: Corona trifft arme Stadtteile härter

von Nils Metzger
28.04.2021 | 20:50 Uhr
Wo gibt es mehr Corona-Infektionen? Forscher haben Kölner Stadtteile nach Einkommen, Bildung und Ausländeranteil untersucht. Sie fordern zielgerichtete Maßnahmen für Gefährdete.
Die Faktoren Armut und Herkunft spielen in der Corona-Pandemie offenbar eine wichtige, bisher wenig beachtete Rolle. Sie können die Ansteckungsgefahr beeinflussen.
Wer ärmer ist, hat auch ein höheres Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Dass es so sein könnte, wurde schon häufig vermutet, harte Daten dazu sind in Deutschland aber noch selten.
Sozialwissenschaftler des Marktforschungsinstituts Infas 360 aus Bonn haben ZDFheute jetzt eine Datenauswertung zur Verfügung gestellt, wonach in Köln und anderen Städten ein deutlicher Zusammenhang zwischen Faktoren wie Einkommen, Bildungsgrad und Migrationshintergrund und Corona-Infektionszahlen besteht.
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Hochhäuser, Arbeitslosigkeit, mehr Corona-Fälle

Dafür haben die Forscher insgesamt 102 verschiedene Variablen vom Mietenspiegel bis zum Wahlverhalten für alle 86 Kölner Stadtteile untersucht.
Wir haben herausgefunden, dass sozial benachteiligte Stadtteile in der Tendenz höhere Infektionszahlen aufweisen als gut situierte Stadtteile.
Barbara Wawrzyniak, Leiterin Daten und Analysen, Infas 360
Wawrzyniak beschreibt: "Stadtteile, die eine sehr dichte Bebauung haben, wo es Hochhäuser gibt, wo die Arbeitslosenquoten höher sind und die Kaufkraft schwächer ist – dort sind die Infektionszahlen höher."
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Einfluss von Ausländeranteil oder AfD-Wahlergebnis

Immer wieder gab es in den vergangenen Monaten teils polemisch geführte Debatten darüber, ob wahlweise Religion, Migrationshintergrund oder AfD-Anhängerschaft zu hohen Corona-Zahlen führen könnten.
Oft basierten diese Debatten jedoch nur auf persönlichen Beobachtungen und anekdotischem Wissen. Die Bonner Forscher haben solche Zusammenhänge gefunden, raten bei der Deutung aber zur Vorsicht:
"In Stadtteilen, wo der Anteil der AfD-Wähler höher war, waren auch die Infektionszahlen höher", sagt Wawrzyniak ZDFheute.
Es hat sich gezeigt, dass es Zusammenhänge gibt zwischen Infektionszahlen und einzelnen Herkünften. Inwiefern die aber zusammenhängen, können wir nicht sagen. Wir sprechen von Korrelationen, nicht von Kausalität.
Barbara Wawrzyniak, Leiterin Daten und Analysen, Infas 360
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Deutung dieser Zahlen ist schwierig

Keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, ist bei diesem Thema wichtig. "Wir können sagen, dass zwei Phänomene gleichzeitig im gleichen Raum auftreten (…), aber wir können nicht sagen, dass die Arbeitslosenzahl verantwortlich ist für die Infektionsfälle", betont Wawrzyniak.
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Diese Vorsicht zeigt auch, wie sehr die Forschung auch mehr als ein Jahr nach Pandemiebeginn noch am Anfang steht. Oft liegen kleinteilige Daten über das Infektionsgeschehen in einzelnen Vierteln und Stadtteilen nur lückenhaft oder gar nicht vor.

Köln reagiert auf Unterschiede bei Pandemielage

Infas 360 hat Hinweise gefunden, dass auch in anderen Städten ähnliche Muster zu beobachten sind: "Die Infektionsmuster verteilen sich nicht gleich in den Großstädten. Auch bei einer Studie in Duisburg haben wir ähnliche Erkenntnisse gewonnen."
Wawrzyniak hofft, dass Verwaltungen ihre Maßnahmen künftig zielgerichteter auf das Infektionsgeschehen in einzelnen Stadtteilen ausrichten.
[Es ist] sinnvoll und vermutlich auch effizient, Maßnahmen zielgerichteter auch regional auszusteuern, anstatt pauschal über alle Regionen hinweg.
Barbara Wawrzyniak, Leiterin Daten und Analysen, Infas 360
Einen solchen Schritt kündigte die Stadt Köln am Mittwoch bereits an: Dort soll in Stadtteilen mit erhöhter Inzidenz bevorzugt geimpft werden. Dafür sei jetzt eine besondere Genehmigung der Landesregierung nötig, so eine Sprecherin der Stadt. Bislang sieht die staatliche Impfreihenfolge eine solche erhöhte Priorisierung nicht vor.
Quelle: Mit Material von dpa

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