FAQ

: Wie sinnvoll sind nächtliche Ausgangssperren?

12.04.2021 | 14:14 Uhr
Der Entwurf für das verschärfte Infektionsschutzgesetz sieht nächtliche Ausgangssperren vor. Was ist das Ziel solcher Maßnahmen, und wie effektiv sind sie eigentlich?
Experten für Aerosole bestreiten, dass nächtliche Ausgangssperren wirken. Die eigentliche Corona-Gefahr lauere drinnen. Wissenschaftler appellieren an die Bundesregierung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Entwurf für das verschärfte Infektionsschutzgesetz sieht eine nächtliche Ausgangssperre von 21 Uhr bis 5 Uhr vor.
  • Ziel solcher Ausgangssperren ist es, besonders private Treffen in Innenräumen zu verhindern.
  • Die Forschung zeigt, dass nächtliche Ausgangssperren Infektionen reduzieren können.
  • Aus der Opposition gibt es Kritik an dem Entwurf.

Welche Maßnahmen soll es konkret geben?

Der Entwurf für ein verschärftes Infektionsschutzgesetz sieht unter anderem bundesweit einheitliche nächtliche Ausgangssperren von 21 Uhr bis 5 Uhr in allen Landkreisen und kreisfreien Städten ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 vor. Dabei soll es nur wenige Ausnahmen geben, etwa für medizinische Notfälle oder den Weg zur Arbeit, nicht aber für abendliche Spaziergänge alleine.

Was ist das Ziel von nächtlichen Ausgangssperren?

Nächtliche Ausgangssperren, die der Entwurf für das verschärfte Infektionsschutzgesetz vorsieht, sollen dabei helfen, Kontakte zu reduzieren und Infektionsketten zu unterbinden.
Sie sind aber nur eine der geplanten Maßnahmen - weitere Regelungen betreffen die Schließung von Schulen, Kitas, Läden, Sportstätten und Kultureinrichtungen. Letztlich geht es bei allen diesen Maßnahmen darum, die Zahl der Corona-Neuinfektionen und die damit verbundene Zahl der Todesfälle und Intensivpatient*innen zu senken.
Steigende Corona-Zahlen - Einige Städte und Kommunen greifen nun zur nächtlichen Ausgangssperre. ZDFheute live spricht mit Stephan Thomae (FDP). Er sieht die Maßnahme kritisch.

Bringen nächtliche Ausgangssperren überhaupt etwas?

Nächtliche Ausgangssperren sind nur ein Baustein eines ganzen Maßnahmen-Katalogs in der Pandemie-Bekämpfung. Grundsätzlich raten Epidemiologen dazu, Kontakte zu meiden und dabei können nächtliche Ausgangssperren helfen, wie die Forschung zeigt.
Forscher um ein Team der Universität Oxford fanden jüngst heraus, dass nächtliche Ausgangsbeschränkungen die Verbreitung des Covid-19-Erregers um rund 13 Prozent reduzieren können.
"Wir werden an die Grenzen kommen“, sagt Karl Lauterbach angesichts der aktuellen Corona-Lage. Er spricht sich für die Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes aus.
Mobilitätsforscher der Technischen Universität und des Zuse-Instituts in Berlin kommen in ihrer jüngsten Studie zu der Erkenntnis, dass eine Ausgangssperre am Abend und in der Nacht besonders Kontakte im Privatbereich reduzieren kann. Demnach zeigt eine Simulation von Mitte Januar (als die ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 noch nicht so weit in Deutschland verbreitet war) eine Halbierung der Infektionen im Freizeitbereich durch eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis 6 Uhr.

Könnten Ausgangssperren auch kontraproduktiv sein?

Laut Expert*innen könnten die nächtlichen Ausgangssperren auch einen negativen Effekt haben. "Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen", schreiben führende Aerosolforscher in einem offenen Brief an Bund und Länder.
In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen.
Offener Brief der Aerosol-Forscher
Die Aerosolforscher bezeichnen Maßnahmen wie die Maskenpflicht beim Joggen in ihrem offenen Brief als symbolische Maßnahmen, die "keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen erwarten" ließen. Im Freien seien Ansteckungen äußerst selten, im Promille-Bereich. Trotzdem ist es wichtig, auch im Freien Corona-Regeln einzuhalten, wie zum Beispiel die Einhaltung von Abstandsregeln.

Was sagt die Politik zu Ausgangssperren?

FDP-Chef Christian Lindner kritisierte im Deutschlandfunk die geplanten Maßnahmen. "Es geht in Wahrheit ja darum, Ansammlungen von Menschen, Wohnungspartys und anderes zu unterbinden. Dafür kann man aber keine generelle Ausgangssperre verhängen. Da gibt es mildere Mittel", so Lindner. Die FDP wolle den Gesetzentwurf nicht mittragen.
Christian Lindner auf Twitter:
Die Grünen und die SPD sagten unterdessen ihre Unterstützung für den Gesetzentwurf zu. In der Sache sei der Gesetzentwurf zwar "dringend nachbesserungsbedürftig", sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Britta Haßelmann, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Aber: "Die Infektionslage und die Situation auf vielen Intensivstationen sind beunruhigend. Es muss dringend gehandelt werden."
Quelle: AFP, dpa, Reuters

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