: "Brauchen Marschallplan für den Kinderschutz"

von Ulrike Rödle
14.02.2021 | 16:03 Uhr
Die Zahl misshandelter Kinder steigt derzeit dramatisch, bei vielen Familien liegen die Nerven im Shutdown blank. Experten fordern deshalb einen Plan für die Zeit nach der Krise.
Seit Beginn der Corona-Pandemie steigt die Zahl misshandelter Kinder.Quelle: dpa
Ulrike Kullmer ist seit 25 Jahren Kinderärztin in der NotfalIambulanz der Uniklinik Mainz. Wenn bei einem Kind der Verdacht auf Misshandlung besteht, wird sie gerufen, denn die Oberärztin gehört zum Kinderschutzteam der Klinik.
Die Zahl der misshandelten Kinder, so ihre Beobachtung, steigt seit Beginn der Corona-Pandemie. Erst kürzlich wurde ein Kleinkind in die Ambulanz gebracht, das Verbrühungen an Füßen und Händen hatte. Ein Fall, den die Ärztin zutiefst erschüttert hat, denn ihr war schnell klar, dass es kein Unfall war. Das Kind, berichtet sie, sei absichtlich in sehr heißes Wasser gesetzt worden:
Es war auch so deprimiert, so krank, es hat praktisch nicht mehr gesprochen, war ganz duldsam und weinte nicht. Da war mir klar, es war nicht das erste und einzige Mal, das diesem Kind so etwas passiert ist.
Ulrike Kullmer, Kinderärztin in der NotfalIambulanz der Uniklinik Mainz

Häusliche Gewalt an Kindern nimmt dramatisch zu

Experten sagen, die Zahl psychisch und physisch misshandelter Kinder steige derzeit dramatisch. Bei vielen Familien lägen die Nerven blank, Kitas und Schulen geschlossen. Studien, die belegen, dass die Zahlen steigen, gibt es nicht.
Aber Hinweise gibt es: So ergab eine repräsentative Umfrage der Technischen Universität München im April letzten Jahres: Vor allem die unter zehnjährigen Kinder sind mehr Gewalt ausgesetzt. Befragt wurden Eltern quer durch alle Bevölkerungsschichten.
Kai Lanz hat einen Krisenchat für Kinder und Jugendliche mitgegründet. Der 19-Jährige spricht über die Herausforderungen der Jugend im Lockdown sowie über sein kostenloses Online-Seelsorge-Angebot, das schon über 15.000 Hilfesuchende genutzt haben.

Shutdown bremst den Kinderschutz aus

Jörg Fegert ist Kinderpsychologe an der Universitätsklinik Ulm und Mitbegründer der Kinderschutz-Hotline. Bei ihm rufen Ärzte an, wenn sie Hinweise feststellen auf Misshandlung, manchmal auch Lehrerinnen oder Betroffene selbst.
Der Shutdown habe den Kinderschutz ausgebremst, sagt Fegert, weil in Zeiten des Shutdowns auch Mitarbeiter in den zuständigen Behörden nicht mehr erreichbar waren.
"Es war schmerzhaft für uns, dass Kinderschutz, der eigentlich eine Sache der Zusammenarbeit zwischen den Professionen ist, dass da plötzlich keine Rückmeldungen mehr kamen, wenn wir beispielsweise Meldungen an die Jugendhilfe weitergegeben haben", sagt Fegert. "Das war dramatischer als in üblichen Zeiten, wo man weiß, wie vor Ort die Hilfegewährung funktioniert."

Kinder aus schwierigen Verhältnissen leiden im Shutdown noch mehr

Fegert befürchtet, dass die soziale Schere durch Corona noch weiter auseinander geht. Denn die Kinder, die schon vor der Pandemie in schwierigen Verhältnissen lebten, leideten jetzt im Shutdown noch mehr.
Er und sein Team von der Kinderschutzhotline haben außerdem festgestellt, dass die Meldungen und Hilferufe während des Shutdowns weniger werden und erst wieder zunähmen, wenn die Kinder wiedergesehen werden, etwa in Schulen, Kitas oder Sportvereinen. Denn: Wo keiner hinsehen kann, fällt niemandem etwas auf.
Wir müssen jetzt einen Marschallplan entwickeln, für zukünftige Hilfen. Denn eins wissen wir jetzt schon: Nach der Krise wird ein riesiger Hilfsbedarf auf uns zu kommen. Darauf müssen wir uns vorbereiten.
Professor Fegert, Kinderpsychologe an der Universitätsklinik Ulm
Die Kinderärztin Ulrike Kullmer hat sich zu Aufgabe gemacht, in diesen Zeiten noch aufmerksamer hinzuschauen, auch außerhalb der Klinik.

Hilfsangebote im Überblick

Die wichtigsten Daten zum Coronavirus

Hintergründe zu Covid-19

Mehr

Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise