: Sind Corona-Schnelltests überflüssig?

von Jan Schneider und Oliver Klein
07.07.2021 | 19:48 Uhr
Nur ein Bruchteil der durchgeführten Corona-Schnelltests hat tatsächlich infizierte Personen entdeckt - trotz allgemein hoher Fallzahlen. Woran liegt das? Ein Überblick.
Ein Corona-Testzentrum in der Stuttgarter Innenstadt.Quelle: dpa
Wer noch nicht vollständig geimpft ist oder als genesen gilt, kommt nicht drumherum: Überall werden negative Corona-Schnelltests verlangt, ob am Eingang des Fitness-Studios, im Restaurant, beim Friseur oder am Einlass zu Konzerten.
Tausende Schnelltest-Stationen schossen im Frühling wie Pilze aus dem Boden - in Zelten in Fußgängerzonen, Bürgerhäusern, Einkaufszentren stochern hastig ausgebildete Helferinnen und Helfer mit Teststäbchen Menschen in Rachen und Nase herum.

Schnelltests: Entdeckung von Infektionen gering

Doch obwohl die Politik hunderte Millionen in die Teststrategie investierte, ist die tatsächliche Ausbeute erschreckend gering. Eine Datenanalyse des SWR zeigt: Von rund 8,5 Millionen Schnelltests, die beispielsweise im Mai in Baden-Württemberg abgerechnet wurden, waren gerade mal knapp 4.000 positiv - eine Quote von 0,05 Prozent. Ein ähnliches Bild bietet sich in Rheinland-Pfalz.
Deutschlandweit waren im Mai gut 20.000 Schnelltests positiv, die dann auch mittels eines PCR-Tests bestätigt wurden. Das sind gerade mal rund sieben Prozent der 270.000 neuen Infektionen, die insgesamt im Mai verzeichnet wurden. Die Massentests haben demnach nur einen geringen Anteil an den offiziellen Infektionszahlen. Doch warum ist die Ausbeute der Schnelltests so gering? ZDFheute zeigt mögliche Gründe auf:

Antigen-Tests finden nur in kleinem Zeitfenster Infizierte

Das Zeitfenster, in dem ein Antigen-Test eine Infektion erkennt, ist deutlich kleiner als bei einem PCR-Test. PCR-Tests können eine Infektion sowohl früher als auch noch länger nachweisen. Von der Infektion bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Schnelltest sie erkennt, vergehen etwa vier Tage.
Quelle: RKI
Wer in dieser Zeit also einen Schnelltest macht, wird ein negatives Ergebnis bekommen und kann damit alle Vorzüge eines negativ Getesteten genießen - trotz Infektion und möglicher Ansteckungsgefahr für sein Umfeld.

Auf den Abstrich kommt es an

Ähnlich wie bei einem PCR-Test hängt die Genauigkeit auch bei den Antigen-Schnelltests sehr stark von der Qualität des Rachen- oder Nasenabstrichs ab. Der Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands Deutscher Laborärzte formuliert das gegenüber ZDFheute so:
Beim Abstrich im Rachen sollte schon ein leichter Würgereiz kommen, in der Nase ein paar Tränen.
Andreas Bobrowski, Laborarzt-Verband
Bobrowski bemängelt in diesem Zusammenhang, dass die Entnahme von Abstrichen eigentlich eine ärztliche Leistung sei, in vielen Schnelltest-Stationen werde sie aber von nicht-medizinischem Personal durchgeführt. Das könne zu Qualitätsverlust der Proben führen. Das Problem dabei: Ein Antigen-Schnelltests erkennt nicht, ob ausreichend Probenmaterial entnommen wurde. Bei einem PCR-Test würde das auffallen und die Probe an den Einsender zurückgegeben. Auch der Kontrollstreifen auf den Schnelltests gibt nur an, ob die richtige Flüssigkeit auf den Test aufgetragen wurde, nicht, ob die entnommene Probe zur Feststellung einer Infektion mit Sars-CoV-2 ausreicht.

Andreas Bobrowski...

Quelle: BDL/Labor Lübeck
...ist Labormediziner und Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands Deutscher Laborärzte.
Hinzu komme, so Bobrowski, dass Getestete in den Teststationen auch in gewisser Weise "Kunden" seien, und man ein Interesse daran habe, dass sie wiederkommen. Auch deshalb könnten die Abstriche sanfter gemacht werden, als für die Auswertung nötig wäre.
Bobrowski berichtet, dass viel der im Labor positiv getesteten Personen zuvor mehrfach negative Schnelltests gemacht hatten und von der Infektion unangenehm überrascht wurden.
Man wiegt die Bevölkerung in einer falschen Sicherheit.
Andreas Bobrowski

Hitze in der Teststation

Antigen-Schnelltests haben in der Regel eine Zulassung bei Zimmertemperatur. Gelagert werden sollen sie bei mindestens zehn, maximal 30 Grad Celsius. Nun befinden sich allerdings viele Testzentren in Zelten oder Containern. Für die Daten aus dem verregneten Mai spielt das vermutlich keine größere Rolle, im heißen Juni kann es aber viele Testergebnisse verfälscht haben.
Manchmal waren ganze Serien positiv, und keiner hat sich bestätigt. Das war gerade nach den Tagen, an denen es so heiß war.
Andreas Bobrowski

Betrug mit Testzahlen

Ein weiterer Faktor für die hohe Diskrepanz zwischen Tests und entdeckten Infektionen könnte die mangelnde Überwachung der Teststationen sein: Der Verdacht auf Testbetrug in großem Stil war durch eine Veröffentlichung von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" Ende Mai aufgekommen. Die abgerechneten Tests mehrerer von den Reportern beobachteter Stellen überstiegen demnach die Besucher an einzelnen Tagen deutlich. Erfundene Tests finden natürlich keine Infizierten.
Damals berichtete tagesschau.de, die Testzentren müssten für die Abrechnung der Leistung keine Namen und keine Anschrift der Getesteten übermitteln. Sie müssten noch nicht mal nachweisen, dass sie Antigentests eingekauft haben. Es reiche, den Kassenärztlichen Vereinigungen die Zahl der Getesteten ohne jeglichen Beleg zu übermitteln - und schon bekämen sie kurze Zeit später Geld für die Leistung überwiesen. 

Wo machen die Schnelltests noch Sinn?

In der Zeit der sehr hohen Infektionszahlen konnten Antigen-Schnelltests die Eindämmung der Pandemie zu einem gewissen Grad unterstützen. Bei den aktuell geringeren Zahlen sei es jedoch ratsam, die Teststrategie zu überdenken und wieder zum "Gold-Standart" PCR-Test zurückzukehren, meint Laborarzt Bobrowski. Die Labore verfügten über ausreichend Kapazitäten und könnten diese zeitnah auswerten.
Geeignet seien die Schnelltests weiterhin für symptomatische Fälle, um zu unterscheiden, ob es sich um eine Corona-Infektion handle oder um eine Grippe oder Ähnliches. Für Massentests asymptomatischer Menschen gebe es aktuell keine sinnvollen Argumente.

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