: Was wir über die Virusvariante P.1 wissen

von Jan Schneider
28.03.2021 | 15:49 Uhr
Kanzleramtschef Braun warnt vor Corona-Mutanten, gegen die Impfstoffe nicht mehr helfen. Eine Mutation, die bereits große Sorgen bereitet, ist die brasilianische P.1-Variante.
Forscher in Brasilien: Dort ist P.1 besonders verbreitet.Quelle: AP
Gesundheitsminister Jens Spahn hat die aktuelle Situation der Corona-Pandemie mit den letzten Kilometern eines Marathons verglichen: Es sei die härteste Phase, aber das Ziel sei nicht mehr weit.
Doch es gibt einen Haken an diesem Bild: Das Ende ist nur nah, wenn das Coronavirus so bleibt, wie es gerade ist, und sich nicht durch Mutationen verändert. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) warnte heute in der "Bild am Sonntag" vor möglichen impfresistenten Coronavirus-Mutanten und sagte, wir seien "in der gefährlichsten Phase der Pandemie".
Wenn jetzt parallel zum Impfen die Infektionszahlen wieder rasant steigen, wächst die Gefahr, dass die nächste Virus-Mutation immun wird gegen den Impfstoff.
Helge Braun
"Dann bräuchten wir neue Impfstoffe, dann müssten wir mit dem Impfen wieder ganz von vorne beginnen", erläuterte der promovierte Arzt.
Große Sorgen macht Wissenschaftlern und Politikern die Virusmutation P.1, die als brasilianische Variante bekannt geworden ist. Was macht sie so gefährlich und wie weit ist sie verbreitet in Deutschland? Ein Überblick:

Wo ist P.1 entstanden?

Die Variante des Sars-CoV-2-Virus wurde erstmals in der brasilianischen Metropole Manaus im Staat Amazonas nachgewiesen und ähnelt in ihren Veränderungen der südafrikanischen Variante.

Wie kommt es zu diesen Mutationen?

In Brasilien ist die Corona-Pandemie schon seit Monaten außer Kontrolle geraten. In Manaus hatten im vergangenen Herbst bereits mehr als 70 Prozent der Bevölkerung Kontakt mit einem Sars-CoV-2-Virus und Antikörper gebildet. Dieser Grad der Durchseuchung gilt eigentlich als Herdenimmunität und Experten hofften, dass die Ausbreitung des Virus nun zurückgehen würde.
Da Viren sich aber bei der Übertragung auf einen neuen Wirt verändern können, gibt es sogenannte Escape-Mutationen. Das Virus versucht damit die Immunantwort der Bevölkerung zu umgehen, um sich trotz der Verbreitung von Antikörpern weiter vermehren zu können. Das geschieht vor allem dann, wenn es viele Neuansteckungen gibt, da eben jede Übertragung auch eine neue Mutation hervorbringen kann. Genau dies ist wohl in Manaus passiert.
Die Krankenhäuser sind voll, die Zahl der Toten steigt: In Brasilien wütet das Corona-Virus. Das Land zählt mehr Neuinfektionen und Tote als jedes andere der Welt.

Was macht P.1 so gefährlich?

Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob die P.1-Mutation gefährlicher ist als der sogenannte Wildtyp des neuartigen Coronavirus. Laut einer Studie soll sie um bis zu 120 Prozent ansteckender sein als die Ursprungsvariante von Covid-19 und in bis zu 61 Prozent der Fälle von vorhandenen Antikörpern nicht erkannt werden. Ob sie auch tödlicher ist, lässt sich schwer untersuchen, da das Gesundheitssystem in Brasilien stark überlastet ist und unklar ist, ob Erkrankte mit schweren Verläufen bei einer besseren Gesundheitsversorgung hätten gerettet werden können.
Experten bereitet besonders große Sorgen, dass sich das Virus durch weitere Escape-Mutationen so weiterentwickeln könnte, dass die vorhandenen Impfstoffe keinen oder weniger Schutz vor einer Infektion und der Erkrankung bieten könnten.
SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach zu P.1
"Im schlimmsten Fall entwickelt sich eine Variante, die uns zwingt, mit dem Impfen bei Null wieder anzufangen", erklärte die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation am Mittwochabend in der ARD.
Seit Anfang März macht P.1 rund die Hälfte der Neuinfektionen in Brasilien aus. Am Freitag wurden erstmals mehr als 100.000 neue Corona-Infektionen innerhalb eines Tages registriert. Das sind ideale Bedingungen für das Virus, weiter zu mutieren.

Wie gut schützen Impfstoffe aktuell?

Diese Frage wird in verschiedenen Studien sehr unterschiedlich beantwortet: Forscher der Universität Oxford kommen in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca besser wirken als bisher angenommen:
Die Ergebnisse legen nahe, dass P.1 möglicherweise weniger resistent gegen die durch Impfstoffe ausgelöste Immunantwort ist als B.1.351.
Gavin Screaton, Autor der Studie
B.1.351 ist die Virusvariante aus Südafrika. Trotzdem zeige die Studie, dass die durch Impfstoffe produzierten Antikörper die Viren der P.1-Variante weniger effizient neutralisieren als die der Ursprungsform von Sars-Cov-2.
Eine andere Studie stellte dagegen fest, dass die Schutzwirkung der Impfstoffe von Biontech und Moderna bei P.1 signifikant geringer sei. Beide Studien wurden noch nicht im Peer-Review-Verfahren begutachtet.
Der Impfstoff von Johnson & Johnson, ist laut der US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel zu 66 Prozent wirksam gegen die brasilianische Variante.

Wie häufig kommt die P.1-Mutation in Deutschland vor?

Am 22. Januar berichtete das Land Hessen erstmals über einen Nachweis der Variante der Linie P.1. Laut dem letzten Bericht zu Virusvarianten von Sars-CoV-2 in Deutschland des Robert-Koch-Instituts wurde die Variante seitdem nur vereinzelt in Deutschland nachgewiesen: insgesamt 130 Fälle bis vergangene Woche das entspricht null bis ein Prozent der untersuchten Proben. Dabei ist es aber wichtig zu erwähnen, dass die sequenzierten Viren keine repräsentative Auswahl darstellen: Die aufwendigen Laboruntersuchungen wie die Gesamtgenomsequenzierung werden meist nur bei größeren Ausbruchsgeschehen und bei schweren klinischen Verläufen durchgeführt.
Wie verbreitet welche Virusvariante in welchem Land ist, kann man auf der Website covariants.org der Epidemiologin Emma Hodcroft vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern genau nachverfolgen.

Hintergründe zu Covid-19

Mehr

Die wichtigsten Daten zum Coronavirus

Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise