FAQ

: Welche Impfstoffe die EMA in der Pipeline hat

von Doris Neu
11.01.2022 | 08:00 Uhr
Wegen Omikron macht die Regierung Tempo beim Impfen. Fünf Impfstoffe stehen derzeit zur Verfügung, die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) prüft vier weitere - ein Überblick.
Seit Ende Dezember 2020 gibt es in Deutschland Corona-Impfungen.Quelle: picture alliance / SvenSimon
Die Corona-Variante Omikron lässt auch in Deutschland die Infektionszahlen nach oben schnellen. Noch immer sind Millionen Menschen komplett ungeschützt, zugleich setzt die Bundesregierung auf das Boostern, solange kein auf Omikron angepasster Impfstoff vorhanden ist. Denn eine Auffrischimpfung gilt inzwischen als wichtig für einen wirksamen Schutz vor schweren Verläufen bei Omikron. Entsprechend massiv treibt die Bundesregierung die Impfkampagne voran.
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Aber wie sieht es mit den Impfstoffen aus - welche sind in der EU verfügbar und welche könnten bald auf den Markt kommen? Ein Überblick über die Impfstoff-Landschaft:

Welche Corona-Impfstoffe sind in Deutschland im Einsatz?

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat bisher fünf Impfstoffe gegen Corona zugelassen:
  • die mRNA-Vakzine von Biontech/Pfizer (Comirnaty) und von Moderna (Spikevax) sowie
  • die Vektorimpfstoffe von Johnson & Johnson (Janssen) und Astrazeneca (Vaxzevria).
  • Neu hinzu gekommen am 20. Dezember 2021: der Protein-Impfstoff Nuvaxovid des US-Herstellers Novavax.
Der in Deutschland unbeliebte Impfstoff von Astrazeneca wird inzwischen nicht mehr bestellt. Im letzten Quartal 2021 lieferte das Unternehmen noch 14 Millionen Dosen aus - diese wurden über die Covax-Initiative an Drittstaaten gespendet.
Mit Nuvaxovid steht in der EU erstmals ein Corona-Impfstoff zur Verfügung, der auf einer lange bekannten Methode beruht, die auch bei Vakzinen gegen Grippe oder Keuchhusten genutzt wird. Der Impfstoff enthält das Spike-Protein des Coronavirus, das im Labor gezüchtet wird und sich im Körper nicht vermehren kann, und zusätzlich eine Substanz, die die Immunantwort verbessert ("Wirkverstärker").
Mit dem Protein-Impfstoff ist die Hoffnung verbunden, dass Menschen erreicht werden können, die den neuartigen mRNA- oder Vektorimpfstoffen misstrauen.
Alle Hersteller prüfen derzeit, wie ihre Impfstoffe gegen die Omikron-Variante wirken, und arbeiten teils an Anpassungen. Biontech hat nach eigenen Angaben bereits mit der Produktion eines angepassten Vakzins begonnen, schon Ende Januar soll eine klinische Studie starten. Bis März könne der Markt damit beliefert werden, sagte Biontech-Chef Ugur Sahin an diesem Dienstag und schränkte zugleich ein: "Wenn die behördlichen Genehmigungen vorliegen." Denn bis alles geprüft ist, könnte weitere Zeit ins Land gehen.

[Lesen Sie hier mehr zu den Plänen der Impfstoff-Hersteller gegen Omikron und was der einstige Hoffnungsträger Curevac bei Omikron vorhat.]

Wie viel Impfstoff erwartet die Bundesregierung 2022?

Wie das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage mitteilte, erhält Deutschland in diesem Jahr voraussichtlich mehr als 300 Millionen Impfdosen - der Lieblingsstoff der Deutschen macht etwa die Hälfte davon aus:
  • Biontech - etwa 153 Millionen Dosen
  • Moderna - etwa 102 Millionen Dosen
  • Johnson & Johnson - etwa 18 Millionen Dosen
  • Novavax - bis zu 34 Millionen Dosen
Der Leiter des Corona-Krisenstabs der Bundesregierung, Carsten Breuer, rechnet mit ersten Novavax-Lieferungen bis Ende Januar.
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Weitere Impfstoffe könnten dieses Jahr auf den Markt kommen. Für zwei von ihnen hat sich die Bundesregierung im Falle einer Zulassung zusammen ca. 31 Millionen Dosen gesichert. Das soll das "Impfstoffportfolio weiter ergänzen und könnte positive Effekte auf die Impfbereitschaft haben", heißt es dazu vom Ministerium.

Welche weiteren Impfstoffe könnten bald kommen?

