: Sind wir auf bundesweiten Blackout vorbereitet?

von Jörg Göbel und Felix Klauser
24.11.2020 | 12:00 Uhr
Was passiert, wenn der Strom stundenlang ausfällt? Deutschland ist auf so ein Szenario kaum vorbereitet. Ein Bericht zeigt: Ein landesweiter Blackout hätte verheerende Folgen.
Deutschland unzureichend vorbereitet
2005 ereignete sich im Münsterland der größte Stromausfall der Nachkriegsgeschichte. Heute, 15 Jahre später, ist Deutschland kaum besser für solch einen Notfall vorbereitet.

Münsterland im Ausnahmezustand

250.000 Menschen mehrere Tage ohne Strom - vereiste und umgeknickte Stromleitungen in Folge eines Schneesturms hatten den größten Strom-Blackout der Bundesrepublik Deutschland verursacht. Im Mittelpunkt der dramatischen Ereignisse im Münsterland: die Kleinstadt Ochtrup. Auf der nahe liegenden A31 staut sich der Verkehr, weil eisbehangene Stromleitungen bedrohlich durchhingen.
Alfred Kemper war damals freiwilliger Feuerwehrmann. Er kann sich 15 Jahre später immer noch an die Tage des Stromausfalls erinnern: "Als Feuerwehrmann ist man Katastrophenfälle gewohnt. Aber als Mensch hat mich das sehr beunruhigt"
Es war nicht abzuschätzen, wie wir diese Situation unter Kontrolle bekommen würden.
Alfred Kemper, Feuerwehrmann
Reihenweise vereiste Stromleitungen im Münsterland 2005Quelle: dpa/picture-alliance

Unser Alltag ist bei Stromausfällen anfällig

Notstromaggregate aus dem gesamten Bundesgebiet, der Einsatz von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bundeswehr und die gegenseitige Hilfe vom Nachbarn haben am Ende dazu beigetragen, dass der Blackout im Münsterland ohne Verletzte oder sogar Tote ausgegangen ist. Er hat aber auch aufgezeigt, wie anfällig das gewohnte Leben ohne Strom ist.
"Viele Landwirte haben sich gemeldet, weil sie Generatoren brauchten, um in irgendeiner Form ihre Melkmaschinen zu betreiben. Leute, die pflegebedürftige Personen zu Hause oder die ein Sauerstoff-Inhalationsgerät zu Hause hatten, die kamen ohne Strom auch in Not", erinnert sich Kemper.

Bericht: Deutschland flächendeckendem Ausfall nicht gewachsen

Josef Wichmann war damals Pfarrer in Ochtrup. Er hat die Tage ohne Strom miterlebt, die Ängste und Sorgen der Bürger mitbekommen. Seine Befürchtung noch heute: "Was alle festgestellt haben: Das ist ja regional gewesen."
Wenn aber so ein Stromausfall für längere Zeit in ganz Deutschland passiert, dann wird das sicherlich Ausmaße haben, die wir noch gar nicht abschätzen können.
Josef Wichmann
Die Ereignisse im Münsterland 2005 haben auch die Politik in Berlin beschäftigt. Sechs Jahre später hat das Büro für Technikfolgeabschätzung des Deutschen Bundestags eine Analyse vorgelegt. Der Bericht kommt zu einem ernüchternden Ergebnis:
Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern.
Bericht des Büros für Technikfolgeabschätzung
Hans-Josef Fall war damals Mitglied des Deutschen Bundestags für Bündnis 90/Die Grünen. Der Energieexperte war Hauptinitiator des Berichts: "Die Kernaussage war auch für mich überraschend: Wie scharf das Problem ist, wenn einige Tage lang flächendeckend der Strom ausfällt. Dann haben wir schlimmste Katastrophen-Ergebnisse, weil immens viele Strukturen einfach nicht mehr funktionieren."

Katastrophenschutz ist politisch unattraktiv

Für Fell ist bis heute "relativ wenig" passiert, um für solch einen großen Strom-Blackout besser vorbereitet zu sein. Ein Problem dabei sind die unterschiedlichen Zuständigkeiten. Der Katastrophenschutz ist eigentlich Ländersache. Doch Investitionen für die Vorsorge sind gleichzeitig auch Investitionen, die in anderen Bereichen nicht stattfinden.

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Quelle: ZDF
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Auf dieses Problem weist Hardy Häusler hin, Katastrophenschutzbeauftragter des Deutschen Roten Kreuz Berlin: "Gebe ich Geld aus für den Neubau einer Kita? Oder investiere ich in etwas Abstraktes wie den Katastrophenschutz? Wo es, wenn man Glück hat, nur eine rein präventive Maßnahme ist."

Berlin erhöht Katastrophenschutz-Ausgaben nach Blackout

Das Land Berlin hat die Ausgaben für den Katastrophenschutz etwas erhöht. Ein Grund dafür war auch ein Blackout-Vorfall: In Berlin-Köpenick durchtrennte ein Bagger 2019 bei Erdarbeiten zwei Stromkabel. 80.000 Menschen waren etwa 31 Stunden ohne Strom. "Wir haben noch einmal Glück gehabt", sagt Häusler. Wäre ein anderer Stadtteil mit mehr Einwohnern betroffen gewesen, hätten die Auswirkungen viel gravierender sein können.

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