: "Das Gefühl, dass alles zusammenbricht"

von Marcel Burkhardt
03.04.2021 | 20:53 Uhr
Syrien ist von zehn Jahren Krieg zerstört. Die Corona-Pandemie verschärft noch zusätzlich die Lage. Mediziner und Geflüchtete berichten ZDFheute über ihre große Not.
Corona hat die medizinische Lage in Syrien verschärft: Betten für Patienten sind rar.Quelle: imago

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach zehn Jahren Krieg in Syrien hofft die Gesellschaft auf einen Aufbruch aus dem Elend.
  • Die Corona-Pandemie stürzt das wirtschaftlich am Boden liegende Land aber in neue Nöte.
  • Medizinische Ausrüstung, Treibstoff und selbst Grundnahrungsmittel sind Mangelware.
Der junge Arzt aus Damaskus kämpft seit einem Jahr in einem staatlichen syrischen Krankenhaus an der Corona-Front. Zunehmend verzweifelt, wie der 33-Jährige im Videogespräch mit ZDFheute sagt. Aus Sorge vor Repressionen bittet der Arzt um Anonymität und will öffentlich schlicht Bassam genannt werden.
Die dritte Corona-Welle hat alle Kliniken in Damaskus mit Patienten überschwemmt. Wir kämpfen hier zunehmend auf verlorenem Posten.
Bassam, Arzt in Damaskus
ZDFheute führt regelmäßig Gespräche mit dem Mediziner. Bereits vor Monaten schilderte er die Lage in der Klinik, in der er arbeitet, als desaströs: "Hier fehlt es uns an allem. Obwohl wir Tag und Nacht im Einsatz sind, können wir vielen Patienten nicht helfen. Das macht Angehörige wütend. Sie beschimpfen uns, schreien, drohen, manche schlagen zu. Es ist der Wahnsinn."

Corona hat Damaskus "fest im Griff"

Die Situation habe sich seither weiter verschlechtert. "Die Patienten liegen auf den Fluren, auf dem Boden", sagt Bassam. "Ich bin einiges gewohnt, aber dieses Leid verfolgt mich bis in meine Träume."
Das Virus, berichtet er, habe Damaskus "fest im Griff". Kaum eine Familie, die verschont bleibe. "Auch bei uns daheim haben alle Covid - zum Glück bislang mit milden bis moderaten Symptomen", sagt der Arzt.
Mehr als 13 Millionen Syrer leiden aktuell unter Hunger oder haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Ein milliardenschweres Hilfspaket der UN soll das ändern.

Auch Brot vielerorts in Syrien Mangelware

Wenn er auf dem Weg zur Arbeit die langen Menschenreihen vor den Bäckereien sehe, das Heer von bitterarmen Menschen auf der Straße oder wütende Auto- und LKW-Fahrer an Tankstellen, die kein Benzin mehr bekommen, dann habe er "das Gefühl, dass hier gerade alles zusammenbricht".
Dabei ist sich Bassam bewusst, dass er zu den Glücklicheren in einem in großen Teilen zerstörten Land gehört. Er hat ein Dach über dem Kopf und ein - wenn auch geringes - Einkommen. Der Arzt gehört zu jenen zehn Prozent der Menschen in Syrien, die nicht unter der Armutsgrenze leben müssen.

Hungersnot und Überlebenskampf in Flüchtlingslagern

In zahlreichen Flüchtlingscamps im Nordwesten des Landes herrscht Helfern zufolge Hungersnot. Der Sanitäter Bilal Makhzom arbeitet in der Region Idlib für eine syrische Hilfsorganisation, die Bedürftige in Zeltlagern mit dem Nötigsten versorgt. Im Gespräch mit ZDFheute sagt er:
Viele Familien kämpfen täglich ums Überleben. Der Winter in den Zeltstädten war grausam. Es hat an Decken, warmer Kleidung, Brennholz und Medikamenten gefehlt. Viele Menschen sind krank geworden und gestorben.
Bilal Makhzom, Sanitäter in der Region Idlib
Mit einfachsten Mitteln versuchen sie Geflüchteten bescheidene Unterkünfte aus Beton zu errichten. Ein-Zimmer-Bauten auf offenem Feld, die zumindest Schutz vor Wind und Regen bieten sollen.
Im Bürgerkriegsland Syrien ist die Versorgungslage der Menschen schlecht: Viele leben in Flüchtlingslagern, dem UN-Welternährungsprogramm reichen die Mittel nicht.

Trügerische Normalität an syrisch-türkischer Grenze

Sarah Kasem bestätigt, dass "an vielen Stellen mitten im Nichts kleine Siedlungen aus dem Boden wachsen". Die 21-jährige Studentin zählt zu den etwa sechs Millionen binnenvertriebenen Syrern. Ihre Familie aber hat es etwas besser getroffen.
In einer Kleinstadt an der Grenze zur Türkei haben die Kasems vor Jahren einen Laden eröffnet. Sie haben sich inzwischen ein Stück Land gekauft, auf dem sie nun ein Haus bauen. Sarah Kasem führt mit ihrem Mobiltelefon durch den Garten, in dem erste Blumen, Obst und Gemüse wachsen.
"Wir wollen uns hier ein neues Leben aufbauen", sagt die junge Frau. Einem spontanen, kurzen Lachen folgt plötzlich Stille, dann ein Seufzen. Der Grund: permanente Unsicherheit. "Wir leben hier in einem von der Türkei kontrollierten Gebiet, aber immer wieder fliegen syrische Helikopter und russische Kampfjets über unsere Köpfe hinweg", sagt Sarah Kasem. Sie spürt, dass Kräfte, die sie nicht kontrollieren kann, entscheiden, ob ihr ein Weg in eine bessere Zukunft beschieden sein wird – oder nicht.

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