Wenn das Geld für Essen nicht reicht

von Luisa Houben
03.05.2020 | 12:24 Uhr
Die Corona-Krise trifft arme Kinder besonders hart, warnen Sozialverbände. Wie eine Einrichtung versucht zu helfen - und warum das nicht reicht.

Seit sieben Wochen hat der D-Hof, eine Kinder- und Jugendeinrichtung in Aachen, wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Trotzdem ist dort seitdem viel passiert.
Aus Sorge um das Wohl der Kinder und Jugendlichen, die hier sonst täglich in der Ganztagsbetreuung sind oder ihre Freizeit verbringen, sind kreative Ideen gewachsen: Videochats, Rätsel und Bastelideen via Social-Media, Pakete mit Lernmaterialien und Spielen, die sich Familien abholen können.

Oberstes Ziel: Kontakt halten

Zu Beginn der Krise war das Ziel des Teams, den Kontakt zu den Familien im Stadtteil aufrecht zu erhalten. Die Sozialarbeiter hatten Sorge, dass den Kindern langweilig wird, sie alleine ihre Schulaufgaben nicht bewältigen können oder es in der Familie kracht. Nun stellen sie fest: Es fehlt an noch existenziellerer Versorgung.
Anfang April haben wir mit dem D-Hof über die Probleme gesprochen, die Kinder und ihre Familien jetzt haben. Nun wollten wir wissen: Was hat sich seitdem getan? Den ersten Bericht finden Sie hier:
'Schamgefühl'  kann sich hier kaum noch einer 'leisten', täglich kommen mehr Menschen und holen sich Lebensmittel bei uns ab, fragen nach Kinderkleidung oder Putzmitteln.
Sandra Jansen, D-Hof in Aachen

Kochtüten mit Lebensmitteln und Rezept

Der Inhalt einer Kochtüte, die der D-Hof verteilt. Quelle: D-Hof/Aachen
Die Sozialarbeiter der Einrichtung verteilen deswegen seit zwei Wochen nun auch Kochtüten: jeden Tag neue Zutaten und das passende Rezept für Lasagne, Pfannkuchen oder Brokkolicremesuppe.

Am ersten Montag starteten sie mit 35 Stück. Es kamen so viele Kinder und Eltern, dass sie nicht allen eine geben konnten. Ab kommender Woche werden sie täglich 80 Kochtüten vorbereiten.
In dem Aachener Stadtteil Driescher Hof liegt die Kinderarmutsquote bei 43 Prozent. Viele der Familien leben von Hartz-IV, deutschlandweit sind es 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen null und 15 Jahren.

Familien fehlt das Geld

Die Corona-Krise trifft diese Kinder besonders hart. Es fehlen die Orte, an denen sie ihre Zeit verbringen können. An denen sie lernen können. An denen sie Gemeinschaft erleben. Und nicht nur das: Es fehlt ein gesundes Frühstück oder warmes Mittagessen.
Familien, die von Hartz-IV leben, können nicht auffangen, was in der Krise weg fällt.
Gerda Holz, Politikwissenschaftlerin
"Familien, die von Hartz-IV leben, können nicht auffangen, was in der Krise wegfällt", sagt Gerda Holz. Die Sozialarbeiterin und Politikwissenschaftlerin arbeitet am "Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik" (ISS). In einem aktuellen Statement des ISS wird Sofort-Hilfe für die Familien gefordert. Auch Sozialverbände wie der Kinderschutzbund, das Deutsche Kinderhilfswerk und die Diakonie fordern in einer gemeinsamen Erklärung eine "unbürokratische Aufstockung des Regelsatzes".
Im Interview mit ZDFheute lobt Gerda Holz das Engagement von Einrichtungen wie dem D-Hof. Doch das ist in ihren Augen eine Ausnahme, es sei mehr Unterstützung seitens der Politik nötig, um in dieser Zeit für Kinder, die in Armut leben, zu sorgen.

Gerda Holz ...

... ist Sozialarbeiterin und Politikwissenschaftlerin. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Bereich Armut und fehlende Chancengleichheit von Kindern.

Sie arbeitet für den Verein "Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik" (ISS) und hat in einer Langzeitstudie in Zusammenarbeit mit der AWO zu Lebenslagen und Zukunftschancen von (armen) Kindern und Jugendlichen in Deutschland geforscht.