Die EMA prüft derzeit vier Impfstoffe in einem Rolling-Review-Verfahren, bei dem die Hersteller ihre Daten peu à peu vorlegen können, um den Zulassungsprozess zu beschleunigen. Bei den Kandidaten handelt es sich um einen Protein-Impfstoff, zwei klassische "Totimpfstoffe" (Vakzine mit abgetöteten Coronaviren) und einen Vektorimpfstoff.
1. "Vidprevtyn" von Sanofi Pasteur (Protein-Impfstoff)
Seit 20. Juli 2021 prüft die EMA den Impfstoff des französischen Herstellers Sanofi Pasteur, den er zusammen mit der britischen Firma GSK entwickelt. Wie das Novavax-Mittel ist Vidprevtyn ein Impfstoff auf Proteinbasis.
Protein-Impfstoffe haben den Vorteil, dass sie bei normaler Kühlschranktemperatur mehrere Monate haltbar sind. Das erleichtert die Logistik enorm und macht sie auch für ärmere Länder interessant. Außerdem wird nur von mäßigen Nebenwirkungen berichtet.
Wann das Prüfverfahren abgeschlossen werden kann, ist noch unklar. Die Bundesregierung hat sich für den Fall einer Zulassung 20 Millionen Dosen Vidprevtyn gesichert.
2. "VLA2001" von Valneva (abgetötete Viren)
Die EMA nimmt den Impfstoff VLA2001 des französisch-österreichischen Unternehmens Valneva seit dem 2. Dezember 2021 unter die Lupe. Valneva setzt bei dem Präparat ebenfalls auf eine Technologie, wie sie von einigen Grippeimpfstoffen bekannt ist. Im Oktober hatte das Unternehmen über "positive" erste Ergebnisse der klinischen Phase-3-Studie berichtet - der Impfstoff sei wirksamer als Astrazeneca und "gut verträglich". Er soll auch bei normaler Kühlschranktemperatur gelagert werden können.
Laut Paul-Ehrlich-Institut wäre VLA2001 der erste in der EU entwickelte "Ganzvirus-Impfstoff gegen Covid-19". Demnach wird das Coronavirus in sogenannten Vero-Zellen vermehrt, die sich von Nierenzellen der Afrikanischen Grünen Meerkatze ableiten. Nach Züchtung der Viren werden diese chemisch abgetötet und können sich im Körper eines Geimpften nicht vermehren. Zusätzlich enthält das Vakzin zwei Stoffe, die die Immunanwort verbessern sollen.
Wann eine Entscheidung zu Valneva fällt, ist offen. Auch hier hat die Bundesregierung vorsorglich bereits 11 Millionen Dosen geordert.
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3. "Coronavac" von Sinovac (abgetötete Viren)
Als erster chinesischer Hersteller kann sich Sinovac Hoffnung auf eine Zulassung in Europa machen. Die EMA hat am 4. Mai 2021 mit dem Rolling-Review-Verfahren für den Impfstoff  "COVID-19 Vaccine (Vero Cell) Inactivated" begonnen, das unter dem Namen Coronavac vermarktet wird. Wann der Prozess abgeschlossen ist, ist offen.
Bei Coronavac handelt es sich wie bei dem Valneva-Mittel um einen Ganzvirus-Impfstoff, bei dem das Coronavirus abgetötet wurde. In China ist er seit Februar 2021 auf dem Markt, mittlerweile wird das Mittel in vielen Ländern verimpft. In Studien zeigt Coronavac aber eine geringere Wirksamkeit als bei anderen in der EU eingesetzten Impfstoffen.
4. "Sputnik V" vom Gamaleja-Institut (Vektorimpfstoff)
Auch in der EMA-Prüfung - seit 4. März 2021: der russische Vektorimpfstoff Gam-COVID-Vac, besser bekannt als Sputnik V. Russland hatte sein Vakzin im August 2020 als weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen, noch vor Ende der letzten wichtigen Studienphase. Mittlerweile ist Sputnik V in vielen Staaten im Einsatz, auch in einigen europäischen Ländern wie Ungarn oder Serbien. Die renommierte Fachzeitschrift "The Lancet" hat Sputnik V für sicher und zu 90 Prozent wirksam erklärt.
Wegen fehlender Daten hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Impfstoff jedoch noch nicht anerkannt. Mitte Dezember räumte der Kreml erstmals ein, dass die erforderlichen Daten noch nicht geliefert worden seien. Wann die EMA zu einem Ergebnis kommt, ist offen.

mRNA-Impfstoffe

Unser Immunsystem kann das Coronavirus gut an den Spike-Proteinen an seiner Oberfläche angreifen. Forscher können den Bauplan dieser Eiweißmoleküle isolieren und künstlich kopieren - die sogenannte mRNA oder Boten-RNA. Die mRNA wird in eine feine Schutzhülle gepackt und gespritzt. Die Körperzellen nehmen die mRNA auf und bilden nun anhand der genetischen Information Spike-Proteine. Die geimpften Zellen präsentieren die Spike-Proteine an ihrer Oberfläche. Das Immunsystem wird aktiv und bildet passgenaue Antikörper. Nach diesem Prinzip funktionieren die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna.

