: Long Covid: Wenn die Beschwerden bleiben

von Katja Belousova und Christian Ruffus
12.03.2021 | 20:43 Uhr
Sie gelten als genesen und sind dennoch krank: Schätzungen zufolge leiden etwa zehn Prozent der Corona-Erkrankten an Long Covid. Was sind die Symptome? Eine Betroffene berichtet.
Immer mehr eigentlich "genesene" Menschen klagen nach ihrer Corona-Erkrankung über weitere Symptome. So auch Lena Kortenbusch - sie leidet am Fatigue-Syndrom.
Lena Kortenbusch ist erschöpft - seit Monaten. Selbst ein Glas Wasser einzuschenken wird für die 30-Jährige bisweilen zur Herausforderung. Der Grund für ihr Leiden: das Coronavirus.
Im Oktober 2020 infizierte Kortenbusch sich mit dem Erreger, war krank, fühlte sich nach zwei Wochen wieder gesund - und dann schlug nach einigen Monaten Long Covid zu.
Es fühlt sich eigentlich so an, als wenn das Handy nur auf vier Prozent aufgeladen ist - und man wirklich nur vier Prozent für diesen ganzen Tag hat. Und es nicht weiter aufgeladen werden kann.
Lena Kortenbusch

Etwa zehn Prozent von Long Covid betroffen

Lena lebt nun mit der Diagnose Fatigue-Syndrom, einer mitunter chronischen Erschöpfung, die unabhängig von der Schwere der ursprünglichen Infektion auftritt: Eine lähmende Erschöpfung, begleitet von Kopf- und Muskelschmerzen, genannt ME/CFS.
Ähnlich wie der 30-jährigen Erzieherin geht es Schätzungen zufolge einer von zehn an Covid-19 erkrankten Personen. Diese Menschen leiden auch Wochen nach Auftreten der ersten Covid-Symptome unter Langzeitfolgen wie Erschöpfung, Kurzatmigkeit oder Einschränkungen der Motorik. Diese Langzeitfolgen werden als Long Covid bezeichnet - und sollten bei Diskussion über eine mögliche "Durchseuchung" der Bevölkerung und beim Blick auch auf jüngere Erkrankte immer mit bedacht werden.
Beschwerden beim Atmen und das Fatigue-Syndrom - nur zwei der möglichen Langzeitfolgen von Corona. Sehen Sie mehr in unserem Erklärvideo.
Forscher*innen aus China haben 1.733 hospitalisierte Patient*innen aus Wuhan ein halbes Jahr nach Auftreten der ersten Symptome untersucht. Ihr Ergebnis: 76 Prozent von ihnen klagten noch über Folgebeschwerden.
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Nach leichtem Covid-Verlauf können Symptome wiederkehren

Dabei rückt eine Gruppe besonders in den Hintergrund: "Das sind Patienten mit einem leichten oder mittelschweren Akutverlauf, die dann nach einer gewissen Zeit, so nach ein bis vier Monaten, erneut Symptome beschreiben", erklärt Jördis Frommhold.
Sie ist Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien an der Median Klinik in Heiligendamm und spezialisiert auf die Behandlung von Menschen mit Long Covid.

Drei Gruppen von Covid-Genesenen

Jördis Frommhold beobachtet in ihrem Alltag drei Arten von Covid-Genesenen:

  1. "Echte" Genesene, die sehr milde, grippeähnliche Symptome haben und danach auch wirklich gesund sind.
  2. Patient*innen mit einem sehr schweren Akutverlauf, mit langen Beatmungszeiten, die lange auf den Intensivstationen liegen, unabhängig vom Alter oder Vorerkrankungen. Diese Menschen zeigen eine deutlich längere Erholungsphase nach dem Akutverlauf als bei vergleichbaren anderen Lungenerkrankungen.
  3. Patient*innen in einem leichten oder mittelschweren Akutverlauf, die nach ein bis vier Monate erneut Symptome beschreiben.

Frommhold beschreibt, dass diese Gruppe auch unter seelischen Belastungen leidet, "weil sie auf den ersten Blick gesund wirken, aber letztendlich kranke Genesene sind".
Hier fehlt es einfach an Aufklärung und Akzeptanz für dieses Krankheitsbild.
Jördis Frommhold, Chefärztin an der Median Klinik in Heiligendamm

Expert*innen vermuten Autoimmunreaktion

Frommhold vermutet, dass Covid bei diesen Patient*innen im Laufe der Zeit eine Autoimmunreaktion hervorruft - also eine Reaktion, die sich gegen den eigenen Körper wendet.
Wir haben gerade bei Patienten mit vermehrtem Haarausfall, aber auch mit sehr ausgeprägten neurologischen Einschränkungen Autoantikörper nachweisen können.
Jördis Frommhold, Chefärztin an der Median Klinik in Heiligendamm
Für eine klare Aussage sei die Studienlage aber noch zu dünn.

Petition für mehr Aufmerksamkeit von Long Covid

Diese dünne Studienlage, aber auch den Mangel an sogenannten Post-Covid-Ambulanzen und Nachsorgezentren kritisiert die Initiative "Langzeit-COVID". Ambulanzen für Patient*innen mit Langzeitbeschwerden seien in Deutschland nicht flächendeckend eingerichtet und schon jetzt überlastet, erklärt die Initiative auf ZDFheute-Anfrage.
Zudem bedürfe es fachübergreifend angelegter Nachsorge-Zentren in ganz Deutschland. Um dem Problem beizukommen und die Forschung voranzutreiben, hat die Initiative eine Online-Petition gestartet, die sich an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) richtet.
Langzeit Covid ist ein gesamtgesellschaftliches Problem: Es betrifft alle Altersgruppen (einschließlich Kinder und Jugendliche) und entwickelt sich oft unabhängig vom zuvorgehenden Gesundheitszustands (keine Vorerkrankungen) der Betroffenen.
Intiative Langzeit-COVID

Volkswirtschaftliches und gesundheitsökonomisches Problem

"Wären die Hilferufe der ME/CFS-Erkrankten bisher nicht einfach immer ignoriert worden, glaube ich, würde es jetzt vielleicht schon Heilung oder Medikamente, auf jeden Fall Behandlung für diese postviralen Erkrankungen geben", sagt Lena Kortenbusch.
Wann ihre Symptome verschwinden werden, können Expert*innen wie Jördis Frommhold noch nicht sagen. Frommhold warnt aber vor möglichen volkswirtschaftlichen und gesundheitsökonomischen Problemen, wenn Long Covid ignoriert wird. Denn ohne Behandlungen drohen Patient*innen wie Lena Kortenbusch Arbeitsunfähigkeit oder Erwerbsminderung.
Spätestens dieses Argument sollte der Bundesregierung zu denken geben.

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