: Vom Impfweltmeister zum Inzidenzweltmeister?

von Ralph Goldmann
11.08.2021 | 15:13 Uhr
Lange galt Israel als Vorbild bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, doch die Zahl der Infektionen ist so hoch wie seit Monaten nicht mehr. Die Impfkampagne stockt.
Israel zieht die Zügel wieder an: es gelten strenge Regeln.Quelle: AP
Israels Ministerpräsident Naftali Bennett lässt keine Gelegenheit aus, zu mahnen und zu warnen. Anfang der Woche besuchte er die israelischen Streitkräfte und forderte die Bevölkerung zum wiederholten Male auf, sich gegen Corona impfen zu lassen: "Die Impfstoffe sind sicher und effektiv. Alle, die noch nicht geimpft sind, sollten das jetzt tun. Es rettet unsere Leben."

Viele Neuinfektionen trotz hoher Impfquote

Der Appell kam einen Tag, nachdem die täglichen Neuinfektionen in Israel auf fast 6.500 gestiegen waren - der höchste Wert seit Februar. Die Inzidenz stieg auf über 300. Der R-Wert liegt bei 1,25. Damit haben sich im Durchschnitt pro Tag in der letzten Woche 3.967 Menschen mit Corona infiziert.
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Und das, obwohl die Impfkampagne in Israel früh begann und sehr schnell Fortschritte machte. Knapp 60 Prozent der 9,4 Millionen Israelis sind doppelt geimpft, doch es geht nur noch langsam vorwärts. Es hat sich wie in Deutschland eine gewisse Impfmüdigkeit eingestellt, vor allem bei den Jüngeren und Teilen der arabischen Bevölkerung.

Eine Million will sich nicht impfen lassen

Deshalb macht die Regierung jetzt einerseits Druck auf die Ungeimpften und macht sie mehr oder weniger direkt verantwortlich für die Lage. Andererseits werden Über-60-Jährige, deren letzte Impfung mehr als fünf Monate her ist, jetzt zum dritten Mal geimpft. Das Angebot wird gut angenommen: mehr als 650.000 Israelis holten sich in der vergangenen Woche den dritten Piks.
Obwohl fast 60 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft sind, steigt die Zahl der Neuinfektionen, der schweren- und der Todesfälle. Zukünftig gilt eine Quarantänepflicht von sieben Tagen für alle Einreisenden, auch für vollständig Geimpfte.
Andere sind da zurückhaltender. Schätzungsweise eine Millionen Israelis wollen sich offenbar überhaupt nicht impfen lassen. Das entspricht einer Quote von 11 Prozent. Dazu kommen die Kinder unter 12, die noch nicht geimpft werden.
Von Herdenimmunität ist Israel damit noch weit entfernt. Besonders überraschend und erschreckend ist auf den ersten Blick der Impfstatus der 400 Personen, die mit schweren Verläufen im Krankenhaus liegen (Stand: 11. August, 13 Uhr): 140 sind gar nicht geimpft, 10 einfach und 240 sogar doppelt geimpft. Das war im Frühjahr noch anders. Damals lagen vor allem Ungeimpfte mit schweren Verläufen im Krankenhaus.

Sind Impfungen bei Delta weniger effektiv?

Das scheint zu zeigen, dass die Impfungen wirkungslos sind, könnte man meinen. Doch es könnte auch daran liegen, dass die herkömmlichen Impfungen gegen die Delta-Variante weniger effektiv sind oder dass die Wirkung einfach grundsätzlich mit der Zeit nachlässt. Letzteres vermuten einige (nicht alle) israelische Experten.
Immerhin ist die Lage in den Krankenhäusern mit den 400 schwerkranken Corona-Patienten noch lange nicht so angespannt wie auf dem Höhepunkt der Pandemie Anfang des Jahres. Damals waren es 1.200. Die Zahl der Todesfälle steigt zwar, allerdings nicht in gleichem Maße wie die Zahl der Neuinfektionen. Und seit zwei Tagen sinkt auch die Rate der positiv Getesteten wieder.
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Harte Regeln gelten

Dennoch ist die Regierung alarmiert und hat die Regeln deutlich verschärft. So wurde die Maskenpflicht wieder ausgeweitet und für Behörden eine 50-prozentige Home-Office-Quote angeordnet. Wer ins Restaurant oder auf eine Veranstaltung will, braucht den Green Pass, der belegt, dass man geimpft, getestet oder genesen ist. Und wer in den Ferien ins Ausland will, muss nach der Rückkehr aus den meisten Ländern eine Woche in Quarantäne, sogar wenn man doppelt geimpft ist. Touristen dürfen ohnehin noch nicht ins Land.
Das böse Wort vom Shutdown macht auch wieder die Runde, auch wenn die Regierung den unbedingt vermeiden will. "Wir müssen die Öffentlichkeit auf einen Lockdown im September vorbereiten", warnte zuletzt Verteidigungsminister Gantz. In einer Zeit vieler jüdischer Feiertage träfe es die israelische Wirtschaft dann jedenfalls nicht ganz so hart. Doch noch hoffen sie in Israel, dass die Impfbereitschaft wieder steigt und die neuen Beschränkungen Wirkung zeigen.

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