Bringen Corona-Impfstoffe Herdenimmunität?

von Oliver Klein
19.11.2020 | 16:57 Uhr
Impfstoffe schüren Hoffnung auf eine Herdenimmunität - dass große Teile der Bevölkerung immun gegen Covid sind, die Pandemie so eingedämmt wird. Experten halten das für überzogen.
Quelle: apKönnen Impfstoffe für eine Herdenimmunität sorgen? Es gibt viele Gründe, die dagegensprechen.
Dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zufolge genügt eine Immunisierung von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung, um die Verbreitung von Corona aufzuhalten. Impfungen sollen dabei helfen, diese Durchdringung zu erreichen. Doch das ist an hohe Erwartungen geknüpft, was Vakzine leisten können. Einige Experten halten solche Ansprüche für überzogen.
Inwieweit Corona-Impfstoffe dabei helfen können, eine Herdenimmunität zu schaffen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem diese Fragen sind entscheidend: Wie schnell können große Teile der Bevölkerung geimpft werden? Wie lange hält eine durch Impfstoffe ausgelöste Immunität an? Wie stark ist die Verbreitung des Virus? Können die Impfstoffe eine Übertragung des Erregers stoppen oder verhindern sie nur eine Erkrankung der Menschen?
Ist ein bestimmter Anteil der Bevölkerung immun, kann sich eine Krankheit nicht mehr ausbreiten. Wir erklären, warum Herdenimmunität keine Alternative zu Corona-Maßnahmen ist.

Wie schnell können Impfdosen verabreicht werden?

Unklar ist bisher, wie schnell eine ausreichende Zahl an Impfdosen hergestellt und verabreicht werden kann. Die Produktion von Impfstoffen und die Versorgung großer Teile der Bevölkerung ist eine Mammutaufgabe. Allein der Transport ist extrem aufwändig: Logistiker rechnen mit zehn Milliarden Dosen, die teils bei -70 Grad transportiert werden müssen.
Nach Einschätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wird es noch bis Ende 2022 dauern, bis regelmäßig und wirksam geimpft werden kann, so dass die Gesellschaft im Ganzen geschützt ist.
Die EU-Kommission will heute mit Biontech und Pfizer einen Vertrag über die Lieferung von 300 Millionen Impfdosen für die EU-Staaten abschließen.

Wie lange hält die Immunität?

Fraglich ist derweil auch, wie lange eine durch Impfung ausgelöste Immunität anhält. Neue Erkenntnisse von Forschern in Kalifornien weisen darauf hin, dass Menschen auch acht Monate nach einer Infektion noch immun gegen Covid-19 sind.
Doch noch gibt es keine Langzeitdaten zu den potenziellen Impfstoffen - manche Vakzine, wie zum Beispiel gegen Grippeviren, gewähren nur eine Immunität für eine Saison. Bei anderen Impfstoffen, wie zum Beispiel gegen Kinderlähmung, hält die Immunität jahrelang.

Wie ansteckend ist Corona?

Je ansteckender ein Virus ist, desto höher muss der immun gewordene Anteil der Bevölkerung sein, damit man von Herdenimmunität sprechen kann. Doch wie ansteckend genau das Coronavirus ist, wie hoch die sogenannte Reproduktionsrate, ist nicht genau bekannt. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Reproduktionsrate auf 3,3 bis 3,8 – so viele andere Menschen steckt ein Infizierter ohne Schutzmaßnahmen im Durchschnitt an.

Die Reproduktionszahl ...

...gibt an, wie viele Menschen eine mit einer bestimmten Krankheit infizierte Person unter normalen Umständen ansteckt. Das hoch infektiöse Masernvirus zum Beispiel hat einen geschätzten R-Wert von zwölf oder höher. Eine Herdenimmunität tritt deshalb erst ein, wenn mindestens 92 Prozent einer Gruppe immun sind.

Beim Coronavirus ist der genaue R-Wert gar nicht bekannt, sagt Winfried Pickl, Professor für Immunologie an der Medizinischen Universität Wien. Da viele Länder noch immer weit von normalen Verhältnissen entfernt seien, müsse man davon ausgehen, dass der R-Wert von Covid-19 "näher bei vier als bei zwei" liege, erklärte er. Denn trotz umfassender Schutzmaßnahmen habe der R-Wert etwa in Österreich oder Deutschland in der Nähe von 1,5 gelegen.

Wie viele Menschen müssen geimpft werden?

Darüber hinaus würde ein Impfstoff mit weniger als 100 Prozent Wirksamkeit eine entsprechend höhere Durchimpfung erfordern, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Der von der deutschen Biotechfirma BioNTech zusammen mit dem US-Pharmakonzern Pfizer entwickelte Impfstoff zeigt ersten Daten zufolge eine Wirksamkeit von 95 Prozent, der von Moderna von 94,5 Prozent.
Die Welt wartet auf einen Impfstoff gegen SARS-CoV 2. Entscheidende Schritte sind gemacht, doch viele Fragen sind noch offen: Wie lange wäre eine Impfung wirksam? Wie hilft man Menschen, die bereits erkrankt sind? Und wie könnte eine Therapie aussehen?
Um in den USA eine Herdenimmunität zu erreichen, hält es Amesh Adalja vom Johns Hopkins Center for Health Security für ein gutes Ziel, mehr als 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Ein höherer Wert könnte erforderlich sein, wenn ein Impfstoffe weniger wirksam wäre.

Kann ein Impfstoff die Übertragung an sich stoppen?

Einen weiteren wichtigen Faktor sehen Experten darin, ob ein Impfstoff die Übertragung des Virus stoppen kann. Bisherige Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die ersten Impfstoffe zumindest verhindern, dass Menschen an Covid-19 erkranken. Es könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Geimpften weiter mit dem Virus infizierten und es unbemerkt an andere weitergäben.
Professorin Riley von der Universität Edinburgh warnt daher, dass die Idee einer Herdenimmunität durch Covid-19-Impfungen wenig erfolgversprechend sein könnte. Ein besserer Ansatz sei, die ersten begrenzten Impfstoffvorräte zum Schutz der am stärksten Gefährdeten einzusetzen, ohne sich um die robusteren Mitglieder der "Herde" zu sorgen, die das Virus relativ problemlos wegsteckten. "Vergessen wir den Schutz der Massen, um die Verletzlichen zu schützen", fordert sie. "Lasst uns die Verwundbaren direkt schützen."
Quelle: mit Material von Reuters

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