Wie viele Betten sind wirklich noch frei?

von Oliver Klein und Nils Metzger
25.11.2020 | 06:00 Uhr
Die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen steigt und steigt. Mediziner schlagen Alarm. Doch in sozialen Netzwerken wird der Ernst der Lage heruntergespielt.
Quelle: Kay Nietfeld/dpaEin Intensivpfleger mit Schutzkleidung an einem Intensivbett im Bethel Krankenhaus Berlin (Archivbild)
Die Warnungen klingen alarmierend. "Die Lage auf den Intensivstationen spitzt sich zu", sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin in der "Rheinischen Post". Die einschränkenden Corona-Maßnahmen müssten fortgesetzt werden, um die Notfallmedizin nicht zu überlasten, fordert auch der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft Gerald Gaß.
Doch in Sozialen Medien wird der Ernst der Lage angezweifelt und heruntergespielt: So fordert beispielsweise der Ökonom Stefan Homburg bei Twitter: "Schluss mit dem Lockdown". Denn die Belegung der Intensivstationen sei seit August "praktisch gleich" geblieben.
Homburg ist nicht irgendwer: Als Leiter des Instituts für Öffentliche Finanzen an der Leibniz-Universität Hannover gilt er bei Querdenkern und Verschwörungsanhängern als äußerst glaubwürdig, liefert ihnen Argumente und einen serösen Anschein.

Korrekte Daten - fragwürdige Schlüsse

Eine wichtige Unterscheidung wird von Homburg und anderen Kritikern der staatlichen Corona-Maßnahmen dabei unterschlagen: Wie viele Intensivbetten insgesamt belegt sind und wie viele ausschließlich von Covid-Patienten.
Seit Anfang September ist die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen laut Intensivregister Divi um etwa das 17-fache gestiegen. Doch die Gesamtzahl der belegten Betten hat sich im gleichen Zeitraum nicht verändert - denn die Kliniken haben offenbar gegengesteuert:
Nach Angaben einer Sprecherin des Intensivregisters verlegen Krankenhäuser Patienten auf andere Stationen oder verschieben Operationen. So könne die Zunahme an Covid-Patienten ausgeglichen werden. Dieses Management sei jedoch bei höherer Belegung der Betten "langsam nicht mehr möglich", teilte die Divi-Sprecherin der Deutschen Presseagentur mit.

Covid-Patienten müssen intensiver betreut werden

Aktuell stehen laut Divi noch 5.946 freie Intensivbetten zur Verfügung. Kliniken vermelden außerdem, dass fast 12.000 weitere Intensivbetten innerhalb von sieben Tagen als Teil der Notreserve aufgestellt werden könnten.
Mediziner warnen jedoch vor einer trügerischen Sicherheit, denn Intensivbett ist nicht gleich Intensivbett: Covid-19-Patienten müssen meist viel länger auf der Intensivstation behandelt werden als andere Kranke. Nach Recherchen des "Bayerischen Rundfunks" (BR) ist meist eine Pflegefachkraft mit einem Covid-Intensivpatienten ausgelastet. Diese herausfordernde Betreuungsquote erschwert die Behandlung anderer Intensivpatienten.
Was bedeutet es, schwer kranke Covid-19-Patienten zu versorgen? Schwerstarbeit – physisch und psychisch. Eine Reportage aus der Intensivstation des Innklinikums Mühldorf – über Ärzte und Pflegekräfte am Limit.

Divi plant Nachbesserungen bei Intensivbett-Erfassung

Auch sei laut "BR" nicht jedes bei Divi gemeldete Intensivbett automatisch auch für Corona-Patienten geeignet. Etwa jeder dritte Corona-Intensivpatient brauche etwa ein Dialysegerät zusätzlich zu den oft benötigten Beatmungsgeräten. Vor allem kleine Kliniken können das oft nicht leisten.
Fazit: Es stimmt, dass sich die Gesamtzahl der belegten Betten auf Intensivstationen seit Monaten kaum verändert hat. Der Anteil an Covid-Intensivpatienten hat jedoch deutlich zugenommen. Auch sind Corona-Intensivpatienten oft erheblich aufwändiger zu betreuen als andere Intensivpatienten. Als Argument gegen Coronamaßnahmen ist der Verweis auf die gleichbleibende Belegung der Intensivbetten irreführend.
Quelle: Mit Material von dpa, epd

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