Situation ist "entwürdigend und demütigend"

17.10.2020 | 17:58 Uhr
Weltweit wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, auch in Deutschland. Armutsforscher Butterwegge erklärt, warum - und fordert eine Stärkung des Sozialstaates.
Eine traurige Wahrheit: Weltweit sind Menschen von Armut betroffen. Auch im Jemen verschärft sich die Hungersnot.Quelle: dpa
ZDFheute: Die Armut auf der Welt hat viele Gesichter. Der Kampf gegen Armut ist eine Aufgabe der Internationalen Gemeinschaft. Wie kommt sie damit voran?
Christoph Butterwegge: Die Internationale Gemeinschaft wird ihrer Verantwortung bisher nicht gerecht - Armut, Hunger und soziale Ungleichheit haben während der Corona-Pandemie sogar zugenommen. Wer Armut wirkungsvoll bekämpfen will, muss den Reichtum antasten.
Wer hingegen ignoriert, dass die reichsten Menschen der Welt teils auf Kosten der Armen noch reicher geworden sind, bekämpft Armut nicht ernsthaft.

Christoph Butterwegge ...

... erforscht seit Jahrzehnten wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland. Bis 2016 lehrte der Politikwissenschaftler als Professor an der Universität Köln. Das Problem wachsender Ungleichheit bezeichnet Butterwegge als „das Kardinalproblem unserer Gesellschaft, wenn nicht der gesamten Menschheit“. Der 69-Jährige ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen zum Thema „Armut und soziale Ungleichheit“. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Ungleichheit in der Klassengesellschaft".
Armutsforscher Christoph Butterwegge. ArchivbildQuelle: Karlheinz Schindler/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild
ZDFheute: Was schlagen Sie vor?
Butterwegge: Nötig wäre eine Umverteilung des Reichtums von oben nach unten - und nicht, wie es bislang eher geschieht, von unten nach oben. Dafür mangelt es aber an politischem Willen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Reiche und Hyperreiche ihre materiellen Interessen durchsetzen.
ZDFheute: Auch in Deutschland leiden Millionen Menschen unter Armut. Wie sehen Sie deren Interessen gewahrt?
Butterwegge: Seit geraumer Zeit vertieft sich die Kluft zwischen Arm und Reich. Armut wird häufig verharmlost, indem man etwa die Armut in Köln mit der in Kalkutta vergleicht und sagt, dass die Armen bei uns eine Art "Armut de luxe" erlebten. "Echte Armut" gebe es nur in der Dritten oder Vierten Welt, heißt es dann.
ZDFheute: Was entgegnen Sie?
Butterwegge: Da es schon vor der Covid-19-Pandemie nicht weniger als 678.000 Wohnungslose und 41.000 Obdachlose in der Bundesrepublik gab, existiert auch bei uns absolute, extreme Armut. Nach den Kriterien der Europäischen Union sind heute 13,4 Millionen Menschen in Deutschland arm oder armutsgefährdet - ein Rekordwert. Sie haben weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung - das sind für einen Alleinstehenden 1.074 Euro monatlich.
Diese relative Armut ist ebenfalls entwürdigend und demütigend. Wenn ein Jugendlicher im tiefsten Winter mit Sommerkleidung und Sandalen auf dem Schulhof steht und von seinen Klassenkameraden ausgelacht wird, leidet er darunter vermutlich sogar mehr als unter der Kälte.
Kinderarmut liegt seit Jahren in Deutschland auf konstant hohem Niveau. Mindestens jedes fünfte Kind wächst arm auf. Dabei fließen viele Milliarden in die Unterstützung von Familien.
ZDFheute: Vor vielen Lebensmittel-Tafeln gibt es lange Warteschlangen. Etwa 1,65 Millionen Menschen beziehen dort Lebensmittel. Tendenz: steigend. Worin liegen die Gründe für die wachsende Nachfrage?
Butterwegge: Das ist erstens die Folge einer Regierungspolitik, die für eine Deregulierung des Arbeitsmarktes und einen breiten Niedriglohnsektor gesorgt hat, der inzwischen fast ein Viertel aller Beschäftigten umfasst.
Zum anderen ist der Sozialstaat ein Stück weit demontiert worden. Ich denke da an die Riester-Reform, die Teilprivatisierung der Altersvorsorge und die Senkung des Rentenniveaus. Altersarmut hat in der Folge zugenommen und Menschen im Rentenalter bilden mittlerweile die größte "Kundengruppe" der Tafeln.
Immer mehr Menschen in Deutschland droht Armut im Alter. Durch die Corona-Pandemie könnte sich dieses Problem noch verschärfen.
ZDFheute: Sie sehen die wachsende Bedeutung der Tafeln kritisch, warnen sogar vor einem "Almosen- und Suppenküchenstaat".
Butterwegge: Einerseits ist es verdienstvoll, was die ehrenamtlichen Tafel-Helfer leisten. Andererseits dürfen die Lebensmittel-Tafeln höchstens eine Ergänzung, aber keinen Ersatz des Sozialstaates bilden.
Es ist ein politisches Armutszeugnis, dass karitative Einrichtungen jene Aufgaben übernehmen müssen, die das Grundgesetz dem Sozialstaat zuweist: Armut und soziale Ungleichheit zu bekämpfen.
Die Tafeln in Deutschland müssen wegen der Corona-Krise immer mehr Menschen versorgen. Auch bei der Tafel in Potsdam ist der Andrang groß.
ZDFheute: Wie könnte man den Sozialstaat stärken?
Butterwegge: Er muss zu einer solidarischen Bürgerversicherung mit einer sozialen Grundsicherung ausgebaut werden, die den Namen im Unterschied zu Hartz IV wirklich verdient. Außerdem brauchen wir ein Steuersystem, das Hochvermögenden mehr finanzielle Verantwortung für das Gemeinwesen zumutet.
Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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