Fünf Fragen an Gerda Holz

ZDFheute: Fehlt den Familien, die von Hartz-IV leben, in der Krise das Geld, ihre Kinder zu ernähren?

Gerda Holz: Ja, es fehlen ihnen die finanziellen Ressourcen, um eine ausreichende und gesunde Ernährung zu sichern. Der Grund ist, dass armutsbetroffene Kinder und Jugendliche auf eine sozialstaatliche Sicherung angewiesen sind, die auf zwei Säulen basiert. Eine davon fällt in der Krise weg.

Zum einen haben sie den Anspruch auf finanzielle Unterstützung - zum Beispiel in Form des Regelsatzes, der ihnen nach Hartz-IV (SGBII) zusteht, zum anderen auf zusätzliche Leistungen zur Bildung und Teilhabe (BuT).

Der Regelsatz wird als Geldleistung an die Eltern ausgezahlt. Die BuT-Leistungen bekommen die Kinder in Kitas, Schulen oder Vereinen, zum Beispiel, indem Kosten für eine Vereinsmitgliedschaft, den Musikunterricht oder aber das gemeinschaftliche Mittagessen in der Schule oder Kita übernommen werden.

Mit der Schließung dieser Einrichtung bricht aber die Versorgung oder ein Zugang zu diesen BuT-Leistungen weg. Und es ist klar: Der Regelsatz alleine reicht nicht.

ZDFheute: Einrichtungen versuchen die Lücke zu schließen - trotz und gerade wegen Corona. Können sie das leisten?

Holz: Nein. Zum einen sind diese derzeit geschlossen, zum anderen haben sie nicht die Kapazität, nicht die Logistik und schon gar nicht ein Soforthilfe-Konzept dafür. Einrichtungen wie der D-Hof haben folglich irgendwie und mit einfachsten Mitteln kreative Lösungen gefunden. Aber das kann nicht jede leisten und sollte sie künftig auch nicht mehr müssen. Hier ist der Staat, also Politik und Verwaltung auf allen Ebenen, in der Verantwortung. Diese kann nicht ausgelagert werden in der Hoffnung, dass sich sozial engagierte Mitmenschen und Einrichtungen irgendwie kümmern.

Dass sich jemand um die existenziellen Belange von armutsbetroffenen Kindern kümmert, erst recht in Not- und Krisenzeiten, kann keine Frage von Wohltätigkeit und bürgerschaftlichem Engagement sein. Das ist sozialstaatliche Verantwortung und über öffentliche und im öffentlichen Auftrag tätige Institutionen zu gewährleisten.

ZDFheute: Die Bundesregierung hat wegen der Corona-Krise ein Sozialpaket beschlossen. Trotzdem fordern Sie mehr konkrete Hilfe für Kinder, die in Armut aufwachsen. Wie soll diese ihrer Meinung nach aussehen?

Holz: Aus der Perspektive und den spezifischen Entwicklungsbedingungen von jungen Menschen betrachtet - denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen - ist folgendes nötig:

Eine erste Maßnahme wäre, den Eltern einen Zuschuss zu überweisen, um die Kosten, die durch den Wegfall von Einrichtungen entstehen, aufzufangen - ihnen einfach Geld ins Portemonaie zu geben, das sie nicht haben, um ihre Kinder zu versorgen. Klar sollte doch wohl für jede und jeden sein: Diese Eltern haben kein Sparbuch, auf das sie jetzt zurückgreifen können.

Zweitens muss seitens der Schulen und Kitas, deren Träger und den Fachkräfte vor Ort überlegt werden, wie sie neben Alternativen für das Lernen, Spielen und soziale Miteinander auch die Essensversorgung ersetzen. Hier gibt es keine Patentlösung, weil jede Schule oder Einrichtung anders ist. Aber dafür müssen umsetzbare Konzepte erstellt werden, das muss Thema im Kollegium einer Schule oder Kita sein, das muss Aufgabe der Träger sein - und zwar zusammen mit der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe oder mit offenen Jugendzentren im Quartier. Was der D-Hof macht ist ein exzellentes Beispiel: Die Familien bekommen Essentüten mit Rezept und den Brokkoli direkt dazu.

