: Psychische Folgen des Shutdowns: Was hilft?

von Meike Hickmann
16.01.2021 | 12:04 Uhr
Kliniken und Praxen melden: Im zweiten Shutdown nimmt die Zahl psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher zu. Wo die Probleme sind und wie eine gute Betreuung helfen kann.
Ohne den Kontakt mit Gleichaltrigen enstehen häufiger Ängste und andere psychische Krankheiten bei Kindern.Quelle: dpa
Kinderpsychiater Gottfried Maria Barth muss das Interview mehrmals unterbrechen - das Telefon klingelt, wieder ein Notfall. Barth ist stellvertretender Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Tübingen und er sagt "es ist die Hölle los". Anderthalb bis doppelt so viele Notaufnahmen wie sonst habe die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Moment zu verzeichnen.

Zwangsstörungen, Depressionen, Ängste

Besonders häufig: Zwangs- und Essstörungen. "Das sind diejenigen, die Bewältigungswege suchen", erklärt Barth. Diese Patienten verschaffen sich Sicherheit, in dem sie angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung durch die Pandemie einzelne Bereiche kontrollieren - zum Beispiel das Essen. Die andere große Gruppe Patienten, die zurzeit zunehme, sei die mit Depressionen und Ängsten.
Die Diagnose "Erschöpfungs-Depression" zählt mittlerweile zu den häufigsten, die Dr. Barth auf der Tübinger Kinderpsychiatrie-Station stellt.
Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen seien schon vor der Corona-Pandemie häufig gewesen: Laut der KIGGS-Studie seien da schon bis zu zwanzig Prozent der Kinder betroffen gewesen, sagt Tanja Hechler, Vorstand des Verbands für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Verhaltenstherapie (KJPVT).
Im ersten Shutdown sei der Anteil betroffener Kinder und Jugendlicher laut Studien auf 31 Prozent angestiegen. Die Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uni Trier sagt:
Die psychischen Probleme nehmen jetzt im zweiten Shutdown nochmal zu.
Tanja Hechler
Grund sei die Ungewissheit, die Bedrohung durch die Mutation und schlicht die Dauer - je länger ein sogenannter Stressor anhalte, desto schlimmer die Konsequenzen.

Reicht die Notbetreuung aus?

Auch Julian Schmitz, Leiter der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche an der Uni Leipzig, stellt vor allem jetzt im zweiten Shutdown eine Zunahme der Fälle fest. Besonders betroffen seien Kinder mit psychischen Vorbelastungen, sowie Kinder von Eltern mit psychischen Problemen. Immer wieder würden ihn Anrufe von Eltern erreichen, die sich Sorgen machen, ihr Kind während des Shutdowns nicht gut betreuen zu können.

Tipps für Eltern während des Shutdowns

Beruhigung: Julian Schmitz, Leiter der Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche an der Uni Leipzig rät, gegenüber Kindern zu kommunizieren, dass es für sie nicht so gefährlich ist, weil Kinder selten stark erkranken. Es sei wichtig zu vermitteln, dass sie sich keine Sorgen machen müssen - dass sie die Eltern und Großeltern zwar schützen sollen, diese aber nicht unmittelbar bedroht sind. Kinder würden schnell Angst bekommen, sie oder ihre Eltern müssten sterben, wenn sie ständig die Todeszahlen im Radio hören. Da sei es wichtig zu beruhigen und viel Raum für Fragen zu lassen.

Vernetzen über Medien: Kinder- und Jugendpsychiater Gottfried Maria Barth rät, beim Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen weniger streng zu sein. "Manche Kinder finden Schutz darin, gut über die Medien vernetzt zu sein und halten so Kontakte", sagt er. Oft werde der Medienkonsum als etwas Negatives gesehen - für viele Kinder und Jugendliche sei er aber eine gute Ressource, über die sie Schutz und Beruhigung erfahren. Dabei sei es aber natürlich wichtig im Blick zu haben, was dort angesehen wird. Zudem sollten Eltern jetzt fördern, dass ihre Kinder kreative Möglichkeiten in den Medien finden, um in Kontakt zu bleiben - zum Beispiel digitale Geburtstagsfeiern. "Wichtig ist, dass sie sich irgendwie verbunden fühlen."

