abendschön: Es hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von politischen Entwicklungen gegeben, die bei Jugendlichen das Gefühl verstärkt haben, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen müssen, zum Beispiel den Brexit oder auch politische Entscheidungen Donald Trumps. Und insbesondere das Thema Klima- und Umweltschutz ist eines, das die nachfolgenden Generationen stark betrifft. Ob die Proteste auch ein Ausdruck eines Generationenkonflikts sind, lässt sich diskutieren. Tatsächlich stehen viele Eltern ja hinter den Aktionen ihrer Kinder. Andererseits kommt in den Protesten auch eine Enttäuschung über politische Verfehlungen der Elterngeneration zum Ausdruck.  

heute.de: Sie forschen unter anderem über das politische Wissen von Kindern. Wie stark ist dieses Wissen bei Themen wie dem Klimawandel bereits bei Grundschülern ausgeprägt?

Abendschön: Es gibt bereits im Grundschulalter ein politisches Interesse und politisches Wissen bei den meisten Kindern. Die Themen Umweltschutz und Klimawandel gehören dabei mit den Themen Krieg, Flucht und Armut zu den Top-Fünf-Themen.

heute.de: Lässt sich sagen, wo Kinder heutzutage am stärksten politisch geprägt werden – durch das Elternhaus, die Schule, Freunde, Medien oder Politiker?

Abendschön: Letztlich ist es ein Einflussmix und jeder Sozialisationskontext erfüllt unterschiedliche Aufgaben. Prägende Grundlagen werden sicherlich im Elternhaus gelegt; dort verbringen Kinder viel Zeit und machen basale soziale Erfahrungen. In Familien lernen schon Kinder, wie man Konflikte aushandelt und wie Entscheidungen getroffen werden: Geht es verständnisvoll, liebevoll, demokratisch zu oder herrscht eine autoritäre Erziehung? Andere Fragen, die hier wichtig sind: Wird in der Familie eine Zeitung gelesen und über Politik diskutiert? Ist meine Familie arm oder finanziell abgesichert?

heute.de: Welchen Einfluss hat die Schule?

Abendschön: Die Schule vermittelt und vertieft als Institution politisches Wissen. Zudem wirken sich Klassen- und Schulklima sowie Mitbestimmungsmöglichkeiten auf das Demokratieverständnis und Demokratiebewusstsein von Schülern aus. In den vergangenen Jahren haben wir außerdem gesehen, wie stark in den Medien diskutierte Themen auch in Kinder- und Klassenzimmer einziehen und Kinder sich auch für komplexe politische Sachverhalte interessieren, wenn diese kindgerecht aufbereitet sind.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

"Fridays for Future"

"Fridays for Future"

"Fridays for Future" ist eine internationale Schüler- und Studentenbewegung, die sich für den Klimaschutz einsetzt. Seit mehreren Wochen gehen junge Menschen weltweit freitags auf die Straße, anstatt die Schule oder die Universität zu besuchen. Sie fordern von ihrer jeweiligen Regierung eine bessere Klimapolitik und "einen echten Klimaschutz", wie die Bewegung auf ihrer deutschen Webseite erklärt.

Die Schüler wollen mit dem Fernbleiben vom Unterricht ausdrücken, dass der Schulbesuch sinnlos werde, wenn die Politik beim Kampf gegen den Klimawandel keine entscheidenden Schritte unternehme. Vorbild für die Streikenden ist die Schwedin Greta Thunberg, die mit einem mehrwöchigen Schulstreik internationale Aufmerksamkeit erlangte. Drei Wochen lang bestreikte sie von Mitte August 2018 an ihre Schule, inzwischen demonstriert die 16-Jährige immer freitags.

Nach eigenen Angaben will sie ihren Protest so lange fortsetzen, bis Schweden seine Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaschutzabkommen erfüllt. In Deutschland gehen seit Dezember 2018 in vielen Städten Tausende Schüler und Studenten auf die Straße, um gegen die Klimapolitik der Bundesregierung zu protestieren. Sie fordern von der deutschen Regierung mehr Klimaschutz und einen raschen Kohleausstieg "und zwar nicht erst in zehn Jahren", wie sie auf ihrer Webseite schreiben.

Laut eigenen Angaben hat die Bewegung allein in Deutschland mehr als 155 Ortsgruppen. Sie sei weder an eine Partei noch an eine Organisation gebunden, betonen die Organisatoren. Die Bewegung "Fridays for Future" ist weltweit aktiv. Proteste fanden bislang laut internationaler Webseite unter anderen in den USA, in Schweden, Australien, Indien, Chile, England, Italien, Niederlande, Belgien, Kanada, in der Schweiz, in Österreich, Irland und Schottland statt.

Quelle: epd

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