Drittens muss überlegt werden, welche Vernetzung und welche verbindlichen Kooperationen es innerhalb einer Kommune geben kann. Zum Beispiel zwischen einer Schule und einem Wohlfahrtsverband, die dann gemeinsam ein verlässliches Versorgungsangebot schaffen.

ZDFheute: Wie realistisch ist es in Ihren Augen, dass die Politik schnell handelt?

Holz: Das hängt davon ab, ob die existenziellen Notlagen und der immense Bedarf der betreffenden Familien gesehen werden. Es hängt davon ab, ob staatliche Mehrleistung auch auf armutsbetroffene Gruppen ausgeweitet werden. Und schließlich hängt es davon ab, ob den Belangen von Kindern und Jugendlichen mehr Gewicht in der Krisenbewältigung eingeräumt wird. Je schneller solche Einsichten in politische Entscheidung und Verwaltungsumsetzung einfließen, desto rascher kommt es zu Soforthilfen.

Und entscheidend für die Zukunft wird sein, dass wir nicht vergessen, was diese Krise für Familien in Armut heute bedeutet. Und dass sie für sie andere Folgen hat als für Kinder, die nicht in Armut aufwachsen. Es ist wichtig, dass wir für Kinderarmut sensibilisieren, über Stigmatisierung und Diskriminierung aufklären. Das Bild von Armut in Deutschland ist häufig: Armut ist Folge von persönlichem Fehlverhalten. Tatsächlich ist Armut aber ein Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse und nicht gleichzusetzen mit Inkompetenz.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen seit langem gegen diese vorherrschenden Vorurteile. Arme Eltern sind nicht inkompetent, sie versuchen, jeden Tag eine Mangelsituation zu bewältigen. Was ihnen fehlt, sind die Möglichkeiten und Ressourcen zur Teilhabe an allem in unserer Gesellschaft.

ZDFheute: Kommt Ihnen das Kindeswohl in der Diskussion um Lockerungen zu kurz?

Holz: Ja, und das sehr eindeutig. Oberste Priorität hat natürlich unser aller Gesundheit. Aber in allen weiteren Überlegungen haben die Belange von Kinder und Jugendlichen genauso einzufließen wie die des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft, die der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die von älteren Menschen. Und bei der Öffnung der Schulen und Kindergärten müssen sozial benachteiligte Kinder vor allem in den Blick genommen werden.

Es besteht in Deutschland eine deutliche Bildungsungleichheit und eine soziale Ungleichheit. Hier sind Kinder aus finanziell schwächeren Familien in den vergangenen Wochen am stärksten in den Nachteil geraten. Es gilt zum einen aufzufangen, was noch aufzufangen ist und zum anderen, ihnen darüber hinaus mehr Unterstützung und Förderung zukommen zu lassen.

Wie hoch ist der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder?

Für ein Kind zwischen sechs und 14 Jahren bekommt eine Familie, die Hartz-IV bezieht, 308 Euro. Davon sind laut Regelsatz 124,43 Euro für Nahrungsmittel berechnet. Das heißt, die Familie hat für die Ernährung des Kindes pro Tag 4,14 Euro zur Verfügung.

Bei einem Kind bis sechs Jahren liegt der Regelsatz bei 250 Euro, knapp 8 Euro davon sind für Nahrungsmittel berechnet.

Ab 15 Jahren sind es 328 Euro Regelsatz, rund 154 Euro davon für Nahrungsmittel.

Kochtüten dank Spenden möglich

Kochtüten mit Lebensmitteln und Rezept, damit Kinder und Eltern zuhause kochen können.Quelle: D-Hof, Aachen
Darauf warten, dass die Politik handelt, will das Team des D-Hof nicht. "Wir können nicht, weil unsere Familien nicht warten können," sagt Sandra Jansen. Mehrere Tausend Euro braucht die Einrichtung in der Woche, um täglich 80 Kochtüten im Wert von 7,50 Euro verteilen zu können. Dank Spenden werden sie das Angebot in den nächsten Wochen weiter anbieten können.
Dass mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen, die Not geringer wird, glaubt Jansen nicht. Sie rechnet damit, dass die Familien die Kochtüten auch in den nächsten Monaten noch brauchen werden.
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Kinder in der Corona-Krise