: Telefon in Arztpraxen steht nicht mehr still

von Florence-Anne Kälble
06.04.2021 | 15:27 Uhr
Endlich - auch die Hausärzte dürfen jetzt das tun, worin sie seit Jahrzehnten Experten sind: Impfen. Zwei Hausärzte geben Einblicke in ihre Erfahrung mit der Corona-Schutzimpfung.
Obwohl ab heute auch in Hausarztpraxen gegen Corona geimpft wird, erwartet man erst gegen Ende des Monats eine Steigerung des Impftempos. Der Grund: Die geringen Mengen der Impfdosen.
Martin Mißler ist Facharzt für Innere Medizin. In der gemeinschaftlichen Hausarzt-Praxis in Saarwellingen impft er bereits seit Anfang März Patienten gegen das Coronavirus - und ist begeistert:
Wir gehören zu den sieben Modellpraxen im Saarland und es läuft wirklich gut.
Martin Mißler
Für das Modellprojekt standen insgesamt 500 Impfdosen zur Verfügung. "Man macht ein Modell, um zu lernen, und wir lernen", erklärt der Arzt.
Um die Impfkapazitäten auszubauen, sollen künftig auch Hausärzte impfen. Dafür startet in Brandenburg ein Modellprojekt. Rund 500 Praxen wollen bei dem Vorhaben der Landesregierung mitmachen.

Viel Kommunikation erforderlich: Das klappt nicht überall

Mißler und sein Kollege stehen in regelmäßigem Austausch mit der kassenärztlichen Vereinigung und dem Gesundheitsministerium.
Es ist viel Kommunikation, bis zu vier Telefon- oder Videokonferenzen pro Woche sind keine Seltenheit.
Martin Mißler

Martin Mißler...

... ist Hausarzt im saarländischen Saarwellingen.
Aber man sitze schon mit den richtigen Leuten am Tisch und könne entsprechend auch Entscheidungen treffen, denn "die Unterstützung ist da, jeder profitiert von jedem und lernt".
Burkhardt Weimer, Internist aus Darmstadt, hingegen empfindet die bisherige Informationspolitik als katastrophal:
Ich hatte täglich bis zu 40 Patientenanfragen und konnte keine verlässlichen Zusagen machen, da auch ich völlig in der Luft hing.
Burkhardt Weimer
Als Hausarzt sollte er nach Ostern mit dem Impfen starten. Vor den Feiertagen wusste er weder, ob seine Hausarzt-Praxis tatsächlich Impfdosen erhalten wird, noch wie viele.
Im Saarland befindet sich das bundesweit erste Impfzentrum der Bundeswehr. Das Besondere: die Soldaten impfen dort rund um die Uhr. Zur Premiere kam die Verteidigungsministerin.

Oft kurzfristige Entscheidungen bei Impfstoff-Verfügbarkeiten

Die saarländischen Hausarztpraxen sollen pro Woche und pro Arzt 20 Impfdosen erhalten. Wie viele die Gemeinschaftspraxis von Martin Mißler tatsächlich erhalten wird, weiß der Arzt erst, wenn sie geliefert werden. Aber das ist für ihn nichts Ungewöhnliches.
Bei der Impfstoff-Verfügbarkeit kann es zu kurzfristigen Entscheidungen kommen. "Wir haben heute rund 54 Impfdosen von Biontech erhalten", freut er sich. Auch Internist Weimer ist zumindest bezüglich der Lieferung erleichtert: "Wir haben heute 50 Impfdosen geliefert bekommen, wenigstens das hat funktioniert". Bereits seit 6:30 Uhr steht sein Telefon nicht mehr still - die Patienten fragen nach Impfterminen.

Burkhardt Weimer...

... ist Hausarzt in Darmstadt und betreibt dort eine Praxis.

Hoher organisatorischer Aufwand für Praxen

Der Organisationsaufwand ist hoch, gibt der Arzt aus Saarwellingen zu:
Wir sind recht engagiert und es funktioniert aber auch nur durch diesen großen zusätzlichen Einsatz unsererseits.
Martin Mißler
Im Modellprojekt müssen sein Kollege, die Mitarbeiter und er die Patienten abtelefonieren und für die Impftage einbestellen.
Spahn rechnet damit, dass bis Anfang Mai jeder Fünfte in Deutschland gegen Corona geimpft sein könnte. Im April erwartet er genauso viele Impfung wie bislang insgesamt.
Teilweise recht spontan. Mittwoch vor Ostern beispielsweise wurden ihm 24 Biontech-Impfungen zum Verimpfen für Ostersamstag zur Verfügung gestellt. "Ohne eine gewisse Flexibilität und Enthusiasmus geht da nichts", betont Mißler.
Und die Impfung nutzt nur, wenn sie im Oberarm eines Patienten landet, im Kühlschrank nützt sie nichts.
Martin Mißler
Die Impfung selbst richtet sich strikt nach der bisher gültigen Priorisierungsliste. "Es ist kein freies Impfen vorgesehen. Wir müssen im Vorfeld überlegen, ob der jeweilige Patient in die aktuell geltende Impfgruppe passt", betont Weimer. Er hofft auf eine Aufhebung der Priorisierung, da diese nur die Impf-Bewegung verzögere.

Impfpatienten und "normale" Patienten müssen räumlich getrennt sein

Eine weitere logistische Herausforderung ist die Separierung der Patienten. Die Impfung und auch die anschließende Beaufsichtigung bezüglich möglicher Nebenwirkungen muss getrennt von den normalen Patienten erfolgen.
"Wir haben den Luxus, dass wir eine neue Praxis gebaut haben und uns immer noch die alte zur Verfügung steht", sagt Mißler. Die alten Praxisräume werden nun für die Corona-Patienten genutzt.  
In Darmstadt gestaltet sich das schwieriger, da die Praxis für solch eine Separierung nicht ausgelegt ist:
Wir müssen versuchen, abseits des normalen Betriebs die Patienten für die Impfungen einzubestellen.
Burkhardt Weimer
20 Prozent bis Anfang Mai geimpft, ein Impfangebot für jeden Erwachsenen bis September – realistisch, wenn die Logistik nun rasch ausgebaut werde, so Immunologe Carsten Watzl.

Einbeziehung von Hausärzten richtig - und überfällig

Einig sind sich beide: Dass die Hausärzte endlich zum Mitimpfen ins Boot geholt wurden, war längst überfällig.
Hätte man von Anfang an das System mit Impfzentren und Hausärzten hochgefahren, hätten wir jetzt eine deutlich höhere Zahl an Geimpften.
Burkhardt Weimer
Zumal die Hausärzte ihre Patienten kennen: "Der Arzt-Patienten-Kontakt erfolgt unter Wissen der kompletten Krankheitshistorie, was in den Impfzentren unmöglich ist und damit ist die Aufklärung natürlich wesentlich einfacher", erklärt Weimer.
Der Internist aus Darmstadt sieht das späte Hinzuholen der Hausärzte als einen "hilflosen Versuch etwas zurückzuholen, was längst schon vorbei ist". Als Arzt ist Burkhard Weimer völlig desillusioniert:
Wir werden impfen, aber von Begeisterung ist bei solch einem Missmanagement absolut keine Rede.
Burkhardt Weimer

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