: Tagebuch: So läuft die Quarantäne in China
Tag 1: Ankunft in China
Chinesischer Flughafen, Kabine 12. Während ich die Plastik-Klinke in der blauen Wand nach unten drücke, blitzt der Gedanke an ein Dixi-Klo durch meinen Kopf. Drinnen tropft Desinfektionsmittel von der Decke, eine Plastikscheibe mit zwei Löchern für die Arme.
Die gehören zu einem Menschen: weißer Ganzkörper-Gefahrgut-Anzug, Maske, Schutzbrille, face shield. So sehen alle Chinesinnen und Chinesen aus, die ich gesehen habe, seit ich aus dem Flugzeug ausgestiegen bin. Ich taufe sie "Marsmenschen".

"Eine Menge Papierkram und wirklich für alles eine Regel." ZDF-Korrespondentin Miriam Steimer berichtet über den Alltag im Quarantäne-Hotel.
12.06.2022 | 01:27 minDieser macht einen Nasen-Rachen-Abstrich - von der Nase bis in den Rachen. Als ich aus der Kabine stolpere, ist der Stapel mit den Einreise-Fragebögen in meiner Hand (Impf-Nachweis, Testergebnisse, Visum, Kontaktperson in China, Abfrage Corona-Symptome) vor Feuchtigkeit ganz wellig.
Nächstes Plexiglas, nächster "Marsmensch". Mein Reisepass in seiner Hand tropft an einer Ecke: zu viel Desinfektionsmittel. Als ich das Geräusch höre, wie der Einreise-Stempel meinen Pass trifft, bin ich vor allem eines: erleichtert. Die Unsicherheit der vergangenen Tage fällt von mir ab: Habe ich alle Tests gemacht (in den 72 Stunden vor Abflug: drei PCR, ein Antigen)? Jedes Formular ausgefüllt, jede App heruntergeladen, jeden Code beantragt? Zum 37. Mal angegeben, an welchem Datum (zu welcher Uhrzeit und von wem!) ich mit welchem Impfstoff geimpft wurde?
Welche dieser Maßnahmen ist notwendig, welche weniger sinnvoll: diskussionswürdig. Klar ist: Das sind gerade die Einreise-Bedingungen. Und ganz klar ist: Sie wirken - zumindest in meinem Kopf. Auf die Unsicherheit folgt fast sowas wie Dankbarkeit.
Als wir vor unserem Hotel aussteigen, steigt ein "Marsmensch" mit einer Desinfektionsmittel-Pumpe ein und beseitigt unsere "Spuren". Begleitung bis zur Zimmertür, die fällt hinter mir laut ins Schloss.
Tag 3: Das "neue Normal" in der Quarantäne
Es ist seltsam, wie schnell ich mich an das "neue Normal" gewöhne. Die "Marsmenschen", die Wagen mit Essen über den Flur schieben - und nie etwas sagen. Jeden Gegenstand, der mein Zimmer verlässt, sprühen sie mit Desinfektionsmittel ein.
Tag 5: "Hotel-Quarantäne" trifft auf chinesische Realität
"Oh wie cool, am Strand. Warst Du schon im Wasser?", "Gibt es eine Sauna im Hotel?" In den Nachrichten auf meinem Handy trifft die Vorstellung von "Hotel-Quarantäne" in europäischen Köpfen auf chinesische Realität. Ich wusste ja, was mich erwartet. Und habe noch Glück: Das Hotelzimmer ist geräumig, es gibt sogar einen Balkon, um die Ecke kann ich das Meer sehen, das Essen ist in Ordnung.
Von Kolleginnen und Kollegen habe ich Geschichten gehört von 10-Quadratmeter-Zimmern inkl. Dusche und Toilette oder dreckigen und fensterlosen Unterkünften. Dagegen ist das hier Luxus-Quarantäne.
Tag 7: Kommunikation über das chinesische "WhatsApp"
Alle Kommunikation im Hotel läuft über eine "WeChat"-Gruppe (das chinesische "WhatsApp"). Von "Ich brauche bitte ein neues Handtuch." und "Für mich bitte ab sofort vegetarisches Essen." bis zu "Bitte setzen Sie sich mit dem Nachbarschafts-Komitee Ihrer Ziel-Stadt in Verbindung und teilen Sie uns mit, wie viele Wochen Sie bei uns in Quarantäne bleiben".
China ist fest im Griff der Omikron-Welle und die Null-Covid-Strategie des Landes hat harte Folgen für die Chinesinnen und Chinesen. Hamsterkäufe haben die Regale geleert. Ganze Wohnsiedlungen sind komplett abgeriegelt
14.04.2022 | 16:21 minAls darauf jemand mit "vier Wochen" antwortet, wird mir plötzlich heiß. Ich spreche mit der Kollegin in Peking und bin beruhigt: Für mich sind es weiterhin nur zwei.
Tag 10: Der Chat meldet einen positiven PCR-Test
Mein Handy blinkt wild: Im Sekundentakt gibt es neue Nachrichten in der "WeChat"-Gruppe. Beim PCR-Test gestern gab es einen positiven Befund, es geht dem Menschen gut, aber er musste trotzdem ins Krankenhaus, Vorschrift der Behörden.
Alle, die im Flugzeug oder im Bus in der Nähe saßen, werden kontaktiert und zusätzlich getestet. Immerhin Krankenhaus und nicht Quarantäne-Massenunterkunft, denke ich. Und hoffe insgeheim auch, dass es nicht mein Sitznachbar war.
Tag 14: Doppelte Menge PCR-Tests
Mal wieder Testtag. Allerdings: doppelte Menge. Zwei PCR-Tests, die in unterschiedlichen Laboren ausgewertet werden, plus zwei Spucktests. Während ich an der Zimmertür stehe und Speichel im Mund sammele, geht ein "Marsmensch" mit sehr langen Wattestäbchen durch mein Zimmer, streicht über den Lichtschalter, über das Waschbecken, das Bett: indoor environmental test.
Tag 15: Raus aus der Quarantäne
Der Code meiner Gesundheits-App ist grün, alle Tests negativ: Ich darf raus. Als ich durch die Zimmertür trete und schließlich sogar aus der Hotellobby ins Freie, erinnere ich mich an das Gefühl, als beim Marathon-Lauf die Ziellinie in mein Blickfeld kam. Hallo Welt, hallo China, hallo Null-Covid-Strategie. Die ist hier ebenso Gewissheit, wie: Die Gefahr kommt von außen.
Deshalb wird die Gruppe aus meinem Hotel in einem Extra-Bereich des Flughafens abgefertigt. Bis wir an unserem Gate sind, steht "last call" auf der Anzeigetafel. Alle anderen Fluggäste sind schon im Flieger. Uns "Ausländern" gehören die letzten fünf Reihen, die Mittelplätze müssen frei bleiben.
Die Ankunft in Peking ist fast enttäuschend: Ein Gang durch eine automatische Temperatur-Messanlage und das war‘s. Niemand will nochmal meinen Reisepass sehen oder zum vierten Mal meinen grünen Code in der Gesundheitsapp. Dafür brauche ich den ab sofort, um den Supermarkt zu betreten. Und in dem Viertel, in dem ich jetzt wohne, müssen ab morgen alle an drei aufeinanderfolgenden Tagen zum PCR-Test. Hallo, neuer Alltag.
Miriam Steimer ist Korrespondentin im ZDF-Studio Peking.