: Herzinfarkt-Therapie rettet Covid-Patienten

von J. Schneider, M. Strompen, E. Klotsikas
18.05.2021 | 14:49 Uhr
Die Überlebenschancen von Covid-Patienten auf Intensivstationen sind schlecht. Eine Blutwäsche-Therapie könnte das ändern. Es fehlen jedoch Studien, damit Kliniken sie anwenden.
Während die Bundesregierung deutsche Corona-Impfstoffentwickler schnell und unbürokratisch mit Millionenbeträgen unterstützte, flossen in die Forschung für Medikamente gegen COVID-19 kaum Fördergelder.
Auch wenn die Infektions- und Todesfallzahlen aktuell beständig sinken, Covid-19 ist immer noch ein tödliche Krankheit. Ein Patient, der einen schweren Verlauf der Krankheit durchlebt und künstlich beatmet werden muss, hat - auch nach Monaten des Erfahrungsammelns und Forschung an Therapiemöglichkeiten - nur eine Überlebenschance von 50 Prozent. Jeder zweite Patient stirbt also.
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Unter diesen Vorzeichen kam auch Elke Büsgen in die Klinik Havelhöhe in Berlin. Sie war schwer an Covid-19 erkrankt. Mehrere Wochen wurde sie auf der Intensivstation künstlich beatmet. Doch sie hat überlebt. Ihr Leben konnte gerettet werden dank einer Therapie, die zu der es aktuell noch keine klinischen Studien gibt:
Mir ging es aber so schlecht in dieser Nacht, dass ich auch gar nicht groß nachfragen konnte. Und ich hatte großes Vertrauen zu meinen behandelnden Ärzten und habe dann zugestimmt und dann ging das los.
Elke Büsgen, Covid-19-Patientin

Blutwäsche-Behandlung für Herzinfarkt-Patienten entwickelt

In der Klinik Havelhöhe gehen die Mediziner einen unkonventionellen Weg. Auch weil sie es nicht mehr akzeptieren wollten, dass so viele Patienten während der Behandlung verstarben.
Patienten mit sehr schweren Krankheitsverläufen werden hier mit einem speziellen Blutwäsche-Verfahren therapiert, das eigentlich für Herzinfarkt-Patienten entwickelt wurde. Das Verfahren gilt als Medizinprodukt und hat deswegen eine breite Zulassung, die auch COVID abdeckt. Es könnte also in vielen Kliniken eingesetzt werden. Im Rahmen der evidenzbasierten Medizin werden für derartige Therapien jedoch klinische Studie gefordert, damit das Verfahren allgemein akzeptiert wird.
In Havelhöhe wendet man es aber bereits an. Und das mit Erfolg:  
14 Patienten haben wir bisher behandelt, alle von der Intensivstation, also sehr kranke Patienten. Einige haben sich sehr schnell erholt, sehr schwere Verläufe gut geschafft.
Fabrizio Esposito, leitender Arzt der Intensivmedizin am Klinikum Havelhöhe
Was hier im kleinen Rahmen passiert, könnte - wenn man es in weiteren Kliniken anwendet - viele Menschenleben retten.
Die Therapie ist ein Tool, das wirklich helfen könnte. Wir brauchen aber mehr Erfahrung. Eine große Studie ist dringend nötig.
Fabrizio Esposito, leitender Arzt der Intensivmedizin am Klinikum Havelhöhe

Wie funktioniert das Verfahren?

Entwickelt wurde die Therapie vom Unternehmen Pentracor in Brandenburg: Die Blutwäsche-Therapie basiert auf der Annahme, dass Covid-19-Erkrankte nicht zwingend durch das Virus versterben, sondern vielmehr durch eine Überreaktion des Immunsystems:
Nicht das Virus bringt die Lungenzellen um, sondern das Immunsystem.
Ahmed Sheriff, Geschäftsführer von Pentracor
Bei der Infektion mit dem Coronavirus passiert Folgendes: Das Sars-CoV-2-Virus führt dazu, dass die schützende Schleimschicht der Lunge dramatisch vervielfacht wird und dadurch die zum Atmen notwendigen Lungenbläschen voller Flüssigkeit laufen. Diese sind dadurch aber nicht unbedingt beschädigt, sondern stellen ihren Stoffwechsel um auf eine Art Notmodus, um weniger Energie zu verbrauchen.
Das Immunsystem des Körpers denkt aber, die Zellen würden absterben und entsorgt sie über sogenannte Fresszellen. Das führt letztendlich zur Zerstörung der Lunge und in der Folge zum Tod des Patienten. Ganz entscheidend beeinflußt der CRP-Wert im Körper dieses fatale Geschehen.

Was ist CRP?

CRP steht für C-reaktives Protein. Dabei handelt es sich um ein Eiweißstoff, dessen Menge im Blut bei Infektionen und Entzündungen steigt. Als normal gilt ein CRP-Wert zwischen eins und fünf Milligramm pro Liter Blut, ab 100 mg spricht man von einer schweren Covid-Erkrankung.

Bei Corona-Patienten können CRP-Werte bis zu 500 mg pro Liter gemessen werden. CRP lagert sich auch an anderen körperfremden Strukturen wie Bakterien, Pilzen oder Parasiten an. Auf diese Weise kann das Immunsystem des Körpers diese Krankheitserreger besser erkennen und eliminieren.

Pentracor hat ein Verfahren entwickelt, um diesen CRP-Wert im Blut zu senken. Das Blut der Patienten wird dabei gefiltert. Die Lungenzellen werden folglich nicht vom Immunsystem abtransportiert und können sich erholen. Die Patienten haben eine größere Chance zu überleben.
Ende Januar jährt sich der erste Corona-Fall in Deutschland. Auch wenn die Wissenschaft viel über das Virus gelernt hat: Details zu Verhalten und Bausteinen sind noch unbekannt.

Warum ist das Verfahren noch nicht flächendeckend angewendet wird?

All diese Annahmen über den Verlauf der Covid-Erkrankung und die Möglichkeit der Behandlung durch die CRP-Blutwäsche hat Pentracor bereits im Frühjahr 2020 gemacht, nachdem ein Mitarbeiter der Firma sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. Auch er konnte mit der Therapie gerettet werden.
Für eine klinische Studie des Verfahrens, fehlte dem Unternehmen jedoch das Geld. Bemühungen um Fördermittel vom Bund oder dem Freistaat Bayern wurden abgelehnt. Auch Anfragen bei verschiedenen Ministerien oder dem Robert-Koch-Institut blieben ohne Erfolg.
Das Problem der Berliner Forscher ist kein Einzellfall, wie eine Recherche von Frontal21 zeigt: Viele Unternehmen und Forschungsprojekte zu Corona-Medikamenten und -Behandlungen scheitern am Geld:
Während die Bundesregierung deutsche Corona-Impfstoffentwickler schnell und unbürokratisch mit Millionenbeträgen unterstützte, flossen in die Forschung für Medikamente gegen COVID-19 kaum Fördergelder.

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