: Ist das Kunst oder ist das ansteckend?

von Meike Hickmann
05.12.2020 | 14:25 Uhr
Überall Corona: in Memes, in Videos, in zahlreichen Liedern. Die Krise erobert die Kultur - wie Künstler*innen die Krise aufarbeiten und warum wir sie so dringend dafür brauchen.
Corona macht schon lange nicht mehr vor der Kunst halt - längst ist sie "infiziert" und beschäftigt sich ausgiebig mit der Krise.Quelle: reuters
Wer "Corona Lied" in die Suchleiste von Youtube eingibt, wird von Ergebnissen überschwemmt: Dieter Hallervorden und Silbermond, die Ärzte und Caroline Kebekus und viele, viele weitere. Mit etwas Zeitverzug werden auch andere Sparten folgen - Film, Theater, Literatur. Wird Corona-Kunst ein eigenes Genre? Was die Kunst mit der Krise macht - und die Krise mit der Kunst.

Ein Album aus dem Lockdown

Die Band AnnenMayKantereit hat ein ganzes Album - "Zwölf"- aus dem Lockdown veröffentlicht, das gerade erst erschienen ist. Es bildet die ganze Zeit seit März ab. Die ersten fünf Songs seien eher düster, erklärt Gitarrist Christopher Annen. Die Songs in der Mitte beschreiben die Zeit Ende Mai, nach dem ersten Lockdown und seien fröhlicher, beschwingter. Der letzte Teil des Albums zeige dann die "Realitätsklatsche zweite Welle" und sei wieder eher düster. "Wir haben uns nicht vorgenommen, ein Corona-Album zu machen", sagt Annen. Man singe als Künstler eben immer über das, was um einen herum passiert. "Und an Corona kommt man nicht vorbei."
Album "Zwölf" von AnnenMayKantereit
Ein Jahr lang nicht live zu spielen und nicht zu wissen, wann man wieder vor vielen Leuten spielen kann, sei auf jeden Fall ein Schock gewesen, sagt Annen. "Eine Hälfte vom Musiker-Dasein fällt einfach weg". Sie seien gezwungen gewesen, neue Pfade zu gehen. "Wir haben uns im Homeoffice alles hin und hergeschickt und uns erst Ende Mai das erste Mal zusammengetroffen." Aber Annen sagt auch: "Ich weiß nicht, ob wir uns ohne Corona getraut hätten so ein Album zu machen - eher skizzenhaft, weniger klassische Popsongs."
Erste Rückmeldungen zum Album beinhalten oft, dass sich Leute in den Liedern verstanden fühlen, erzählt Annen. Er sagt:
Wir wollten keine Mutmacher-Songs schreiben, aber ich finde es schön, wenn es den Leuten hilft.
Christopher Annen, Gitarrist der Band

"Bitte keine Isolationsromane von Männern!"

"Was ich wirklich auf keinen Fall lesen möchte, sind Corona-Isolationsromane von Männern, die eine Zeit der Einkehr, Ruhe und Besinnlichkeit erleben", sagt Krimi-Autorin Simone Buchholz. Die Corona-Krise zementiere sonst Strukturen, die überwunden geglaubt waren: Männer, die ungestört Genies sein können, während Frauen schuften und die Kinderbetreuung und das Homeschooling übernehmen.  
Sie hofft, dass sich die Krise im Wesen der Erzählung abbildet. Ihr Genre, den Kriminalroman, sieht Buchholz in dieser Zeit besonders gefragt: "Es ist der Roman der Krise", sagt sie. Sie habe beim Schreiben ihres neuesten Krimis gespürt, wie sehr die Ruhe darin fehlt. "Die Krise hat gezeigt, wir können uns nicht auf die Welt und den Alltag verlassen." Sie spricht von "zerfallenden Realitäten" - vieles was undenkbar schien, sei jetzt normal, zum Beispiel virtuelle Treffen.
Wir brauchen die Kultur nach der Krise zur Versöhnung und Aufarbeitung.
Simone Buchholz, Krimi-Autorin
Die Krise habe vieles offengelegt, was schon lange schieflief. "Der Zugriff des Patriarchats und des Kapitalismus waren so brutal, davon muss lange erzählt werden", sagt sie. Krisen seien auch die Zeit von Autokratie und Populismus.
Umso dringender brauche es jetzt eine Kunst und Kultur, die "laut, unbequem und politisch" sei, ein Pfeiler der Demokratie. "Wenn die Gesellschaft brüchig wird, braucht es Intellektualität", sagt sie. Umso schlimmer sei es, dass viele kleine Bühnen, viele freie Künstler*innen durch die Pandemie vielleicht für immer verschwinden.

"Man kann das nur noch mit Humor nehmen!"

Sören Vogelsang vom Berliner Comedy-Duo "Das Niveau" geht davon aus, dass die Hälfte der freien Kunstszene durch die Corona-Krise verschwinden wird. "Viele Künstler*innen werden es finanziell und emotional nicht mehr schaffen, nach der Krise wieder hochzukommen", sagt er. Dabei sei Kunst in der Krise wichtiger denn je:
Wer das Experiment macht, im Shutdown sieben Tage lag auf Musik zu verzichten, kommt zu dem Schluss, Kunst ist definitiv systemrelevant.
Sören Vogelsang, Comedian
"Das Niveau" macht sich in seinem Song "Corona" eher über das Thema lustig. "Man kann das nur noch mit Humor nehmen", sagt Vogelsang, der ein Video gedreht hat, in dem er die Politik für die fehlende Unterstützung von Künstler*innen kritisiert. Aber er sei nicht der Künstler für einen politischen Song. Wobei: Unpolitisch sei "Corona" nicht - es gehe darum, dass Corona als Ausrede für alles genommen wird - auch fürs AfD-Wählen.
Das Niveau: "Corona"
Er mache sich dabei auf keinen Fall über Erkrankte lustig. "Aber mit Humor verarbeitet man Themen einfach besser, weil man Distanz schafft", sagt er. Vogelsang geht davon aus, dass die Corona-Krise noch lange ihren kulturellen Nachhall findet: "Das Jahr 2020 könnte ein Ausdruck wie 0815 werden", vermutet er. Ansonsten sei für ihn Corona schnell erzählt. Stattdessen fehle für ihn während des Teil-Shutdowns der Input: Das Beobachten in Kneipen und Bars, die Inspiration.
Wie wir uns an die Krise erinnern, wird vor allem davon abhängen, wie lange sie noch dauert.
sagt Philospoh und Autor Gunter Gebauer. Er ist im letzten Kriegsjahr geboren, danach habe es eine Zeit der Hoffnung gegeben. Jetzt gebe es nur einen Hoffnungsschimmer – die Impfung. Doch wie schnell das geht und wie viele sich impfen lassen, sei ungewiss.

Das Ende des Optimismus?

Wenn das Virus noch zwei bis drei Jahre eine Bedrohung bleibt, könnte das unsere allgemeine Weltsicht ändern, sagt er. „Die letzten Jahrzehnte waren in Europa von Optimismus und von Sicherheit geprägt“, sagt er. Dieses Grundgefühl könnte zerrüttet werden.
Wenn es schneller ginge, der Shutdown im Frühling sein Ende hat und die Bevölkerung bis zum Sommer durchgeimpft ist, sähe das anders aus. „Dann könnte das Gefühl überwiegen, eine Gefahr überwunden zu haben“, sagt er. Und wenn man ganz optimistisch sei, könnte uns das im kulturellen Gedächtnis sogar als Stärkung bleiben.

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