: "Ängste können ein kreatives Ventil finden"

05.12.2020 | 22:45 Uhr
Wie wird Corona unser kulturelles Gedächtnis prägen? Eine Kulturwissenschaftlerin erklärt, wie Kunst Gemeinschaft schafft und ein Gefühl geteilter Erfahrung entsteht.
Seit einem Monat sind die Kultureinrichtungen dicht: Dabei brauchen wir die Kunst in der Krise, sagt Expertin Bieß.Quelle: dpa
ZDFheute: Wie könnten Kunst und Kultur aus Ihrer Sicht langfristig auf die Krise reagieren?
Cora Bieß: Kunst und Kultur kann als eine gesellschaftliche und künstlerische Ausdrucksform für den Umgang mit den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie gesehen werden, die ein geteiltes Wissen zum Ausdruck bringt. Kunst und Kultur können somit unsere Erfahrungen mit der Pandemie aufgreifen und unsere Erinnerungen formen. Ängste und Unsicherheiten könnten hierbei ein kreatives Ventil finden.
Die Corona-Krise hat verschiedene gesellschaftliche Probleme überdeutlich zu Tage treten lassen, wie zum Beispiel den Pflegenotstand, die soziale Benachteiligung vieler Kinder, Alterseinsamkeit, häusliche Gewalt oder die negativen Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Gerade politische Kunst und Kultur könnte eine bedeutende Rolle einnehmen dies auch nach der Krise im Bewusstsein zu halten und mit diesem Wissen eine Veränderung anstoßen, damit diese Missstände auch nach der Krise weiter ver- und bearbeitet werden.

Cora Bieß ist...

Quelle: Uni Tübingen
...arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Universität Tübingen und als Junior Projektmangerin in der Berghof Foundation im Bereich Globales Lernen für Konflikttransformation. In ihrem Essay "Die politische Konstruktion von traumatischen Erinnerungen" hat sie sich mit der Erinnerung an die Corona-Krise befasst.
ZDFheute: Wie kann und muss vielleicht auch die Krise verarbeitet werden?
Bieß: Langfristig könnte Kunst und Kultur auf die Krise reagieren, indem sie Emotionen in Bezug auf die Corona-Krise ausdrückt, gestaltet und festhält. Dies kann ein Gefühl von Gemeinschaft schaffen, da ein Gefühl geteilter Erfahrung entstehen kann.
ZDFheute: Welche Rolle spielen dabei Theater, Musik, Literatur?
Bieß: Aus der Pädagogik weiß man, dass Kunst, wie Theater und Musik, eine heilsame Methode sein kann, Erlebnisse zu verarbeiten und einen Abstand zu den Erlebnissen zu gewinnen. In Hinblick auf die langfristigen Folgen kann Kunst gerade auch für Kinder einen wichtigen Beitrag schaffen, der für und mit Kindern genutzt werden könnte, um ihnen die "Bewältigung" und auch Verarbeitung der Krise zu erleichtern.
Geschlossene Konzerthallen, Ateliers, Theater: Künstler erzählen, wie die Corona-Pandemie ihre Arbeit vor Herausforderungen stellt und mit welchen neuen Ideen sie derzeit punkten.
ZDFheute: Brauchen wir die Kunst nicht auch dringend zur Krisenverarbeitung und sollte sie uns auch deshalb gerade mehr wert sein?
Bieß: Wir brauchen neue Formen von Kunst, die auch in Zeiten des "Lockdown light" sichtbar werden und für alle trotz der Schließung von öffentlichen Einrichtungen zugänglich sind. Fernab von Museen oder Ausstellungen könnten zum Beispiel kreative Bilder in die Fenster privater Haushalte gehangen werden. Zudem könnte Streetart gefördert werden, um so den öffentlichen Raum diskursiv zu nutzen. Der Streetart-Künstler Banksy hat beispielsweise in der Londoner U-Bahn mit seinen Bildern für das Tragen von Masken geworben.
Zudem entstehen in letzter Zeit neue Bilder mit Masken. In einigen Innenstädten in Deutschland sind Statuen zu sehen, denen Masken aufgezogen wurden. Ein weiteres Alltagsbeispiel zeigt wie omnipräsent die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie sind: an Halloween wurden in Tübingen Kürbisse geschnitzt, denen anschließend eine Maske aufgezogen wurde.

Merkel: "Uns fehlt, was die Künstler uns sonst geben"

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Schließung von Kultureinrichtungen wegen der Corona-Pandemie als bitter bedauert. Dass in diesen Wochen Theater, Kinos, Opern, Museen, Clubs und viele andere Einrichtungen geschlossen sein müssten, sei besonders bitter, sagte Merkel in ihrem am Samstag ausgestrahlten Videopodcast. "Uns fehlt, was die Künstler uns dort sonst geben und was nur sie uns geben können." Deswegen sei es wichtig, dass umfangreiche Hilfe auch für Künstler und Kreative geleistet werde.

Kinos und Theater, Museen und Konzertbühnen, Orte für kleine Kunst und große Auftritte sind seit März mit Unterbrechung eingeschränkt und seit Anfang November wieder geschlossen. Die Folgen für Institutionen wie Betroffene sind oft dramatisch. Fast 170 Milliarden Euro erwirtschaftete die Kultur- und Kreativszene 2018 mit knapp 260 000 Unternehmen und 1,7 Millionen Mitarbeitern. Aber viele Kulturschaffende verdienen auch zu normalen Zeiten unter Durchschnitt.

Quelle: dpa

ZDFheute: Wie werden wir uns an die Corona-Krise erinnern?
Bieß: Es ist wichtig zu reflektieren, wer aktuell die Deutungshoheit über die Covid-19 Pandemie hat und welche Stimmen dadurch im Diskurs nicht vertreten sind und nicht gehört werden. Daher wünsche ich mir einen Raum für einen inklusiven Dialog, in dem verschiedene Perspektiven geteilt werden können und indem persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, Ängste und Sorgen Ausdruck finden können.
ZDFheute: Könnte das Jahr 2020 zu einer Metapher werden?
Bieß: Vermutlich werden Narrative wie "Social Distancing","Fahren auf Sicht","Flatten the Curve" und "Systemrelevanz" die Erinnerung an das Jahr 2020 prägen. Ja, ich bin der Meinung, dass das Jahr 2020 einzigartig sein wird und eins, an das sich alle erinnern. Vielleicht werden wir uns noch in einigen Jahren gegenseitig fragen: "Wie hast du das Corona-Jahr erlebt?".
Das Interview führte Meike Hickmann.

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