Viel mit den Kindern beschäftigen: Tanja Hechler, Vorstand des KJPVT empfiehlt, altergruppenspezifisch sich viel mit den Kindern zu beschäftigen. Kindergartenkinder brauchen Betreuung rund um die Uhr. Dabei sei es wichtig, den Tagesablauf zu planen und zwar so, dass auch die Eltern entlastet werden. Für Grundschulkinder sei es wichtig, dass sie den Kontakt zu Gleichaltrigen irgendwie halten - wenn auch über Video. Bei Jugendlichen sollten Eltern darauf achten, wie sie jetzt ihre Zeit verbringen. Jugendliche könnte man zwar eigentlich alleine lassen, aber jetzt zu Pandemie-Zeiten solle man verstärkt ein Auge darauf haben und sich zum Beispiel die Lieblings-Onlinespiele mal zeigen lassen und insgesamt die Zeit für den Internetkonsum achtsam im Auge behalten.

Ausführliche Informtionen gibt es bei der Psychologischen Coronahilfe.

Das Konzept der Notbetreuung sei dabei teils nicht niedrigschwellig genug. In einigen Bundesländern muss die Notbetreuung beim Jugendamt beantragt werden über den Fall der Kindeswohlgefährdung. Davor würden viele Eltern zurückschrecken. Ein besseres Konzept aus Sicht des Kinderschutzes verfolge Nordrhein-Westfalen, sagt Schmitz: Hier entscheiden die Eltern selbst.
Wichtig sei bei der Notbetreuung auch, dass sie qualifiziert angeleitet sei und nicht ein bloßes Verwahren, sagt Kinderpsychiater Barth. "Es ist eine große Herausforderung eine frisch zusammengewürfelte Gruppe mit besonders belasteten Kindern zu betreuen", sagt er.

Kinder brauchen Strukturen

Schmitz plädiert bei der Betreuungsfrage im Shutdown für mehr Wechselunterricht an Schulen, sodass die Kinder wenigstens tage- oder stundenweise vor Ort sind. Schon ein bisschen Struktur würde viel ausmachen:
Jedes bisschen Präsenz ist für Kinder wahnsinnig wichtig.
Julian Schmitz
Es sei wichtig, dass Erzieher*innen und Lehrer*innen die Kinder ab und zu sehen, um auch mitzubekommen, wie es ihnen und den Eltern zuhause geht.
Hechler vom KJPVT empfiehlt, dass Lehrer*innen am besten täglich irgendwie Kontakt zu ihren Schüler*innen haben - auch in der Grundschule. "Eine Videokonferenz mit gemeinsamen Spielen kann schon viel bewirken", empfiehlt sie. Hauptsache, die Kinder kämen irgendwie in Kontakt, sonst würden wichtige Entwicklungsschritte ausbleiben.

Langfristig in kleinere Klassen investieren

Denn das Problem werde nach dem Shutdown nicht einfach aufhören, sagt Schmitz. Viele Angststörungen, Störungen im Sozialverhalten oder Depressionen könnten bestehen bleiben. Und das alles treffe ein Versorgungssystem mit ohnehin langen Wartezeiten und zu wenigen Behandlungsplätzen.
Mehr Personal und dafür kleinere Gruppen und Klassen könnten auch langfristig helfen, sagt Barth. Weniger Schüler*innen pro Klasse würde psychisch belasteten Kindern zugutekommen. "Das Gute an der Pandemie ist, dass sie uns auf Dinge aufmerksam macht", sagt Barth. "Wir sind verpflichtet, da zu investieren, wo es ganz sicher gut angelegt ist."

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