Die Freude über alles, was irgendwie geht

von L. Houben und K. Schubert
24.09.2020 | 08:58 Uhr
Keine Auftritte, keine Proben, kein Einkommen: Die Corona-Pandemie hat Kulturschaffende zu Beginn besonders hart getroffen. Wie hat sich die Situation seit März entwickelt?
Eine Schauspielerin, ein Dirigent, eine Choreografin: Bereits im März haben Sofie Gross, Miguel Pérez Iñesta und Sonia Bartucelli uns erzählt, was die Corona-Krise für Kulturschaffende bedeutet. Jetzt berichten sie im Video, wie sich die Situation sich in den vergangenen Wochen und Monaten verändert hat:
Eine Schauspielerin, ein Dirigent und eine Tänzerin berichten, wie sie bisher durch die Krise gekommen sind und was sich verändert hat.

Kunst und Kultur während Corona - Freude über Kleinigkeiten

Im März wussten keiner der drei Kulturschaffenden, wie es für sie weitergeht.
Die Konzerte, an denen Miguel Pérez Iñesta mitwirken sollte - abgesagt. "Die letzten Monate waren kompliziert, wegen der Planungssicherheit", sagt der Dirigent heute. Aber: "Es gibt tatsächlich kleinere Sachen, die stattfinden können."
Wir freuen uns auf jedes Konzert als wenn es das letzte wäre.
Miguel Pérez Iñesta
Auch wenn es kompliziert sei - dass es überhaupt wieder kleine Konzerte und Projekte gebe, sei ein "sehr gutes Zeichen", findet Iñesta.

Erst digitaler Unterricht, jetzt wieder im Tanzstudio

Choreografin Sonia Bartucelli, der in Berlin eine Tanzschule gehört, hatte im März plötzlich "absolut kein Einkommen" mehr. Workshops, Theaterstücke und Fernsehproduktionen fielen wegen des Coronavirus kurzfristig aus. Vom Staat hat Bartucelli dann erst einmal Soforthilfe erhalten.

Corona-Hilfen für Kulturschaffende

Das Konjunkturprogramm "Neustart Kultur" des Bundes umfasst Hilfen in Höhe von einer Milliarde Euro.

Bis zu 480 Millionen Euro sollen dabei direkt an Kulturschaffende gehen. Indem ihr künstlerisches Wirken finanziert wird, sollen sie aus der Kurzarbeit geholt werden. Für digitale Angebote stehen 150 Millionen Euro bereit, noch einmal 100 Millionen Euro gibt es für coronabedingte Einnahmeausfälle. Insgesamt 250 Millionen Euro stehen für Hygienekonzepte, Online-Ticket-Systeme oder Belüftungssysteme bereit.

Solo-Selbständige in der Kulturszene können zudem die Überbrückungshilfe beantragen. Die Anträge für die erste Phase (Fördermonate Juni bis August 2020) können noch bis zum 30. September gestellt werden. Für die Fördermonate September bis Dezember können die Anträge voraussichtlich ab Oktober gestellt werden. Mehr Informationen gibt es auf der offiziellen Seite des Bundes: ueberbruckungshilfe-unternehmen.de.

Wie viele Kulturschaffende sind betroffen?

In Deutschland waren Stand 1.1.2020 189.694 selbständige Kulturschaffende bei der Künstlersozialkasse versichert.

Wie sind die Hilfen im Detail aufgebaut?

  • Bis zu 25 Millionen Euro sind für Kulturzentren, Literaturhäuser und soziokulturelle Treffpunkte vorgesehen. Die Kulturbetriebe sollen damit Schutzmaßnahmen umsetzen können, etwa im Kassen- oder Sanitärbereich oder durch den Einbau von Lüftungen. Jede Einrichtung kann bis zu 100.000 Euro beantragen. Die Abwicklung läuft über den Bundesverband Soziokultur.
  • Bis zu 20 Millionen Euro gehen an Gastspiel- und Tournee-Theater. Einzelne Spielstätten können dabei bis zu 200.000 Euro beantragen. In Deutschland gibt es nach Angaben von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bis zu 400 Gastspielhäuser ohne eigenes Ensemble.
  • Vier Millionen Euro gehen an die Frankfurter Buchmesse, eine Million Euro erhält die Leipziger Buchmesse, wenn sie nächstes Jahr stattfindet. Die Verlagsbranche erhält insgesamt zehn Millionen Euro. Dabei können Verlage Druck- und Produktionszuschüsse in Höhe von bis zu 10.000 Euro bekommen. Weitere zehn Millionen stehen für kleinere und mittlere Buchhandlungen bereit.
  • Insgesamt 27 Millionen Euro sollen an kleinere und mittlere Musikclubs sowie Livemusik-Spielstätten gehen. Dabei können die Fördermittel jeweils bis zu 150.000 Euro abgerufen werden.
Mit ihrer Tanzschule wich Bartucelli rasch ins Internet aus. Seit Juni kommen ihre Schülerinnen und Schüler wieder ins Studio. "Die Menschen waren super glücklich, sich wieder sehen zu können, zusammen tanzen zu können", sagt Bartucelli.
Auch eine TV-Serie, für die Bartucelli im März angeworben war, wurde vor ein paar Wochen gedreht. Mit Maske, bei 35 Grad, unter strengen Hygiene-Regeln - "ganz andere Arbeitsbedingungen" als früher, sagt Bartucelli, aber "gut, dass wir so arbeiten durften."
Trotzdem bleiben bei Bartucelli Sorgenfalten. Der Kontakt mit dem Publikum fehlt weiterhin komplett. Und ob verschobene Live-Performances im nächsten Jahr stattfinden können - "wir wissen es nicht", sagt Bartucelli, die derzeit auf weitere Förderprogramme hofft.

Als Synchronsprecherin niemanden gefährden

Sorgen um die langfristigen Folgen für den Kulturbetrieb macht sich auch die Schauspielerin Sofie Gorss. Sie selbst ist bislang gut durch die Krise gekommen. Sie hat als Dozentin einer Münchener Schauspiel-Akademie gearbeitet und als Synchronsprecherin - "eine perfekte Arbeit", sagt Gross, weil sie als Sprecherin alleine im Studio sei und niemanden gefährde.
Wann sie das nächste Mal vor einem vollen Saal Theater spielen kann, weiß Gross aber nicht. Sie glaubt, dass uns die Folgen von Corona "erst in den nächsten zwei Jahren so richtig bewusst werden". Die "meisten freiberuflichen Schauspieler*innen werden es hart haben", eine Gast-Anstellung in Theatern zu ergattern, schätzt Gross. Und was wird aus der Generation, "die jetzt auf den Markt kommt (...). Wird es Stellen geben?"
"Das Theater, wie wir es kennen, - dass man dicht an dicht sitzt, mit vollen Reihen und einer Bomben-Stimmung - das wird es so erstmal nicht mehr geben", sagt Gross.
Und das, ja, das ist ganz schön erschreckend, ehrlich gesagt.
Sofie Gross
Sehen Sie hier noch einmal, wie Dirigent Iñesta, Choreografin Bartucelli und Schauspielerin Gross die Corona-Krise im März wahrgenommen haben.

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