Interview

: Goodhart: "Da ist etwas aus dem Lot geraten"

08.03.2021 | 19:40 Uhr
Mächtige Akademiker, geringgeschätzte Handwerks- und Sozialberufe: Der britische Autor David Goodhart über gesellschaftlichen Sprengstoff und die Notwendigkeit eines Ausgleichs.
Akademiker erhalten viel mehr Status und Einkommen als Menschen im Handwerk und sozialen Berufen.Quelle: dpa
ZDFheute: Sie sagen, "Kopf-Kompetenzen" würden in unserer Gesellschaft zu stark honoriert, finanziell wie gesellschaftlich. Was meinen Sie damit?
David Goodhart: Wir brauchen heute Hochintelligenz - sie ist wichtiger als je zuvor. Das sehen wir zum Beispiel bei der Entwicklung der Impfstoffe gegen das Coronavirus. Aber als gesunde Gesellschaft brauchen wir nicht nur akademisch Ausgebildete, die an den Schaltstellen der Macht den Kurs bestimmen.
ZDFheute: In Ihrer aktuellen Analyse unter dem Titel "Kopf, Hand, Herz" konstatieren Sie eine gesellschaftsgefährdende Kluft zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern…
Goodhart: … In den vergangenen vier Jahrzehnten haben Akademiker mit ihren Kopf-Kompetenzen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen viel mehr Status und Einkommen erzielen können als Menschen im Handwerk und in sozialen Berufen. Das ist unfair, da ist etwas aus dem Lot geraten und das hat gravierende ökonomische, kulturelle und soziale Folgen.

David Goodhart ...

Quelle: Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
… ist ein international bekannter britischer Autor von Sachbüchern, in denen er die Herzkammern unserer Gesellschaften durchleuchtet.

In seinem aktuellen Werk "Kopf, Hand, Herz – Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen" geht der ehemalige Deutschland-Korrespondent der "Financial Times" unter anderem der Frage nach, weshalb Ansehen und Entlohnung von Akademikern so viel höher sind als für jene Menschen, "die nicht nur in der Corona-Krise dafür sorgten, dass Supermarktregale gefüllt und Schwerkranke ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit gepflegt wurden".

Insgesamt fühlen sich zu viele Menschen von unserer kognitiven Leistungsgesellschaft ausgeschlossen. Ich denke deshalb, Berufe der Hand und des Herzens brauchen eine deutliche Aufwertung und mehr gesellschaftliches Gewicht.
ZDFheute: In der Pandemie haben Beschäftigte in den Kliniken und im Einzelhandel, im Handwerk oder in der Logistik als "neue Heldinnen und Helden des Alltags" viel Zuspruch erfahren. Wie stehen die Chancen, dass soziale und handwerkliche, nicht-akademische Berufe durch die Krise nachhaltig gestärkt werden?
Goodhart: Ich bin optimistisch und sage, die Chancen stehen gut! Wir haben doch gesehen, was die Gesellschaft zusammenhält, wie wichtig neben analytischen Denkern, Forschern und Ärzten auch Pflegerinnen und Pfleger sind, Handwerker, Busfahrer, Postbotinnen und viele mehr.
Die Corona-Krise hat die Frage nach der Wertschätzung von Pflegerinnen und Pflegern wieder aufgeworfen. Was hat sich seither getan?
Lange herrschte das Denken vor: Du musst studiert haben, um zu den Besten zu gehören, um ganz oben dabei zu sein. In der Krise sehen wir: Die meisten systemrelevant arbeitenden Menschen haben kein Studium. Es zeigt sich, dass wir breitgefächert mehr Eliten brauchen, die sich mutig und integer für die Gesellschaft einsetzen.
ZDFheute: Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass erst eine Pandemie ausbrechen muss, um der Gesellschaft das klarzumachen?
Goodhart: Das kann man so sehen. Das Geringschätzen und schlechte Bezahlen vieler Nicht-Akademiker führt zu tief greifenden Problemen.
Das bietet auch einen Nährboden für Populisten, die sich die Frustration über eine ungerechte Verteilung von Status und Anerkennung zunutze machen. Ich bin aber absolut sicher, dass zum Beispiel soziale Berufe in den nächsten fünf bis zehn Jahren deutlich aufgewertet werden.
ZDFheute: Was macht Sie da so sicher?
Goodhart: Das hat mehrere Gründe: Einerseits müssen wir unsere älteren Menschen anständig versorgen; in unseren westlichen Wohlstandsgesellschaften wird diese Gruppe immer größer. Das heißt: Es braucht Menschen, die soziale Berufe ergreifen und weil die Nachfrage nach Fachkräften so groß ist, werden sich auch deren Arbeitsbedingungen, Einkommen und gesellschaftlicher Status verbessern.
Andererseits werden wir eine Art Revolution durch Künstliche Intelligenz erleben, die vielen Akademikern ihre Arbeitsplätze kosten wird. Für diese Menschen braucht es Umschulungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten – etwa im Handwerk oder in sozialen Berufen, denn auch dort braucht es neben Hand und Herz viel Hirn.
ZDFheute: Was folgt daraus für die Politik?
Goodhart: Die Politik muss die Rahmenbedingungen für Berufe stärken, die systemrelevant sind. Es braucht aus meiner Sicht höhere Mindestlöhne und mehr Anreize, die lebenslanges Lernen belohnen. Viele Menschen, die vielleicht in der Schule nicht das Maximum aus sich herausgeholt haben, bezahlen dafür ein Leben lang, weil sie beruflich an eine Decke stoßen.
Für leistungs- und aufstiegswillige Nichtakademiker muss es mehr Möglichkeiten für einen beruflichen Aufstieg geben. Berufe in Führungspositionen dürfen nicht zu einem Großteil für Akademiker reserviert bleiben.
Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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