Vektorimpfstoffe

Auch bei den Vektorimpfstoffen wie Astrazeneca, Johnson & Johnson und Sputnik V geht es darum, den Bauplan für die Spike-Proteine des Coronavirus in den menschlichen Körper zu schleusen. Dazu wird die DNA der Spike-Proteine genutzt und in die DNA eines Transport-Virus eingesetzt. Das Transport-Virus - Vektor genannt - ist ein für den Menschen harmloses Erkältungsvirus (Adenovirus).

Anders als mRNA, kann die DNA nicht direkt im Zellplasma ausgelesen und in Spike-Proteine umgewandelt werden. Die DNA muss zuerst den Umweg in den Zellkern nehmen, wo sie in mRNA übersetzt wird. Anschließend passiert das Gleiche wie schon beim mRNA-Impfstoff: Die Zellen präsentieren dem Immunsystem die Spike-Proteine und der Körper kann daraufhin eine Immunantwort bilden.

Der russische Impfstoff Sputnik V nutzt zwei Adenoviren (Ad26 und Ad5) als Vektoren. Sie werden getrennt verabreicht - Ad26 in der ersten Dosis und Ad5 in der zweiten. Dies soll die Wirkung des Impfstoffs verstärken.

Protein-Impfstoffe

Proteinbasierte Impfstoffe sind klassische Impfstoffe, wie sie seit langem bei Vakzinen etwa gegen Grippe oder Hepatitis angewendet werden. Novavax verwendet für seinen Impfstoff das Spike-Protein des Coronavirus und reproduziert es massenhaft in Insektenzellen. Anders als bei den mRNA- und Vektorimpfstoffen wird das Spike-Protein somit außerhalb des menschlichen Körpers gentechnisch hergestellt.

Mehrere Spike-Proteine werden mithilfe der Nanopartikel-Technologie zu einem virusähnlichen Partikel zusammengefasst. Dem Immunsystem wird so ein Coronavirus vorgegaukelt. Damit das gut funktioniert, wird dem Impfstoff ein Wirkverstärker (Adjuvant) zugemischt - das ist im Fall von Novavax ein Stoff aus dem Seifenrindenbaum.

Auch der Protein-Impfstoff Vidprevtyn von Sanofi Pasteur, den die EMA aktuell prüft, wird nach dieser Methode hergestellt.

Totimpfstoffe

Solche Corona-Impfstoffe enthalten ganze abgetötete (inaktivierte) Coronaviren oder Teile davon, die sich im Körper nicht vermehren können. Das Immunsystem eines Geimpften erkennt das inaktivierte Virus als fremd und bildet Antikörper dagegen. Auch bei Totimpfstoffen - die Methode wird schon seit langem bei einigen anderen Impfstoffen angewendet - werden Stoffe hinzugefügt, die eine Immunantwort verstärken sollen (Wirkverstärker, Adjuvant).

Die EU prüft derzeit zwei Vakzine, die auf diesem Verfahren beruhen: Coronavac des chinesischen Herstellers Sinuvac sowie das Mittel VLA2001 des französisch-österreichischen Unternehmens Valneva. Beides sind Ganzvirus-Impfstoffe, wobei Coronavac nur einen Wirkverstärker enthält und das Mittel von Valneva zwei.

Der Begriff Totimpfstoff wird von Experten nicht einheitlich verwendet. So fasst das Robert-Koch-Institut die Definition sehr breit und versteht darunter Impfstoffe, die keine vermehrungsfähigen Viren enthalten (also alle bisherigen Corona-Impfstoffe). Das Bundesforschungsministerium wiederum zählt nur solche Vakzine dazu, die abgetötete Viren, Bestandteile oder auch einzelne Moleküle des Erregers enthalten - das würde Protein-Impfstoffe wie Novavax einschließen. Nach der engeren Definition, dass Totimpfstoffe das Virus oder Teile davon (inaktiviert) enthalten, gehört Novavax nicht in diese Gruppe, denn seine Virus-Proteine sind gentechnisch hergestellt.

Quellen: AP, AFP, dpa, ZDF

Mit Material von AFP und dpa

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