: Wie sinnvoll ist eine Impfpflicht?

von Carolin Wolf
24.07.2021 | 10:27 Uhr
Das Impftempo gegen Corona lässt nach. Wäre eine Impfpflicht sinnvoll? Warum Experten das kritisch sehen und welche Erfahrungen Impfungen gegen andere Krankheiten liefern.
Eine mögliche Corona-Impfpflicht wurde zuletzt debattiert.Quelle: dpa, Archiv
Während nach und nach EU-Staaten eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen ankündigen, sei eine solche Verpflichtung in Deutschland hingegen nicht geplant, bekräftigte zuletzt Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Dabei befürchten Expert*innen, dass immer noch zu wenige Menschen einen Impfschutz haben, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt, dass das Impftempo nachlässt.
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Generell lässt sich festhalten, dass ein Großteil der Bevölkerung Schutzimpfungen positiv gegenübersteht. So zeigt etwa eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2020, dass knapp 80 Prozent der Befragten Impfungen im Allgemeinen befürworten.
Das treffe insbesondere auf Impfungen gegen Tetanus und Kinderlähmung zu. Auch manche Impfungen im Kindesalter seien bereits weitestgehend etabliert, erklärt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt.

Debatte um Corona-Impfung "aufgebauscht"

Die Corona-Impfung wird hingegen zum Teil hitzig debattiert. Weigeldt hält das Thema für "aufgebauscht", auch wegen der hohen Aufmerksamkeit, die den Impfungen zuteil werde, und den vielen Diskussionen besonders bezüglich der Wirksamkeit und Nebenwirkungen der verschiedenen Impfstoffe.
Durch Impfungen konnten Krankheiten eingedämmt werden. Bei Corona gibt es dennoch viele Impfskeptiker. Kann eine Impfpflicht Abhilfe leisten?
Hier würden etwa Falschinformationen dazu führen, dass das Vertrauen in die Impfung sinke und man sich infolgedessen nicht mehr impfen lassen wolle, erklärt auch Gesundheitsexperte Philipp Sprengholz von der Universität Erfurt. Ebenso spiele die Tatsache, dass es sich um eine neue Impfung handelt, eine wesentliche Rolle. Zudem würden derzeit Menschen infrage stellen, ob die Impfung überhaupt noch nötig sei, erläutert der Gesundheitsexperte weiter.

Corona: Wäre eine Impfpflicht sinnvoll?

Dennoch rät Sprengholz zunächst von einer Impfpflicht ab. Denn die würde zu Widerstand in der Bevölkerung führen. Studien hätten gezeigt, dass die Verärgerung über eine Corona-Impfpflicht so groß sein könnte, dass die Befragten sogar andere Impfungen weniger wahrnehmen möchten. Zwar sei zu beachten, dass hierbei mit fiktiven Szenarien gearbeitet wurde, aber die Ergebnisse würden trotzdem zeigen, dass Vorsicht geboten sei.
Auch Menschen, die sich prinzipiell impfen lassen wollen, aber ihre freie Entscheidung schätzen, könnten durch eine Impfpflicht eingeschränkt werden. Deshalb sollten zunächst andere Maßnahmen eingesetzt werden, um die Bereitschaft zu steigern, erklärt der Gesundheitsexperte. Erst wenn niedrigschwellige Angebote und Anreize nicht erfolgreich sein würden, solle über eine Pflicht als letzte Instanz nachgedacht werden.

Masern und Co.: Impfpflichten gegen andere Krankheiten

Mit Blick auf das im März 2020 in Kraft getretene Masernschutzgesetz erklärt Sprengholz, dass die Impfabdeckung nicht hoch genug gewesen sei, um Ausbrüche der Krankheit und ihre schwerwiegenden Folgen zu verhindern. So solle das Gesetz die gesamte Bevölkerung schützen, erklärt auch das Bundesgesundheitsministerium.
In Paris sind erneut Gegner der geplanten Impfpflicht für Gesundheitspersonal auf die Straße gegangen. Dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Ob die verpflichtende Masern-Impfung für Kita- und Schulkinder sowie für das Personal in entsprechenden Einrichtungen bisher erfolgreich gewesen ist, lasse sich allerdings nur schwer beurteilen, erläutert Sprengholz. Zwar seien die Infektionsfälle im letzten Jahr deutlich zurückgegangen, dies hätte aber vor allem an der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen und Kita-Schließungen gelegen. Zudem wurde die Übergangsfrist wegen der Pandemie angepasst, sodass Impfnachweise erst bis Ende 2021 erbracht werden müssen. Die Wirkung der Masernimpfpflicht lasse sich deshalb erst in den kommenden Jahren beurteilen.
Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Unicef vergangene Woche erklärten, seien 2020 weltweit 23 Millionen Kinder nicht wie vorgesehen geimpft worden. So verpassten die Kinder im ersten Pandemie-Jahr Impfungen gegen Krankheiten, wie etwa Tetanus, Keuchhusten und auch Masern.
Bei anderen Krankheiten sind die Impferfolge offenkundig - das zeigt ein Blick in die Vergangenheit. So konnten mithilfe von Impfungen etwa Pocken oder Polio fast weltweit ausgerottet werden.

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Mit Material von AFP, dpa und epd.

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