: Drohen Thrombosen auch bei Sputnik und J&J?

von Katja Belousova
01.04.2021 | 15:07 Uhr
Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca könnte in wenigen Fällen besondere Thrombosen auslösen. Ist das auch bei den Vektorimpfstoffen von Johnson & Johnson oder Sputnik zu erwarten?
Aktuell prüft die EMA noch, ob Sputnik V auch in Europa zugelassen wird.Quelle: Reuters
Immer wieder Astrazeneca. Der Coronavirus-Impfstoff des schwedisch-britischen Pharmakonzerns kommt nicht aus den Schlagzeilen. Aktuell verdichten sich die Anzeichen, dass das Vakzin in äußerst seltenen Fällen möglicherweise Sinusvenenthrombosen hervorrufen könnte.
Gemeldet wurde dem Paul-Ehrlich-Institut bisher etwa ein Fall pro 100.000 Impfungen mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca.
Paul-Ehrlich-Institut
Bei der Suche nach der Ursache für die Symptome gibt es noch viele offene Fragen. Eine Theorie ist, dass die äußerst selten auftretenden Thrombosen etwas mit den beim Astrazeneca-Impfstoff verwendeten Adenoviren zu tun haben könnten.

Was sind Sinusvenenthrombosen?

Bei dieser Art von Thrombose kommt es zu einem Verschluss bestimmter Venen im Gehirn durch Blutgerinnsel. Die Folge: Kopfschmerzen. Zudem können epileptische Anfälle, Lähmungen, Sprachstörungen oder Blutungen an der Haut auftreten.

Wie viele Fälle gab es bisher?

Bis zum 29. März 2021 wurden dem Paul-Ehrlich-Institut 31 Fälle einer Sinus- oder Hirnvenenthrombose nach Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca (Vaxzevrira) gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich. Die Thrombosen traten in der Regel 4 bis 16 Tage nach der Impfung auf. Laut Robert-Koch-Institut gab es bislang über 2,8 Millionen Erst- und knapp 2.000 Zweitimpfungen mit Astrazeneca (Stand 30. März 2021).

Wie häufig kommen solche Thrombosen normalerweise vor?

Bei 1,6 Millionen Menschen sind in 14 Tagen statistisch gesehen nur 1 bis 1,4 solche Thrombosen zu erwarten. Die bisher gemeldeten Fälle sind wenig, aber dennoch häufiger als zu erwarten wäre.

Quelle: RKI, PEI, dpa

So funktionieren Sputnik V und Johnson & Johnson

Sollte sich diese Theorie bewahrheiten, stellt sich die Frage: Sind die Thrombosen auch beim russischen Sputnik V und dem gerade in der EU zugelassenen Vakzin von Johnson & Johnson (J&J) und Janssen zu erwarten?
Denn wie Astrazenecas Vakzin Vaxzevrira sind auch Sputnik V und das J&J-Mittel Vektorimpfstoffe, die harmlose Adenoviren als Transporter benutzen, um genetische Informationen für ein Eiweiß des Sars-CoV-2-Virus in den Körper zu schleusen - und dadurch Antikörper gegen das Coronavirus zu bilden.
Wegen der Empfehlung, dass Astrazeneca nur noch an über 60-Jährige verimpft werden soll, glühen in den Impfzentren und Service-Hotlines die Leitungen. Stornieren, Umplanen, Umbuchen - und vor allem: viele Frage beantworten!

Gerinnsel entstehen wohl durch Antikörper - doch woher kommen sie?

Forschende an der Universitätsmedizin Greifswald haben herausgefunden, dass die Bildung der Gerinnsel über eine starke Immunantwort und dabei entstehende, besondere Antikörper laufen könnte. "Wir meinen, dass wir einen Zusammenhang nachweisen können zwischen dem Vorliegen dieser Antikörper und dem Auftreten der Thrombosen", erklärte Andreas Greinacher, Leiter der Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald.
Unklar ist aber, was genau diese Reaktion nach einer Impfung mit Astrazeneca hervorruft. Forschende mutmaßen aber, dass der Mechanismus hervorgerufen werden könnte durch:
  • die Bestandteile des Adenovirus-Vektors oder
  • das nach der Impfung gebildete Spike-Protein oder
  • eine allgemeine unspezifische Entzündungsreaktion.

Thesen zu Spike-Protein und Adenoviren

Gegen die These mit dem Spike-Protein spricht jedoch, dass diese speziellen Thrombosen noch nicht bei anderen häufig verimpften Stoffen oder bei Covid-19 selbst beobachtet wurden. "Die anderen Impfstoffe lösen offensichtlich dieses Autoimmunphänomen nicht aus", erklärt Johannes Oldenburg, Thrombose-Experte von der Uni-Klinik Bonn.
Laut aktuellem Forschungsstand sieht es eher danach aus, dass es sich um eine Reaktion auf die Adenoviren als auf das Spike-Protein handelt. Noch ist es aber zu früh, um sagen zu können, ob die Thrombosen auch bei Sputnik und J&J auftreten. Das machte Andreas Greinacher von der Uni Greifswald am Mittwoch bei einem Pressegespräch deutlich.
Um das erforschen zu können, müssten er und sein Team Proben der beiden Impfstoffe haben. Die hätten die Forschenden noch nicht - sie hoffen aber, diese bald zu bekommen.
[Was das Spike-Protein ist und wie das Coronavirus aufgebaut ist, können Sie in unserer 3D-Story sehen.]
Fast 60 Länder haben den russischen Impfstoff Sputnik-V bereits offiziell registriert. In Russland selbst hält die Skepsis dagegen aber an.

Noch nie so viele Menschen mit Vektorimpfstoff geimpft

"Es ist nicht auszuschließen, dass die Komplikationen auch etwas mit der Menge an Adenoviren zu tun haben könnten, weil wir noch nicht wissen, was genau die Immunantwort auf die Blutplättchen auslöst", sagt der Berliner Infektiologe Leif Erik Sander im Gespräch mit ZDFheute.
Nach bisherigen Erkenntnissen sei es aber am ehesten ein Impfstoff-spezifisches Problem und nicht das der ganzen Vektorimpfstoff-Klasse, meint Sander.
Das Problem könnte auch an der Produktion liegen. Bisher ist aber noch vieles unklar.
Leif Erik Sander, Infektiologe an der Charité
Diese unklare Datenlage hängt auch damit zusammen, dass man noch nie so viele Menschen mit einem Vektorimpfstoff geimpft hat.
Man hätte solche seltenen Komplikationen wie die Sinusvenenthrombosen vorher nicht beobachten können, weil man vorher noch nie so viele Menschen mit einem Vektorimpfstoff geimpft hat.
Leif Erik Sander, Infektiologe an der Charité

Unterschiede zwischen verwendeten Adenoviren

Die Probleme bei Astrazeneca müssen sich also nicht zwangsläufig bei anderen Vektorimpfstoffen wiederholen - selbst nicht bei denen auf Adenoviren-Basis. Denn auch hier gibt es Unterschiede: So nutzt Astrazeneca Adenoviren von Schimpansen für sein Vakzin, Sputnik und das Mittel von J&J nutzen hingegen humane Adenoviren.
Sollte das Adenovirus aber tatsächlich ein Risikofaktor sein, könnte diese Erkenntnis auch einen positiven Aspekt haben: Sie könnte dazu beitragen, "die Sicherheit von Impfungen zu verbessern, indem in Zukunft alternative Vektoren verwendet werden", erklärt die Wiener Thrombose-Expertin Alice Assinger.

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